Kultur

Der Plan vom Augsburger Dom (hier seine Südansicht) stammt von 1936. Im Maßstab von 1:200 misst das Original 86 mal 69 Zentimeter. (Foto: STAA/STBA Augsburg)

03.09.2021

Himmlisch erhabene Architektur

Das Staatliche Bauamt Augsburg hat nach der Digitalisierung seinen Bestand an Plänen dem zuständigen Staatsarchiv übergeben

Das Staatliche Bauamt Augsburg begann 2019, seinen Gesamtbestand analoger Pläne im Bereich Hochbau durch einen Dienstleister scannen zu lassen. Im Bauamt nutzt man nun die Digitalisate – die analogen Pläne werden nach und nach dem Staatsarchiv Augsburg zur Übernahme angeboten. So kamen im vergangenen Jahr rund 500 großformatige Pläne zu Kirchen, Pfarrhöfen und sonstigen kirchlichen Gebäuden wie Mesnerhäusern und Dekanatsgebäuden im Sprengel des Augsburger Bauamts ins Staatsarchiv.

Staatliche Baupflicht

Diese gut erhaltenen Pläne stammen überwiegend aus der Zeit von 1900 bis 1990, einzelne Pläne sind ab 1814 beziehungsweise bis 2002 gezeichnet worden. Sie wurden und werden vom Bauamt im Rahmen der staatlichen Baupflicht an kirchlichen Gebäuden benötigt. Diese meint die rechtliche Verpflichtung, ein dem Gottesdienst gewidmetes Gebäude oder ein sonstiges, kirchlichen Zwecken dienendes Gebäude zu erbauen oder zu erhalten. Der bayerische Staat hatte diese Verpflichtung infolge der Säkularisierung 1803 übernommen. Die maßgeblichen Festlegungen gehen zum Teil zurück auf das Konzil von Trient (1545 bis 1563), auf die Ansbacher Konsistorialordnung von 1594, auf das Bayerische Landesrecht und das Preußische Allgemeine Landrecht.

Grundlage für die staatliche Leistungspflicht ist die 1963 zwischen dem Freistaat und den sieben katholischen Diözesen sowie der evangelisch-lutherischen Landeskirche geschlossene Baupflichtvereinbarung mit den hierzu gültigen Richtlinien.

Kopieren mit Lichtpausen

Die nun übernommenen Pläne sind Originale, ausgeführt mit Tusche oder Grafit auf Pergamin, einer aus fein gemahlenem Zellstoff hergestellten, weitgehend fettdichten, aber nicht nassfesten Papiersorte. Diese ist stark satiniert und dadurch relativ transparent. Mit diesen Pergaminplänen wurden im Bauamt früher in einem Lichtpausverfahren Arbeitskopien auf Papier erstellt. Zum Einsatz kam hier die sogenannte Diazotypie, ein Ende der 1880er-Jahre erfundenes und immer weiterentwickeltes Verfahren. Dabei werden Kopien basierend auf der Wirkung des Lichtes und ohne den Einsatz eines fotografischen Apparats hergestellt. Bei dieser Technik, mit der Abbilder von technischen Zeichnungen praktisch 1:1 ohne Verschiebung des Maßstabs entstehen, erfolgt die Übertragung des Bildes durch Licht von einer transparenten Vorlage auf eine Kopierschicht des neuen Trägers, meist Papier. Diese Kopierschichten bestehen aus chemischen Lösungen, die je nach Verfahren verschiedene lichtempfindliche chemische Komponenten enthalten. Lichtpausverfahren waren bis zur Einführung des Computers und der digitalen Druckverfahren das gängige Mittel, um Architekturzeichnungen zu kopieren. Die Pläne liegen in unterschiedlichen Formaten von etwa DIN A4 bis A0 und darüber hinaus vor, der größte Plan misst 185 mal 85 Zentimeter.

Im Bestand sind neben einzelnen Lageplänen in den Maßstäben 1:2500, 1:1000 oder 1:500 überwiegend Grundrisse, Ansichten und Schnitte, meist in den Maßstäben 1:200, 1:100 und 1:50, enthalten, Detailpläne sind auch in größeren Maßstäben 1:20, 1:10 oder sogar bis zu 1:1 ausgeführt.

Der Dom in Baudetails

Inhaltlich besonders hervorzuheben sind die etwa 180 Pläne zum Hohen Dom zu Augsburg. Urkundlich ab dem Jahr 823 belegt, erfuhr dieser im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Umbauten, bei den letzten bedeutenden Baumaßnahmen 1863 wurde der Dom im Stil der Neugotik verändert. Mit 113 Metern Länge, 40 Metern Breite und seinen 62 Meter hohen Türmen ist er die größte und bedeutendste Kirche Augsburgs.

Der Planbestand enthält zahlreiche Grundrisse, Ansichten und Schnitte des Domes. Außerdem sind viele Detailpläne überliefert, zum Beispiel zum filigranen Maßwerk des prachtvollen Südportals am Ostchor von circa 1360, der aufwendigsten Portalanlage des 14. Jahrhunderts in Süddeutschland, zu einer Kreuzblume am südlichen Turm und zu den Prophetenfenstern, die zu den ältesten figürlichen Glasmalereien Deutschlands aus der Mitte des 12. Jahrhunderts gehören.

Spannende Umbauten

Auch zu Pfarrkirchen wie derjenigen in Thierhaupten (St. Peter und Paul, im Kern eine romanische Basilika, im 18. Jahrhundert umgebaut und barock ausgestattet), zu Pfarrhöfen wie demjenigen in Todtenweis (1756 bis 1758 errichtet) und zur Burgkirche Oberwittelsbach (gotischer Backsteinbau, 1420 entstanden, im 17. und 19. Jahrhundert umgebaut und neu ausgestattet) sind detailreiche Pläne im Bestand enthalten.

Die Kirche in Oberwittelsbach ist ein aktuelles Beispiel für den Vollzug der staatlichen Baupflicht an Kirchengebäuden. Für 4,2 Millionen Euro wurde die Kirche seit 2014 saniert, die Planungen dafür hatten bereits 2005 begonnen. Im Herbst 2020 erhielt das Staatliche Bauamt Augsburg als Bauherr zusammen mit dem ausführenden Nürnberger Ingenieurbüro für diese Sanierungsmaßnahme den Bayerischen Denkmalpflegepreis 2020 in Gold in der Rubrik „Öffentliche Bauwerke“. Die Preisrichter würdigten damit die mutige Sanierung des Gewölbes der Kirche. Dessen Stabilisierung stellte eine besondere Herausforderung dar. Mit einem innovativen Verfahren gelang es, das Gewölbe zurückzuverformen. Es wurde mit sogenannten Stempeln unterbaut, die die Last möglichst flächig tragen und so den Druck gering halten. Dank dieser Stempel-Technik ist das Gewölbe der Kirche nun wieder stabil. Es bleiben noch Arbeiten am Mauerwerk sowie im Innenraum zu erledigen.

Der gesamte Planbestand wurde im Staatsarchiv Augsburg unter Verwendung der vom Bauamt übermittelten Metadaten detailliert verzeichnet, das Findbuch weist neben Ort, Nutzer, Liegenschaft, Maßstab, Format, Erstellungsjahr und Datum der letzten Änderung des Planes auch Fachsicht, Zeichnungsart und Zeichnungsebene beziehungsweise -beschreibung aus.

Der Bestand ist für verschiedenste Fragen etwa der Heimat- oder Bauforschung interessant. Die vom Bauamt erstellten Scans der Pläne (im PDF-Format, mit 300 dpi gescannt) wurden ebenfalls übernommen und sollen später im Internet der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. (Rainer Jedlitschka)

Abbildungen:
Gerade für die Denkmalerhaltung sind auch Pläne von Architekturdetails eine wichtige Grundlage. Hier die 1901 gezeichnete Kreuzblume am südlichen Turm des Augsburger Domes im Maßstab 1:2. Der Plan misst 77 mal 94 Zentimeter. (Foto: STAA/STBA Augsburg)

Die Burgkirche Oberwittelsbach in Ansichten von Süd und Ost, im Maßstab 1:100 (95 mal 60 Zentimeter, 1967). Die Sanierung dieser Kirche ist ein aktuelles Beispiel für die staatliche Baupflicht bei kirchlichen Gebäuden.    (Foto: STAA/STBA Augsburg)

Information: Der Autor ist Archivoberrat im Staatsarchiv Augsburg.

 

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