Kultur

"MetrOstinato" ist ein Gemeinschaftswerk von Henrike Legner und Ophelia Flassig. Musik des Barock soll in U-Bahn-Stationen gespielt werden. Dabei entstehen viele Wahrnehmungen, die akustisch wie filmisch festgehalten werden. Beim Finale am 17. Mai wollen die Künstlerinnen das mit Film und Livemusik auf der Bühne zusammenführen. (Foto: Gregory Giakis)

02.02.2024

Hoch vom Sitz und mitmachen!

An der Hochschule für Musik und Theater München werden innovative Konzertformate ausgetüftelt

Hochspannung bis höchste Anspannung lag in der Luft in und um die Räumlichkeiten der Reaktorhalle, dem hochschuleigenen Spielort in der Münchner Luisenstraße. Ein neuer Wettbewerb wurde Ende 2023 ausgerufen, bei dem sich Studierende der Hochschule für Musik und Theater (HMTM) aus allen Fächern heraus bewerben konnten – wenn gewünscht, zur Zusammenarbeit auch mit externen Partner*innen. Das Schlagwort lautet: innovative Konzertformate. Seit Jahren als eines der wichtigsten Trendwörter der Konzertszene gehandelt, versprechen sich herkömmlich geschulte Konzert- und Opernhäuser darin den gewünschten Erneuerungseffekt, der die scheinbar unauflösliche Hürde zwischen „hoher Kunst“ und „gemeinem Volk“ meistern soll. Schlicht gesagt: Ein neues Publikum soll mit attraktiven, partizipativen Formaten in die Häuser gelockt werden.

Konzerte designen

Natürlich ist Musik im Wandel und man kann Beethoven sicher auch szenisch interpretieren. Oder nichtklassische Musik ins Konzerthaus holen. Bestenfalls entstehen dabei spannende, neue künstlerische Arbeiten. Ein wichtiger Vertreter dieser Strömung ist der Mitgründer des Berliner Spielorts Radialsystem, Folkert Uhde, der selbst den Beruf des Konzertdesi-gners für sich und andere mitgeprägt hat. Eben dieser war auch im Rahmen des HMTM-Wettbewerbs mit einem Auftaktworkshop im vergangenen Herbst involviert. Im Anschluss konnten sich die Studierenden – begleitet durch eine Lehrveranstaltung – bis Ende November bewerben. Die elfköpfige Jury bestand aus Lehrbeauftragten aller Fächer an der HMTM,
Die sechs interessantesten Projekte wurden nun in 15-minütigen Pitches bei einem öffentlichen Showcase-Format präsentiert – vor voll besetztem Saal, moderiert von der Dozentin für Konzertdesign an der HMTM, Hanni Liang. Drei der sechs Arbeiten sollen im Nachgang mit 3000 Euro Produktionsgeld prämiert werden und am 17. Mai auf die Bühne der Reaktorhalle kommen.

MetrOstinato der Sängerin Henrike Legner und der Künstlerin Ophelia Flassig war als Opener gleich ein Musterbeispiel der Idee eines neuen Konzertformats: Barockmusik soll in U-Bahn-Stationen in München gespielt und akustisch wie filmisch festgehalten werden. Die U-Bahn-Türen öffnen sich an den Stationen und Barockmusik in kleinen Livebesetzungen dringt herein. Die Vielschichtigkeit der Wahrnehmung wird im Konzert in der Reaktorhalle mit Film und Livemusik zusammengeführt.

Die Multiinstrumentalistin Cordula Kraetzl greift in peindre l’âme (Die Seele malen) ihre Faszination für die Sechs Stücke für Männerchor op. 35 (1929/30), die sogenannten Arbeitermännerchöre von Arnold Schönberg, auf. Hier war ein echtes Interesse zu spüren, als Kraetzl von den Selbstporträts Schönbergs sprach und von ihrer Idee, die Männerchöre von Frauen für Frauenstimmen umschreiben zu lassen. Leider war hier aber noch keine Vision für die Umsetzung wahrzunehmen.

Ein besonderes, persönliches Interesse scheint bei der Pianistin Lili Eisenberg durch, die – überwältigt von der alltäglich auf sie einströmenden Fülle an Informationen und Eindrücken – für Back to Black votiert und ein Konzert im Dunkeln spielen möchte. Sie zitiert spannende Fragmente aus der Musik des blinden Sängers und Pianisten Ray Charles („Auch die Menschen, die sehen können, sollten öfter mal das Licht ausmachen“, meinte sie am Präsentationsabend) und aus den Arbeiten des „Zeitsoziologen“ Hartmut Rosa („Beschleunigung ist das Problem, Resonanz die Lösung“).

Etwas vage blieben die Pitches, als es um eine Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz (KI) ging, die von Natyra Elezi und Daniel Geßl, die das Impromusikgenre vertreten, inhaltlich mit Freiheitsansprüchen politisch aufgeladen wurde, am Ende aber erst mal als nicht weiter erläutertes Interaktionstool für zwei improvisierende Musizierende herhalten sollte. Auch wie das Publikum als drittes Element eingebunden werden soll, blieb noch unklar.

Der EndlichkeitsRausch der Basszitherspielerin Sarah Luisa Wurmer ist ein collagenhaftes Konzert, das zusammen mit der Sängerin Lena Kühn und der Schauspielerin Emma Stratmann zwischen dem auf Kuben sitzendem Publikum gestaltet wird. Insbesondere Stratmann bewegt sich dabei mit Kopflampe und der Rezitation aktueller Nachrichten auf das Publikum zu. In was für eine Arbeit die zehnminütige Präsentation schließlich führen soll, wurde nicht ganz klar.

In Rausch tanzen

Umso deutlicher wurde es beim letzten, vermutlich bewusst ans Ende gesetzten Projekt des Abends, dem Sharp Objects Ecstatic Dance Rave: eine Zusammenarbeit von zehn Musiker*innen und einer Tänzerin, die von dem Schlagzeuger Nathan Carruthers, dem Gitarristen Oscar Mosquera und der Pianistin Marina Schlagintweit angeleitet wurde. Letztere lud nach den ersten Takten eines optimistischen Clubbeats das Publikum ein, der Tänzerin zu folgen, mitzutanzen und eben das Ritual des „Ecstatic Dance“ in Ansätzen zu vollführen: sich gemeinsam in einen Rausch tanzen, wie es derzeit auf fast jedem Neohippie-Festival praktiziert wird. Das Versprechen: Wenn das Projekt ausgewählt würde, könnte man die Erfahrung in Gänze, über Stunden hinweg machen. Bei der kurzen Präsentation folgte das Publikum und es entstand ein einigermaßen skurriles Szenario, in dem allerlei verschiedene Menschen einen Happy Dance initiierten.

Hier brachten die Studierenden auf jeden Fall schlichtweg begeistert eine Musik und Tanzpraxis in die Räume der Musikhochschule, die dort wahrscheinlich eher selten ihren Platz hat, aber vollen Anklang fand. Sonja Stibi, die mittanzende Initiatorin des Wettbewerbs, Juryvorsitzende und Professorin für Musikvermittlung, grübelte über ihre Rolle: Hat sie noch, wenn sie mittanzt, eine kritische Distanz? Die meisten Jurymitglieder blieben auf dem Podium. Ihr Votum: Im Finale am 17. Mai wird man MetrOstinato, Back to Black und EndlichkeitsRausch ausgearbeitet erleben dürfen. (Bastian Zimmermann)

 

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