Kultur

Dem Schauspielnachwuchs gelingen eindrückliche Momente. Hier Charlotte Hovenbitzer und Annika Neugart als Königin Elisabeth und Richard III. (Foto: Sima Dehgani)

24.03.2023

Im Gender-Schlachthaus: "Richard Drei" in München

Die Münchner Otto-Falckenberg-Schule spielt mit Verve Katja Brunners Shakespeare-Überschreibung „Richard Drei“

Die größten Lacher gab es bei der Begrüßung kurz vor Aufführungsbeginn. Auf der Generalprobe habe sich Annika Neugart den Fuß verletzt, wurde dem Publikum erklärt. Sie gestalte zwar die Titelpartie, müsse aber eine orthopädische Gehhilfe tragen. „Das ist nicht Teil der Ausstattung.“ Gut, dass auch dies geklärt wurde, denn: Das klobige, graue Fußkorsett hätte zum Stil der Kostüme und Bühne von Janina Sieber ganz gut gepasst.

Es ist tatsächlich Glück im Unglück, was da dem dritten Jahrgang der Otto-Falckenberg-Schule in München widerfahren ist. Jedenfalls schlägt das Fußkorsett im Grunde eine direkte Brücke zum 1592/93 entstandenen Geschichtsdrama Richard III. von William Shakespeare, das im Werkraum der Münchner Kammerspiele in einer Überschreibung der Schweizerin Katja Brunner gegeben wurde. Bei Shakespeare wird der Titelheld nämlich als von Geburt an missgestaltet und lahm charakterisiert.

Täter und Opfer

Der „Totmacher“ ist also auch ein schuldlos Benachteiligter. Das macht zwar seine grausamen Taten nicht besser, erklärt sie aber psychologisch zumindest ansatzweise. Noch dazu haben die Falckenberg-Truppe und die Regie von Peter Kastenmüller das Fußkorsett ganz wunderbar in das Geschehen integriert. Wenn gegen Ende Charlotte Hovenbitzer als Königin Elisabeth den machthungrig mordenden Richard verflucht, malträtiert sie dabei seinen verletzten Fuß im klobigen Korsett.

Man kann es der Königin nicht verdenken. Immerhin hat Richard für seine eigene Thronbesteigung nicht nur ihren Mann König Edward IV. abschlachten lassen, sondern auch ihre Kinder. Edward ist nebenbei der Bruder von Richard, und die Kinder sind dessen Neffen.

Schon bei Shakespeare ist dieser Charakter ausgesprochen durchtrieben. Seine Missgestalt macht Richard wett mit zynisch-sarkastischem Witz, kalter rhetorischer Brillanz und hinterlistigen Täuschungsmanövern. Er spielt den frommen Christen, besorgten Freund, leidenschaftlichen Liebhaber und schließlich den ehrfürchtig-verantwortungsvollen Regenten, um einzig und allein seinen Machthunger zu stillen. Die Überschreibung von Brunner, im April 2022 in Köln uraufgeführt, trägt den Untertitel „Mitteilungen der Ministerin der Hölle“. Aus Richard wird die Herzogin von Gloucester und schließlich die „Könixin“ Richard III. Das X steht für divers.

Dieser „Gender-Richard“ ist eben anders als die anderen, wie es schon Shakespeare anlegte. Dieser Charakter findet keinen Platz in der Gesellschaft, passt nicht in die Ordnung. Das Problem ist nur, dass das Andersartige dieser Könixin in der insgesamt schrill-bunt ausgestatteten Inszenierung leider nicht wirklich auffällt.

Dafür aber gelingen der Falckenberg-Schauspieltruppe eindrückliche Momente. Allein wie Annika Neugart die Titelpartie ausgestaltet, mit abgebrühter, selbstherrlicher Schnoddrigkeit und arrogantem Wortwitz, ist eine schiere Freude. Sie ist wie aus Teflon: Nichts bleibt an ihr haften, alles perlt ab. Selbst die wortgewaltigen Ausflüchte von Lady Anne und Edward IV., überaus stark gespielt und gesprochen von Carolin Wege und Abel Haffner, können diesem Gender-Richard nichts anhaben. Es lässt ihn alles kalt.

Ob Clara Fenchel als Richards Bruder Clarence, der ebenfalls ermordet wird, Konstantin Schumann als undurchsichtige „Herzog*in von Buckingham“ oder Dara Lalo als Herzoginmutter: Hier wird durchwegs kurzweilig gespielt.

Dass trotzdem einige Längen aufkommen, liegt am Text von Brunner und der Inszenierung von Kastenmüller. Sie tragen keine Dauer von weit über zwei Stunden ohne Pause. Der Wortwitz nutzt sich bald genauso schnell ab wie das Gender-Sujet und das „Gender-Sprech“. Auch die Figuren sind wenig differenziert gezeichnet.
Dafür aber offenbart dieser Gender-Richard ganz nebenbei, dass Frauen oder Diverse in Machtpositionen nicht unbedingt die besseren Menschen sein müssen. Der Mensch ist und bleibt eben nur ein Mensch: die grausamste Kreatur auf Erden. Auch das wusste übrigens schon Shakespeare. (Marco Frei)

 

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