Kultur

Zunehmend verzweifelt: Daniel Pataky als Josef K. (Foto: Pawel Sosnowski)

30.09.2022

In die Ausweglosigkeit getrieben

Einstand von Regensburgs neuem Intendanten mit „Der Prozess“ nach Franz Kafka

Eine biografische Oper über Gottfried von Einem (1918 bis 1996) – das hätte etwas: vom Sohn aus vornehmem Haus über den weltweit erfolgreichen Opernkomponisten bis zum spiritistischen Waldzausel. Es war die „Literaturoper“, die zu seinem Metier wurde: von Büchners Dantons Tod über Schiller bis Nestroy. Seine große Zeit begann in den Fünfzigerjahren, seine ersten beiden Opern wurden bei den Salzburger Festspielen prominent besetzt uraufgeführt. Jetzt hatte Der Prozess nach Frank Kafka seine reichlich verspätete Erstaufführung am Theater Regensburg. Der neue Intendant Sebastian Ritschel, hier auch sein eigener Regisseur und Ausstatter, hat die Inszenierung vom Sächsischen Landestheater Radebeul (Deutschlands größte Reiseopernkompanie) nach Regensburg mitgebracht – und an von Einems Stück stark den Stift angesetzt: Er hat gekürzt und ein anderes Ende geschaffen.

Neuer Schluss

Josef K. liegt bei Kafka noch frühstücksbereit im Bett, als die dubiosen Vollzugsbeamten ihn „verhalten“, am Ende wird er, ohne Urteil und Gericht zu kennen, erdrosselt und erstochen. Bei von Einem wird Josef K. aus dem Dom zu seiner Hinrichtung abgeholt – bei der Regensburger Aufführung wiederum sitzt der bürgerlich-brave Bankbeamte wieder im Sessel der Anfangsszene: Wartet er auf den nächsten Prozess?

Von Einems Kafka-Vorlage war in der Stummfilmzeit 1925 erschienen – ein Blankoscheck für Sebastian Ritschel, die Oper in diese Zeit zu verlegen, in ihre Farben, ihre Kostüme, ihre Filmästhetik, und sie im Gewand eines Sex-and-Crime-Thrillers als psychoanalytische Fallstudie zu sehen. In der klappert K. all die ihm vertrauten Instanzen ab, um den „Prozess“ positiv zu beeinflussen: bei Justiz, Kunst, Kirche, Business – vergebens. Er ist ein Opfer, das sich seiner Unschuld gewiss ist und immer verzweifelter nach möglichen Anklagepunkten sucht, ebenso nach Versprechen seiner Umgebung, ihm helfen zu wollen.

Und immer umgibt Josef K. bei Ritschel eine kaum verhohlene Sexualisierung, die einem auch bei Kafkas Roman kontinuierlich auffällt. In der Regensburger Inszenierung stehen alle Frauen in flammendem Rot als unmissverständlicher Signalfarbe und auf waghalsigen High Heels auf der Bühne, bereit zu einem Quickie am Proszenium: hier leider nicht mit einer einzigen Sängerin besetzt wie bei der Uraufführung; mit hohem Einsatz überzeugen gleichwohl Eva Zalenga, Theodora Varga und Patrizia Häusermann.

Von Einem hat selbst gesagt, das Orchester sei das Wichtigste an seiner Oper. Das stimmt auch in Regensburg: Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Tom Woods (einen neuen Generalmusikdirektor gibt es immer noch nicht) steigert sich in der zweiteiligen Aufführung immer deutlicher in die Erbschaft von Jazz, von Ravel oder Strawinsky und Richard Strauss hinein, in aufrauschend-lyrische Passagen und überdeutliche Akzente der dominierenden Bläser- und Percussionsbesetzung. Dem Sprechgesang der Vokalsolisten gibt das eine bedeutungsschwere Grundlage, der Darsteller des K., Daniel Pataky, bemüht sich, immer mehr Unruhe, Verzweiflung in seinen Part zu bringen: im weißen Anzug der vermeintlichen Unschuld.

Die Drehbühne setzt Ritschel mit drei verschiedenen Bühnenbildern für einen schnellen Ablauf der neun Bilder ein: Treffende Rollenporträts signalisieren die anonyme Justizwelt, werden auch per Video zugespielt wie der heftig aufgeschminkte Untersuchungsrichter oder der Kanzleidirektor, der mit weißem Rauschebart über den Wolken thront: Selbst er kann für Josef K. nichts tun.
Ritschel ist in seiner Inszenierung der Spagat zwischen historischer Literaturvorlage, der Musik der Zwanzigerjahre und der Betroffenheit durch das Heute gelungen, auch mit immer neuen Formen von Skurrilität. Besonders der zweite, längere Teil der Aufführung läuft in einer Klimax des Erotischen, Skurrilen, der Verzweiflung gegenüber den anonymen Mächten auf das Ende zu: Ist das eine Oper zum Thema Vorratsdatenspeicherung? Oder nur Theater auf dem Theater mit dem Fluchtweg durch die Bühnentür? (Uwe Mitsching)

 

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