Kultur

Eine Geschichte, die im alten Griechenland beginnt und im Heute ankommt, und der alle Zeit gegeben wird, um sich zu entwickeln: Elektra (Sarah Schulze-Tenberge) und der Geist ihrer Mutter Klytämnestra (Teresa Trauth) in "Haus ohne Ruhe", eine von Jochen Schölch für das Stadttheater Ingolstadt. Das Stück eröffnete den Reigen der Bayerischen Theatertage, die bis 16. Juni dauern und bei denen insgesamt 26 Inszenierungen zu sehen sind. (Foto: Ludwig Olah)

03.06.2024

Jenseits der Meinungsblasen

Das Stadttheater Ingolstadt punktet mit "Haus ohne Ruhe" bei den Bayerischen Theatertagen

Die 39. Bayerischen Theatertage laufen auf vollen Touren. Noch bis zum 16. Juni gibt es allerlei Schmackhaftes aus einer Art dramaturgischer Pralinenschachtel zu verkosten, ausgewählt von einer Fachjury und dargebracht auf den Bühnen des Stadttheaters Ingolstadt.

Von Staatstheater bis kleine, unabhängige Bühne: Der Blick richtet sich auf vieles. Wie notwendig Theater ist, zeige sich gerade in jenen Zeiten, in denen es für die Verteidigung der demokratischen Werte steht: Das war der Tenor bei der Eröffnung der Theatertage im Großen Haus des Ingolstädter Theaters. Unter dem Motto „Bayern spielt“ geht es um die Vielfalt des Spiels und des großen Potenzials von den Möglichkeiten der Kommunikation außerhalb von Meinungsblasen.

Ein Beispiel dafür, wie gutes Theater gelingt, war gleich bei der Eröffnungspremiere mit einer hauseigenen Inszenierung des Stadttheaters Ingolstadt zu erleben: eine deutschsprachige Erstaufführung mit den Titel Haus ohne Ruhe - eine Überschreibung der Aischylos-Trilogie Orestie durch die schottische Autorin Zinnie Harris. Es ist der Idealfall einer Überschreibung eines alten Textes, der zeigt, was an ihm zeitlos ist. Aischylos ging es um Fragen wie Entscheidungsfreiheit versus göttergewolltes Schicksal, um Rache versus Vergebung, um Schuld und Sühne – das alles verhandelt in einer Königsfamilie, in der erst der Vater die Tochter opfert, dafür dann ermordet wird, wofür die Mörder wiederum mit ihrem Leben büßen müssen. Ist diese Familie verflucht?

Zinnie Harris hat diese uralten, urmenschlichen Fragen und Themen um Liebe und Hass, Mord und Vergebung wieder aufgenommen, den Stoff genutzt und umgeschrieben. Ein enorm eindringlicher, spannender Theaterabend: Wenn man bedenkt, dass die inhaltlich üppige, kraftvolle, raumgreifende Inszenierung durch Jochen Schölch am zwar fünf Stunden dauerte, aber dennoch keine Minute zu lang wirkte, wird man schon erahnen können, wie beeindruckend sie war. Denn Harris, Schölch, Gewerke und Ensemble erzählen eine immergültige Geschichte mit neuen, gegenwärtigen Perspektiven. So wird mit einer literarischen Überschreibung auch eine Überschreibung in den Publikumsköpfen erreicht – eine beispielhafte Erinnerungsarbeit gewissermaßen.

Harris setzt zwei Schwerpunkte. Zum einen geht es darum, dass sie das blutige Rachegeschehen im Stück als konsequente Folge männlichen Gewalthandelns schildert. Nachdem ihr Mann Agamemnon die gemeinsame Tochter Iphigenie geopfert hat, um als potenzieller Held in den Trojanischen Krieg ziehen zu können, bringt ihn seine Frau Klytämnestra nach seiner Rückkehr um. Später tötet ihre Tochter Elektra diese ihre Mutter. Die Opfer männlicher Gewalt als Wurzel sämtlicher Schieflage nehmen sich das Recht zur Rache; bei Aischylos ist das schon angelegt, bei Harris noch konsequenter umgesetzt. Danach aber zerstört die Schuld die Frauen in ihrem Innersten.

Harris übersetzt all die Fragen um Schuld und Sühne in den Raum einer Klinik, in der Elektra behandelt wird und übersetzt Mythologie in Psychiatrie. Da werden die Rachegeister der Erinnyen zu paranoiden Wahnvorstellungen, wird der Fluch der Familie zu  einem Trauma aufgrund innerfamiliärer Gewalterfahrung. Ein Freispruch gelingt nicht, weil Erinnerungen immer bleiben. Eine große Geschichte, groß gemacht auch durch die großartige Inszenierung in Ingolstadt. Und ein Beispiel dafür, wie lang zurück die Tradition des Theaters reicht und wie absolut heutig sie zugleich ist. (Christian Muggenthaler)

 

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!
Die Frage der Woche

Soll die Erbschaftsteuer auf Firmenbesitz erhöht werden?

Unser Pro und Contra jede Woche neu
Diskutieren Sie mit!

Die Frage der Woche – Archiv
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2024

Nächster Erscheinungstermin:
28. November 2025

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 29.11.2024 (PDF, 19 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.