Kultur

Peter Grimes (Peter Marsh) wird in den Freitod getrieben. (Foto: Ludwig olah)

24.06.2022

Kein Pardon für den Kindsmörder

Peter Marsh überzeugt als Peter Grimes in der Nürnberger Opernneuinszenierung

Cliff House Park heißt der Campingplatz an der englischen Küste, und am Ende der Vorstellung fällt einem auch jener mit dem Namen Eichwald in Lügde (Nordrhein-Westfalen) ein. Denn wenn Tilman Knabe jetzt am Staatstheater Nürnberg Benjamin Brittens Oper Peter Grimes inszeniert, dann sind seine Themen und Thesen ganz eindeutig formuliert: das bürgerliche Lebensbild mit Haus, Frau und Kindern gegenüber einer prekären Randgesellschaft, wo man glaubt, für Geld alles haben zu können. Thema ist auch das Statement gegen Kindesmissbrauch und -mord.

Da lässt die Staatsphilharmonie unter Lutz de Veer partiturgerecht zwar den Atlantik toben, aber viel heftiger tanzt der Bär in Aunties Trailorpark-Spelunke. Es wird Gericht gehalten über den Außenseiter und Workaholic Grimes, der von einer richtig bürgerlichen Existenz träumt, vielleicht mit der verwitweten Lehrerin Ellen (Emily Newton ohne alle opernhafte Attitüde). Über den dubiosen Verlust seines ersten Lehrlings urteilt das Gericht im Off zur Musik des Prologs. Dann öffnen sich in einer souverän gehandhabten „Tüllen“-Technik, wie sie Erich Wonder einst perfektioniert hat, Stück für Stück die Dimensionen.

Erschlagen im Campmobil

Das Fischerdörfchen nämlich war für Britten und seinen Librettisten Montagu Slater (nach einer Geschichte aus dem 19. Jahrhundert) der eigentliche Mittelpunkt seiner Oper. Dort bleibt die Frage des Kindesmissbrauchs eigenartig ambivalent offen, ebenso die nach Grimes’ Pädophilie. Damit will sich Tilman Knabe in seiner Inszenierung nicht aufhalten. Für ihn ist der Fischer eindeutig ein Kindsmörder: Der kleine John stürzt nicht die Klippen hinunter, sondern liegt blutüberströmt, erschlagen im Campingwagenbett. Und während der Zwischenspiele zwischen den drei Akten werden Texte über solche Kindsmörder wie Jürgen Bartsch und einschlägige gesetzliche Definitionen (zum Teil kaum lesbar) projiziert.

Der Verdacht gegen den im ersten Prozess freigesprochenen Grimes schmiedet die Cliff House Community zusammen, mit Fackeln und Trommeln stürmt man dekorativ zu Peters Wohnwagen-Fischerhütte. Man gibt sich aber schnell zufrieden, denn die Leiche des Lehrlings ist weg, das Blut aufgewischt. Der frühere Kapitän Balstrode (gewaltig bei Stimme: Sangmin Lee) aber hat genauer beobachtet und rät Grimes zum Freitod auf See. Das ist dann im letzten Bild das einzige Mal, dass in dieser musikalisch so gewaltig vom Meer bestimmten Oper der Strand im Nebel zu sehen ist: mit der Leiche von Grimes in der gelben Öljacke.

Einem Teil des Publikums hat diese sozialkritisch-kriminalistische Fokussierung der Handlung offenbar weniger gefallen. Dennoch: Man hatte im wandlungsfähigen Bühnenbild von Annika Haller und Wilfried Buchholz, besonders mit dem einsatzfreudigen Chor, eine Aufführung erlebt, die unbeirrt in ihrer Botschaft überzeugte – wenn es auch nicht immer die von Britten und seiner poetischen Ambivalenz war.

Dafür war Peter Marsh in jeder Beziehung eine Idealbesetzung: kein klotziger Heldentenor, sondern ein in sich zerrissener junger Mann mit unerschöpflichen vokalen Möglichkeiten für die anspruchsvolle Partie. Mit ihm gelingen auch anrührende Bilder der Einsamkeit, auch wenn denen der maritime Aspekt leider völlig fehlt. Den muss das Orchester scharfkantig, kraftvoll oder mit der Sternenlyrik von „Now the Great Bear and Pleiades“ liefern. Das tut es ganz großartig. (Uwe Mitsching)

 

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