Kultur

Joerg Halubek gründete 2008 ds Orchester il Gusto Barocco, das heuer "Orchestra in Residence" der Bachwoche Ansbach war. (Foto: Bachwoche Ansbach)

05.08.2019

Klassiker zum Schluss

Bei der diesjährigen Bachwoche in Ansbach entfaltete sich wieder die ganze Pracht barocker Klangfarben

Ganz Franken war in den letzten Wochen in Sachen Klassik unterwegs: bei open-airs zu Zehntausenden auf Decken, zur Sakralmusik auf harten Kirchenbänken. Jetzt, bevor auch der „Fränkische Sommer“ zu Ende geht, war man in Ansbach: 20.000 bei der „Bachwoche“ mit 85 Prozent Platzausnutzung und mit den großen Bach-Klassikern zum Schluss. Aber auch viele „Bachwöchner“ aus ganz Deutschland gehören traditionsgemäß und mit vererbten Abonnements dazu. Und sorgen mit bestimmt mehr als 50 Prozent für die ländliche Eleganz der zehn Tage mit 40 Konzerten: der „Sommer-Stoiber“ mit Einstecktuch hatte auch in Franken Saison. Oder die selten gewordene Kunst des Handkusses.

Zwei Bach-Klassiker, natürlich zu 100 Prozent ausverkauft, sorgten dafür, dass man auch in zwei Jahren wiederkommen wird: das letzte der drei „Orchesterkonzerte“ und die „Johannes-Passion“ zeigten, wie sich Intendant Andreas Bomba mehr nach Stuttgart als nach München oder Berlin orientiert. Das Barockorchester „il Gusto Barocco“ kam unter Jörg Halubek aus dem Württembergischen, holt sich seine Musiker aber von überall her, die Gaechinger Cantorey hat nach dem unvergessenen Helmut Rilling jetzt Hans-Christoph Rademann, der sich schon mit dem Dresdner Kammerchor Schütz beispielhaft erarbeitet hat.

Der Untertitel für J. S. Bachs „Brandenburgische Konzerte“: „Six Concerts pour plusieurs instruments“ war natürlich für die Ansbacher Orangerie ein Festivalthema comme il faut: Da spielte das für Ansbach neue Orchestra in Residence alles, was es an barocken Klangfarben deutscher Provenienz gibt, holte junge Leute vom Leipziger Bachpreis 2018 nach Ansbach und zeigte, was es an schönen Barockinstrumenten gibt: den Violone und kleinen Bruder vom Kontrabass, drei Cembali auf einmal für Bachs Konzert BWV 1064. Das schönste davon gehört Halubek selbst, und er spielt auch mit bei seinem mit Akribie historisch informierten Orchester in der Tradition der Bachwochen-Solistengemeinschaft längst vergangener Zeiten.

Den barocken „Geschmack“ zu entdecken, war seine Devise, die Vielfalt der Besetzungen und Bearbeitungen (was auch einen besseren stage-manager verdient gehabt hätte), die Flamboyanz der souverän agierenden Streicher: besonders in den Mittelsätzen substanzreich im Klang und ein kräftiger Contrepart für die drei Cembali. Neu waren da für aufmerksame Hörer ungewohnt aparte Phrasierungen, kratzbürstige Klangfarben in Halubeks unaufwändig-coolem Dirigat.

Andreas Bomba hatte sich in seinen sehr persönlichen Programmheft-Vorworten Gedanken gemacht über Applaus in der Kirche und bei einer Bach-Passion. Am Ende der zwei Stunden „Johannes-Passion“ überholte ihn die Realität: kurzes Innehalten, dann aber langer Beifall. Und das passte denn auch in Rademanns Konzept einer deklamationsstarken Dramaturgie, eines schnell vorüberziehenden Prozessberichts, von „Kunstmusik“ anstatt Gottesdienst.

Diese Idee setzte er mit dem scharfkantig präzisen Chor der Gaechinger Cantorey genauso um wie mit dem gut zwanzigköpfigen Orchester, seiner hohen Antrittskraft und punktgenauen Klangästhetik. Die Vokalsolisten waren hervorragend dazu ausgesucht und eingepasst: von Beginn an mit textorientierter Deutlichkeit („Lasterbeulen“) der packende Altus Benno Schachtner, in ihren zwei Arien die wunderbar expressive Sopranistin Elizabeth Watts, die viril tönenden Bässe Peter Harvey und Matthias Winckhler. Besonders aber mit einem Evangelisten für unsere Zeit: Patrick Grahl war ein mühelos intonierender, erzählerisch klar berichtender Evangelist, kunstvoll in den Tenorarien. Er ganz besonders macht aus der religiösen Bekundung, Erbauung und Versenkung der Barockzeit ein Kunstereignis für heute.

Viele neue Namen also fürs angestammte Bachwochen-Publikum und ansonsten die Musiker, wie sie Bomba für Ansbach liebt und engagiert: die Windsbacher Knaben aus der Nachbarschaft natürlich, Isabelle Faust, Robert Levin, Arabella Steinbacher, das Klavierduo Tal/Groethuysen, Simone Rubino und viele mehr. Rudolf Lutz aus St. Gallen aber war der einzige, der seinem radelnden Ansbacher Freund Bomba eine „surprise“ gewidmet hatte: ein Concerto für Orgel und Streicher, von der Empore der berühmten Wiegleb-Orgel herab und mit dem an „Bomba“ orientierten Titel „Il colpo di canone“. (Uwe Mitsching)

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