Kultur

Die Orgel in der Nürnberger Meistersingerhalle wird viel zu selten gespielt. Holzwürmer, Schimmel und Staub setzen ihr zu. Die Aufnahme entstand bei einer Probe der Nürnberger Symphoniker noch in der Zeit vor Pandemie-Beschränkungen. (Foto: dpa/David Ebener)

16.04.2021

Königliches Aschenputtel

Wie in der Nürnberger Meistersingerhalle verkommen in immer mehr Konzertsälen die Orgeln

Schon vor vier Jahren wurden neben der neapolitanischen Pizza der deutsche Orgelbau und die deutsche Orgelmusik auf die Liste des immateriellen Kulturerbes gesetzt, und aktuell wurde die Orgel in Deutschland zum Instrument des Jahres gekürt. Alle, die mit Orgeln zu tun haben, freuen sich.

Auch für Kirchenmusikdirektor Bernhard Buttmann von St. Sebald in Nürnberg ist die Orgel „das Instrument schlechthin“, selbst wenn er solche pathetischen Überhöhungen wie „Königin der Instrumente“ gar nicht mag. Er setzt sich lieber für solche Mammutprojekte ein wie die CD-Einspielung von Max Regers kompletter Orgelmusik. Er macht sich als Interpret schwierigster Orgelliteratur große Sorgen um die Orgeln in den bayerischen Konzertsälen. Denn wenn die Orgeln aus prominenten Werkstätten wie einst Steinmeyer oder Eule erst einmal stehen, dann stehen sie nur allzu oft still: In den städtischen Kulturetats werden nicht selten die Rückstellungen für den nötigen Kundendienst vergessen.

Bei Kirchenorgeln ist das (noch) kein Problem: Diese werden sonntags gespielt, und ihre altersbedingten Defizite werden schnell hörbar. Aber Orgeln wie in der Nürnberger Meistersingerhalle, der Münchner Philharmonie im Gasteig oder in der Sinfonie an der Regnitz in Bamberg brauchen einen speziellen „Orgelkustos“. Denn, so Buttmann, „Orgeln scheinen nur unverwüstlich zu sein“, sind es aber nur, wenn sie regelmäßig gewartet und gepflegt werden. Seiner Erfahrung nach haben das besonders die empfindlichen Verschleißteile aus Kunststoff (früher Leder), Holz und Metall der Pfeifen nötig.

Alle 20 Jahre ertüchtigen

Buttmann war jahrelang Kustos der Orgel in der Nürnberger Meistersingerhalle, und einen Nachfolger hat er in diesem Amt offenbar nicht. Er zählt die Problemfelder auf: Holzwurm, Schimmelbildung und Staub aus den Mehrzweckräumen, die von Parteitagen und bei Faschingsbällen intensiv genutzt werden. Buttmanns Ansicht nach müssten solche Konzertorgeln spätestens nach 20 Jahren umfassend ertüchtigt werden.

Was alles zum Unterhalt der Orgeln nötig wäre, kann ein Kustos zwar penibel und regelmäßig protokollieren und darüber die Geschäftsführung einer Konzerthalle informieren – meist geschieht das vergeblich: „Es ist wie ein Teufelskreis: Das „Teil“ steht herum, hat vielleicht eine dekorativ-architektonische Bedeutung und prägt das Erscheinungsbild des Saales, aber es wird so gut wie nie eingesetzt und verkommt. Für eine Renovierung steht dann schnell eine sechsstellige Summe im Raum.“ So wie in Augsburg, wo die Orgel der Kongress-/Konzerthalle fast verschrottet worden wäre – und jetzt doch erneuert wurde. Für die Nürnberger Meistersingerhalle sieht Buttmann schon länger die Gefahr, dass auch sie nur noch eingeschränkt spielbar sein wird: „Bei manchen Registern hört man keinen Ton mehr.“

Immerhin hatten die Nürnberger Symphoniker einst beschlossen, dass wenigstens eines ihrer Abonnementkonzerte die Orgel einbeziehen soll. Literatur gibt es genug – aber es blieb bei einer guten Idee vergangener Tage. Wenn die Konzertorgel einmal ihren guten Ruf verloren hat, will kein renommierter Solist mehr darauf spielen und Gefahr laufen, seinen Ruf zu ruinieren.

Das gilt erst recht für einen jungen, erfolgreichen Organisten wie Martin Sturm, der es aus der Oberpfalz auf eine Professur in Weimar geschafft hat: Für ihn braucht eine Orgel „ein mystisches Zentrum, das mich als Spieler und den Hörer extrem berührt“. Dafür sieht er am Horizont der Orgelwelt junge Orgelbauer, „die es schaffen, mit der Intonation und ihrem Handwerk der Orgel eine spezielle Seele zu geben“. Zu denen gehört etwa der von Buttmann geschätzte Immenstädter Orgelmeister Siegfried Schmid, der mit dem Augsburger Auftrag betraut war.

Seine Sorgen um das negative Nürnberger Orgelbeispiel muss Buttmann überdies fortschreiben: Wird der im Moment aufgeschobene neue Konzertsaal doch irgendwann gebaut und erhält er dann auch eine Orgel? Was passiert dann mit der Meistersingerhallen-Orgel, die dann überhaupt nicht mehr gespielt und noch mehr schlechtgeredet werden würde wie in den vergangenen Jahren? „Kein Mensch hat seit 20 Jahren mehr einen Euro in diese Orgel investiert, sie ist nur noch ein dekoratives Schmuckstück.“

Probleme spitzen sich zu

In Corona-Zeiten verschärft sich die Situation aller Orgeln noch mehr: keine Konzerte, immer mehr Staub. Obwohl sich die Pandemie-Vorschriften bei Orgelkonzerten gut realisieren ließen: nur ein Spieler und meistens ein gut verteilbares (und ohnehin gesittetes) Publikum. Aber auch in der Kirche musste Buttmann seinen Bach-Zyklus in St. Sebald nach dem dritten Konzert 2020 abbrechen. Bald war die Hoffnung auf das Frühjahr 2021 auch vergebens. Einfach die Türen spontan aufsperren, das geht wegen der Terminabsprachen mit dem Bayerischen Rundfunk nicht. Ein Fünkchen Hoffnung hat die Orgelwoche 2021 wenigstens mit „Neuen Klängen für die Königin“ – hoffentlich am 1. Juli, aber Ort und Orgel sind im Moment noch unbekannt. (Uwe Mitsching)

 

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