Kultur

Edmund Telgenkämper, Frangiskos Kakoulakis und Johanna Eiworth in den Rollen der Schmidts mit ihrem Adoptivsohn. (Foto: Judith Buss)

01.12.2023

Konfektioniert betroffen

„Frau Schmidt und das Kind aus Charkiw“ in München

Leben wir nicht in prosaischen Zeiten? Für Heinrich Heine war Deutschland zumindest „ein Wintermärchen“, in den Münchner Kammerspielen ist es jetzt bloß noch ein Möbellager: Bühnenbildner Christoph Rufer hat den Werkraum mit Schleiflackschrank, Resopaltisch und Nähmaschinenkommode vollgerümpelt, weil die als Symbole vererbter Altlasten immer taugen. Und um Letztere geht es in Anne Habermehls Auftragsstück Frau Schmidt und das Kind aus Charkiw.

Der erste Teil zeigt eine Familie Schmidt in der Wirtschaftswunderzeit, als alle die deutschen Verbrechen der Nazizeit verdrängen. Weshalb Heimkehrer Erich Schmidt, der in der Ukraine (damals Sowjetunion) Schlimmes gesehen und ein Kind mit einer Zwangsarbeiterin hat, über all das nicht reden kann und sich schließlich erhängt.

Der zweite Teil erzählt von einem anderen Ehepaar Schmidt, das keine Kinder kriegen kann und darum im Jahr 2000 illegal ein Adoptivbaby aus der Ukraine kauft.
Was die Autorin damit sagen will, lässt sie Frau Schmidt gleich selber erklären: „Alles wiederholt sich: Wir haben nichts gesehen, nichts gehört.“ Die Konstruiertheit dieser Doppelstory, die gängige Schnittmuster so kunstgewerblich geschickt vernäht, wie man es im Creative-Writing-Seminar lernt, erzeugt eine Art konfektioniertes Betroffenheitstheater, das niemanden betroffen macht, zumal auch der Bezug zur Ukraine völlig äußerlich bleibt und Aktualität nur behauptet.

Das einzig Bemerkenswerte an dem Text: Sätze werden oft nicht ganz zu Ende formuliert. Hier ist wenigstens in der lädierten Sprache eine Notwendigkeit spürbar, die dem Inhalt fehlt. Diesem Pfad der Normabweichung sollte Anne Habermehl sich als Autorin anvertrauen, statt planvoll angelernte Konventionen zu erfüllen.

Überzeugende Regie

Viel überzeugender ist hingegen die Regiearbeit der Autorin. Hier beweist sie ein sicheres Gefühl für Tempo und Rhythmus – und für die kleinen Gesten, die oft mehr sagen als der Text. Sie hat natürlich auch eine wunderbare Schauspielerin und ebensolche Schauspieler: Edmund Telgenkämper zeigt eine fast vibrierende Konzentriertheit, Johanna Eiworth als Nachkriegsgattin an der Nähmaschine scheint zu glühen, und der große Walter Hess – Arzt und Pfarrer im zeltartigen Riesentalar – ist ohnehin immer ein Ereignis.

Dass der Adoptivsohn, also „das Kind aus Charkiw“, das sich zum verletzlichen Autisten entwickelt, von Frangiskos Kakoulakis gespielt wird, der das Downsyndrom hat, erscheint nicht als beflissene Inklusionsgebärde, sondern wirkt passend, also ganz selbstverständlich. Aber gerade diese Selbstverständlichkeit ist der Stolperstein, der offenbart, dass wir diesen Schauspieler trotzdem speziell in seiner Abweichung wahrnehmen. Wie sagt Frau Schmidt: „Alles wiederholt sich …“ (Alexander Altmann)

 

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