Kultur

Ewiges Leben ist Miguel Chevaliers Pflanzenprojektion "Extra-Natural" (2023) beschieden. (Foto: VG Bild-Kunst/Miguel Chevalier)

17.02.2023

Kopfüber ins Blumenmeer

„Flowers Forever“ in der Kunsthalle München: Kunst, Kitsch und Kuriositäten

Am Ende geht es einem wie Gottfried Benn: „Nimm fort die Amarylle/Ich kann kein Blühen mehr sehn“, dichtete der berühmte Lyriker einst. Ähnliche Gefühle blühen auch dem Publikum, das die neue Ausstellung der Kunsthalle München durchwandert hat und erschöpft von der Überfülle der Exponate (angeblich „nur“ 200) nun dem Ausgang zuschleicht. Flowers Forever heißt die Schau über „Blumen in Kunst und Kultur“, wie der Titel ergänzend besagt. Aber weil sie quasi bei Adam und Eva beginnt und bis in die Gegenwart führt, kann einem angesichts der Fülle unterschiedlichster Eindrücke schon mal etwas blümerant werden.

Wie es sich für einen üppigen Blumenstrauß gehört, weiß man gar nicht, wo vorne und hinten ist und wo man anfangen soll bei der Beschreibung der vielfältigen Sensationen, die hier zum geschmackvollen Ensemble verbunden wurden: Das Spektrum reicht von Kaiserin Sisis güldenem Brautkranz bis zum Graffitikünstler Banksy, von naturkundlichen Präparaten bis zur Jugendstillampe, von der Monstranz bis zu Flower-Power-Klamotten und von chinesischem Porzellan bis zu einem Bühnenbildmodell von Klingsors Zaubergarten für die Uraufführung von Richard Wagners Parsifal.

Form folgt Funktion

Daneben sind Pflanzendarstellungen auf einem ägyptischen Flachrelief aus der Zeit um 1300 vor Christus genauso vertreten wie die raffinierten Bouquets, die die britische Künstlerin Ann Carrington (Jahrgang 1963) aus Hunderten Teilen von altem Silberbesteck höchst illusionistisch zusammenlötet, das damit vom edlen Werkzeug zum zweckfreien Tafelaufsatz mutiert. Das ironische Vexierspiel, bei dem hier Funktion in Ornament umschlägt, jubelt uns gewissermaßen durch die Blume eine hübsch perverse, nämlich rein chronologische Neuinterpretation des Prinzips „form follows function“ unter.

Richtig dekadent, weil eher ironiefrei, waren hingegen die englischen Symbolisten der Belle Époque unterwegs. Bei den meist literarischen Sujets der üblichen Verdächtigen wie Edward Burne-Jones, Dante Gabriel Rossetti und Lawrence Alma-Tadema fungieren Blumen als schwüle Allegorie des Lasziven schlechthin. Denn interessanterweise können Blüten sowohl als Symbol der Reinheit, Unschuld und Natürlichkeit gedeutet werden, als auch, nicht zuletzt wohl ob ihrer botanischen Geschlechtsfunktion, eine deutlich erotische Konnotation hervortreiben.

Das Faszinierendste an dem ganzen mit Kunst, Kitsch und Kuriositäten zugewucherten Treibhaus sind aber doch zwei zeitgenössische Installationen. Neben einer computergesteuerten Phantasieblumenprojektion des Mexikaners Miguel Chevalier (geboren 1959), die durch die Bewegungen der Besucherinnen und Besucher im Raum permanent verändert wird, ist da ein ganz analoger, ja höchst stofflicher Trockenblumentempel (Calyx) der englischen Künstlerin Rebecca Louise Law (geboren 1980): Gut 100 000 von Freiwilligen gesammelte Blüten von Rosen über Hortensien bis zu Gräsern fluten da, auf Kupferfäden geflochten, von der Decke zum Boden herab und bilden so gleichsam einen hängenden, betretbaren Pavillon, der einen vagen, schon leicht heuartigen Rest von Blumenduft verströmt. In seiner naiven Unmittelbarkeit und fragilen physischen Präsenz spiegelt dieses betörende Wunderambiente die Verletzlichkeit und Vitalität zugleich, die in allem Vegetabilen lauert.

Welke Stereotypen

Dass viele beim Thema Blumen in der Kunst sofort abwinken, weil sie an miefige Stillleben denken, zeigt, wie selbstverständlich wir alle von unreflektierten Klischees okkupiert sind. Manchmal aber steckt in solch welken Stereotypen auch ein wahrer Kern, denn hat es nicht wirklich etwas Eskapistisches, sich der harmlosen Schönheit des Floralen zuzuwenden, während ringsum die Welt in Scherben zu gehen droht und eine politische Krise sich auf die nächste wälzt?

Wenn dieser biedermeierliche Ablenkungsimpuls aber so überdeutlich in Erscheinung tritt wie bei der Power-Flower-Schau in der Kunsthalle, dann kippt er, gewollt oder nicht, ins Gegenteil: Wer ganz demonstrativ den Kopf in den Sand – oder eben ins Blumenmeer – steckt, der macht aus dieser Geste automatisch eine Performance, in der das Wegschauen selbst zum eigentlichen Thema wird. Und das ist, weil es eine allgemeine Tendenz grell widerspiegelt, letztlich viel politischer, als die meist bemühten Versuche „Engagement“ in der Kunst erblühen zu lassen. (Alexander Altmann)

Information: Bis 27. August. Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, Theatinerstraße 8, 80333 München.

 

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