Kultur

Um der Herstellungstechnik einer Barock-Gitarre auf die Spur zu kommen, wurde im Institut für Kunsttechnik und Konservierung ihr Korpus im Stil der „experimentellen Archäologie“ nachgebaut. (Foto: GNM/Dirk Messberger)

20.09.2019

Kriminalistische Jagd

Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg zeigt, wie spannend Forschungsarbeit an eigenen Beständen sein kann

Normalerweise stellen Museen Realitäten und Fakten aus, das Germanische Nationalmuseum präsentiert in einer Ausstellung jedoch lauter Fragen. Zum Beispiel: „Ist der deutsche Karneval eine Nürnberger Erfindung?“ Oder schlicht: „Was ist das?“ und „Wer hat das gemacht?“ Die Fragen beziehen sich auf eigene Exponate und auf deren Herkunft, ihre Echtheit. Es geht auch um eine grundlegende Frage: „Was ist das Zukunftsthema für das größte kulturhistorische Museum des deutschsprachigen Raums?“

Alles das ergibt eine Ausstellung der etwas anderen Art, die die eigenen Bestände begreifbar machen will und darstellt, wie so ein riesiges Museum zu Daten und Zuschreibungen kommt: bei Gemälden, Musikinstrumenten oder keltischen Goldhüten. So eine Ausstellung passt gut zum Stabwechsel im Germanischen Nationalmuseum (GNM): nach 25 Jahren von Ulrich Großmann zu seinem bisherigen Stellvertreter Daniel Hess. Großmann kuratierte noch die Ausstellung Abenteuer Forschung, zu der er erzählte, dass er sich dabei wie der Kommissar in einem Fernsehkrimi verstanden habe. Er habe sich und seine Mitarbeiter nicht als Jäger und Sammler verstanden, sondern immer auch als Forscher. So standen seit Beginn seiner Ära immer die Forschungsprojekte im Vordergrund, dann erst die Ausstellungen.

Diesem Prinzip folgt auch die Schau: durch riesige Stellwände abgeteilt in Forschungslabore, wo man nicht nur das Objekt sieht, um das es geht, sondern auch das Instrumentarium der GNM-Wissenschaftler.

So leuchtet dem Besucher zum Beispiel ein wunderschönes Blumenbild entgegen, das die Forschung mit Ultraviolett- und Röntgenstrahlen als Fälschung enttarnt hat: Es setzt sich aus verschiedenen alten Einzelteilen zusammen; die Blütenpracht ist neu arrangiert, Beschädigungen sind repariert. So zeigt es sich nun als „Pasticcio“ des 19. Jahrhunderts aus Zutaten des 17. Jahrhunderts.

Wertvoller Goldklumpen


An prominenter Stelle steht auch der 3000 Jahre alte Ezelsdorfer Goldhut. Aus einem 1953 gefundenen Goldklumpen haben Forscher eines der faszinierendsten Stücke aus der keltischen Urnenfelderzeit gezaubert – der Stolz des GNM. Aber ob es tatsächlich der Zeremonialhut eines Druiden war, weiß man immer noch nicht.

Für ein Museum in Franken ist ebenfalls wichtig: War der metallene „Wurstbügel“ ein Bratwurstmaß für die berühmten kleinen „Nürnberger“? Nein, hat man herausgefunden: Er diente zum händischen Wurststopfen.

Neben solchen netten regional- und volkskundlichen Forschungsobjekten zeigt Abenteuer Forschung auch die großen Forschungscoups, die dem GNM gelungen sind: 1998 hat man eine vermeintliche Kopie von Rembrandts Selbstbildnis mit Halsberge als Original erkannt – dafür hängt nun in Den Haag die Kopie.

Uralte nordische Kulturen


Es wurden die Geschichten von Auftraggebern, früheren Besitzern neu geschrieben, biografische Details verifiziert oder als falsch erkannt. Gute Geschichten, „Objektmythen“, sind nicht immer wahre Geschichten. In der Abteilung „Objektgeschichten im Museum“ sieht man zwei Masken aus dem Schweizer Lötschental, auf die die Nazis hereingefallen waren. Deren ideologisch überfrachtete Aufkäufer haben darin Zeugnisse „uralter nordischer Kulturen“ gesehen. Es sind aber Fasnachtsmasken aus moderner Herstellung.

Es ist zu erwarten, dass immer raffiniertere Technik, weltweite Vergleiche und die Digitalisierung zu stetig neuen Ergebnissen im „Abenteuer Forschung“ führen werden. Deshalb stellt das GNM nicht nur in dieser Ausstellung seine Objekte in immer mehr Forschungszusammenhänge: mit Interkulturalität, Urbanisierung, Gender Shift, Konnektivität, Health Style.

Auf diese Art und Weise stellt sich dann auch heraus, dass ein „Waldplan von Nürnberg“ von 1455 eben nicht nur die spätmittelalterliche Stadt zeigt, sondern mit dem Reichswald auch Schutz, Heizmaterial und Rohstoffressourcen.

„Forschung ist dynamisch!“, ist die Devise dieses Museums-Abenteuers. Deshalb stellt das GNM auch jeden Monat ein neues Exponat aus, dessen Sinn und Zweck der Besucher erraten soll: Jeweils am letzten Dienstag eines Monats gibt es eine „Auflösungsführung“.
(Uwe Mitsching)

(Bis 6. Januar 2020. Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, 90402 Nürnberg. Di. bis So. 10-18 Uhr, Mi. bis 21 Uhr. www.gnm.de)

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