Kultur

Zwei Mitglieder der Letzten Generation klebten sich im August an den Rahmen von Raffaels "Sixtinischer Madonna" in der Dresdener Gemäldegalerie. Das Gemälde selbst, das durch Glas geschützt ist, blieb unbeschädigt, der Kleber riss jedoch Löcher in die Rahmenpatinierung. (Foto: dpa/ap/Letzte Generation)

18.11.2022

Kunst in Geiselhaft

Fachleute der bayerischen Museumslandschaft verurteilen Attacken der „Letzten Generation“ auf ihre Sammlungsschätze

Gefahr in Verzug: Nach London, Paris und Florenz mehren sich auch in Deutschland die Anschläge auf Kunstwerke von sogenannten Klimaaktivist*innen und sorgen für jede Menge Schlagzeilen. Kartoffelbrei landete in der Potsdamer Sammlung Barberini auf der Glasscheibe von Claude Monets impressionistischem Gemälde Getreideschober. Die aufsehenerregende Aktion der sich so bezeichnenden „Letzten Generation“ wird millionenfach in den sozialen Netzwerken geklickt, verbreitet sich wie ein Lauffeuer und hinterlässt schon jetzt ikonische Bilder. Was wie ein Slapstick anmuten könnte, ist ernste Realität geworden.

Wie können Museen und Ausstellungshäuser ihre Kunstwerke vor solchen Anschlägen schützen? Was denken die Verantwortlichen, denen die Sorge um die Kunst obliegt, über solche Attacken? Könnte es gar sein, dass Museen eine ganz neue Aufmerksamkeit erfahren, weil sie durch die Anschläge ins Rampenlicht rücken?

Aufmerksamkeit vermeiden

Man möchte in diesem Zusammenhang überhaupt keine Aufmerksamkeit auf das jeweilige Haus ziehen, wehren derzeit Pressestellen namhafter Museen in ganz Bayern einschlägige Fragen ab. Man bittet um Verständnis: Der Schutz der Exponate habe Priorität, das galt schon vor den Anschlägen. Deshalb gibt man auch keine Sicherheitsmaßnahmen preis, erst recht nicht zu jenen Objekten, die vorrangig eines besonderen Schutzes bedürfen.

Das Rubens-Gemälde Bethlehemitischer Kindermord in der Alten Pinakothek, eines jener „ikonischen Bilder, die von den Klimaaktivisten ausgesucht werden, weil sie für die sogenannten sozialen Medien nutzbare Filme und Bilder ergeben, ist unverändert sichtbar“, so der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Bernhard Maaz. Der historische Rahmen, an dem sich Angehörige der Letzten Generation im August festgeklebt hatten, wurde zeitnah restauriert, die Schäden an der Wandbespannung sind retuschiert. Über die Restwertminderung wird juristisch verhandelt. Der entstandene Schaden lag „glücklicherweise nur im niedrigen fünfstelligen Bereich“, sagt Maaz.

Der Experte, der 17 Museumshäuser repräsentiert, gibt zu Bedenken: „Daneben entsteht allen Museen ein Mehraufwand durch zusätzliche Kontrollen und Bewachung, die die Serie der Angriffe von Klimaaktivisten auf Museen und Kunstwerke ausgelöst haben. Diesen Mehraufwand muss der Steuerzahler tragen. Zudem wird für die regulären Museumsgäste der Besuch infolge nötiger Kontrollen und der Taschenabgabe spürbar ungastlicher. Auch das ist als eine Art eines gesellschaftlichen Nachteils zu erachten.“

Die Schwierigkeiten, mit denen Museen unter den neuen Vorzeichen zu kämpfen haben, kommen einem Balanceakt gleich. Dazu der Leiter für die nichtstaatlichen Museen, Dirk Blübaum: „Zu einem gewissen Teil mag gutes Profiling einen Schutz im Vorfeld bieten, wenn das Museum dafür Personal abstellen kann. Wenn die Museen beziehungsweise deren Träger das finanzieren können, gibt es natürlich die Möglichkeit, mehr Personal in der Aufsicht einzusetzen.“ Blübaum sieht die Besonderheit musealer Orte in Gefahr: „Auf der anderen Seite sollen und wollen die Museen auch jetzt Orte der Begegnung, der Kommunikation und der Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur sein und keine Hochsicherheitszonen. Niemand will in einem Museum Kunst betrachten, in dem neben jedem Werk eine Aufsicht steht. Und auch die Verglasung der Werke kann nicht in jedem Fall helfen, weil viele Werke schlicht dafür zu groß sind. Zudem zieht die Verglasung mit den dafür geeigneten Gläsern hohe Kosten nach sich und vermindert die direkte Betrachtung der Werke. Die ‚Aura‘, wie Walter Benjamin sie beschrieben hat, geht damit ein Stück weit verloren. Denn diese erwächst aus der unmittelbaren Anwesenheit des Kunstwerks im Hier und Jetzt.“

Akzeptanz sinkt

Nach dem derzeitigen Stimmungsbild erachten es Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker in leitenden Positionen als inakzeptabel und intolerabel, die Kultur zu gefährden oder gar zu beschädigen, weil man – durchaus zu Recht – auf den Schutz der Natur pochen will. Auch sie glauben, dass diese Aktivitäten zunehmend Akzeptanz in der Gesellschaft verlieren, statt die Anliegen der Klimaaktivist*innen zu stärken: „Diese Aktionen zeugen von mangelndem Respekt gegenüber der Kunst und von deren medialem Missbrauch. Auch sind es keine bloßen Weltverbesserer, sondern viel eher sogar Mahner auf Irrwegen“, so Bernhard Maaz.

Auch für Dirk Blübaum rechtfertigen die hehren Ziele keineswegs die Mittel: „Die Kunst oder mehr noch das kulturelle Erbe für die Lösung der Klimaproblematik in Geiselhaft zu nehmen und mit der Zerstörung zu bedrohen, kann ich nur ablehnen. Denn nehmen wir mal an, der Monet in der Sammlung Barberini wäre zerstört worden. Welchen Nutzen hätte das für den Erhalt der Erde bedeutet? Wären deshalb die in den fast schon unzähligen Klimaprotokollen geforderten und zugesagten Klimaschutzprogramme nun zeitnah umgesetzt worden?“

Der Vertreter der nichtstaatlichen Museen in Bayern überlegt weiter: „Sicherlich bringen die Aktionen die gewollte Aufmerksamkeit in den Medien, wobei mir keine Angaben zu den Reichweiten vorliegen. So geht es, wie es immer wieder heißt, darum, gehört zu werden. Aber das Ziel, das konkrete Umsetzen der Klimaschutzziele, zumindest erscheint es mir so, wird fast mit jeder weiteren Aktion mehr und mehr verdeckt, ja es wird ihm vielleicht sogar geschadet, zumal wir es nun schon mit ersten Nachahmungstäterinnen und Nachahmungstätern zu tun haben, wenn die Einstufung der Kunstblutattacke auf ein verglastes Bild von Henri Toulouse-Lautrec in der Alten Nationalgalerie in Berlin richtig ist.“
Gleichzeitig räumt Blübaum ein: „Persönlich kann ich die hinter den Attacken stehende Angst um die Zukunft der Welt wie auch die Machtlosigkeit vor dem Hintergrund immer neuer Vertagungen von Entscheidungen verstehen – will und kann aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen die Mittel in keinem Fall gutheißen.“

Ähnliche Töne schlägt auch die stellvertretende Direktorin des Germanischen Nationalmuseums (GNM) in Nürnberg, Heike Zech, an: „Grundsätzlich haben wir angesichts des Klimawandels Verständnis für die Sorge um Umwelt und Natur. Aber unserer Meinung nach sind Anschläge auf Kunstwerke das falsche Mittel, um darauf aufmerksam zu machen. Bei den Museumsobjekten handelt es sich meist um unwiederbringliches Kulturgut, das ja auch der Allgemeinheit gehört.“

Die Leiterin der Sammlungen Kunsthandwerk bis 1800 und Handwerksgeschichte im GNM warnt: „Die Aktivisten gehen das Risiko ein, Zeugnisse ihrer eigenen Geschichte zu beschädigen oder gar unwiederbringlich zu zerstören.“

Klimaaktivist*innen mögen entgegenhalten: „Was hilft die Kunst, wenn die Welt untergeht?“ Eine rhetorische Frage, und Museumsfachleuten zufolge wird hier auf einem falschen Kampfplatz gefochten. Museen beschäftigen sich seit Längerem damit, wie sie ihre Klimabilanz verbessern können, ohne die notwendigen Bedingungen für den restauratorischen Erhalt der Werke aus den Augen zu verlieren. Auch greifen die Museen in ihrer wissenschaftlichen Arbeit und in den Ausstellungen zunehmend Umwelt- und Klima-aspekte auf, um so auf deren Relevanz mit ihren eigenen Mitteln hinzuweisen. Museen zählen laut Blübaum zu den „vertrauenswürdigsten Institutionen“ überhaupt.

Brisante Themen

In Nürnberg wird im kommenden Jahr das Thema Klimawandel in einer GNM-Ausstellung zur Migration präsent sein. „Hierzu entstehen derzeit Beiträge, unter anderem als partizipative Projekte, bei denen Kulturgeschichte den aktuellen Herausforderungen gegenübergestellt wird. Für das Jahr 2024 planen wir eine große Sonderausstellung, die – ausgehend von der biblischen Aufforderung, dass der Mensch sich die Erde untertan macht – das Verhältnis vom Menschen zur Natur historisch aufarbeitet und kritisch hinterfragt“, berichtet Zech.

Auch Museen in München thematisieren seit Längerem die Natur und ihrer Verletzlichkeit – aktuell zum Beispiel in der Ausstellung Mix & Match in der Pinakothek der Moderne. „Die Aufgabe des Museums ist es ja, auf gesellschaftliche Themen hinzuweisen“, betont Bernhard Maaz.

Bleibt zu hoffen, dass sich die Letzte Generation andere und sinnvollere Kampfplätze aussucht als die Museen, und dass andererseits dort nicht eine Art Sensationstourismus einsetzt, den Heike Zech nicht ausschließen mag: Dass nicht mehr die Kunst an sich interessiert, sondern nur noch das sensationelle Prickeln, ob sich noch Suppenflecken an Wänden oder Rahmen entdecken lassen. (Angelika Irgens-Defregger)

 

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