Kultur

Am offenen Feuer brannte Pawel Althamer die Figur People of the Earth (2018). (Foto: Altrostudio/Uwe Mossburger)

08.07.2022

Machen, nicht jammern

Pawel Althamers Skulpturen und Installationen im Kunstforum Ostdeutsche Galerie stecken voller Geschichten

Jedes Ding hat drei Seiten“, so wird der Weltweise Karl Valentin gern zitiert: „eine positive, eine negative und eine komische.“ Und schon ist man nahe dran an dem, was den polnischen Künstler Pawel Althamer auszumachen scheint: Er betrachtet Phänomene der Gegenwart und Wirklichkeit immer von mindestens zwei Seiten und entdeckt irgendwo immer auch einen heiteren, komischen, witzigen Aspekt. Oder einen metaphysischen. Oder einen spirituellen. Oder, oder, oder.

Diese Vielfalt der Perspektiven hat zur Folge, dass seine Werke weitestgehend weg sind davon, reine Abbildungen zu sein. Mit jeder Skulptur, mit jedem Bild, mit jeder Installation erzählt er vom Leben, vermischt Ebenen und vermittelt Multidimensionalität. Althamer sprengt stets Rahmen. Weil es im wirklich wahren Leben nichts Monokausales gibt, gibt es das auch beim neuen Lovis-Corinth-Preisträger nicht, dessen Werke man im Regensburger Kunstforum Ostdeutsche Galerie (KOG) sehen kann.

Ausverkauf der Natur

Die Ausstellung gleicht dem Gang durch einen Ideen- und Geschichtenpark entlang zahlreicher Exponate. Da ist jene Figur, die ganz aus Naturmaterialien gemacht ist: aus Holz, Zweigen, Muscheln, sogar ein pfiffiger kleiner Vogel sitzt dazwischen. Und dann trägt diese Gestalt eine riesige USA-Fahne ganz aus Dollarnoten: Diese Fahnenschwenkerei unter ökonomischen Vorzeichen gehört nicht zur Natur des Menschen und überwölbt doch alles herrlich unnötig. Oder diese Puppenstube mit drei Ebenen: Klassenschichten vielleicht oder Bewusstseinsebenen vom Unterbewusstsein bis zum Über-Ich. Enorm verspielt ist das, mit extrem vielen autobiografischen Anspielungen, jedes Dingelchen erzählt seine eigene Geschichte, die man übrigens gar nicht alle kennen muss. Man kann sich seine eigene spinnen in diesem hexenhäusigen Bühnenbild des Lebens. Die Objektbeschriftungen helfen auch weiter.

So geht das von Skulptur zu Skulptur, von Bild zu Bild. Man nehme sich viel Zeit mit zum Schauen, Staunen, Fragen und Begreifen. Mal sind persönliche Beziehungen Thema, mal Religion und Spiritualität, mal Phantasmagorien wie der Mann, dem eine Ziege aus dem Kopf wächst, mal ist es politisches Engagement wie eine geplante Skulptur für die Opposition in Belarus.

Althamers Kunst ist ihrerseits auch Opposition – und zwar zum Jammern. Es wird nicht geklagt, es wird gemacht. So etwa Kunst mit MS-Kranken. Oder Kunst mit der Nachbarschaft im Plattenbau – dieser ist auch in der ebenfalls thematisch vielfältig besetzten Installation #blackprotest zu sehen. Und diese wiederum spielt an auf die Proteste gegen eine Verschärfung der Abtreibungsgesetze in Polen. Getragen wird der Bau von zwei eigenartigen, skelettartig wirkenden menschlichen Wesen. Eines davon trägt das Gesicht des Künstlers.

Ausdruckmittel erproben

Gern widmet sich Althamer dem Selbstbildnis. Das war immer schon Eigenart von Künstlerinnen und Künstlern, weniger aus Gründen der Eitelkeit als aus Gründen der künstlerischen Korrespondenz mit sich selbst und dem Erproben von Ausdrucksmitteln am bestbekannten Objekt. Vermutlich gibt es ohnehin keine toleranteren Modelle als das Selbst, das dergestalt zu neuen Erkenntnissen über sich kommen kann. Jedenfalls spielt der Künstler Althamer gern mit dem Pawel-Körper. So beispielsweise bei der liegenden, an offenem Feuer gebrannten Figur People of the Earth, wo der Künstler sich als eine Art Buddha darstellt, der sich vor lauter Entspanntheit sanft aufzulösen scheint. Hier spielt der Pole wie so oft mit diversem Material: Keramik, Metall, Heu, Glas, Münzen, Schrauben, Dose, Weihrauch, Harz, Draht, Blattgold, Holz. Das gilt auch für die MamaIII-Skulptur als sitzender Akt mit einer Mutter-Figur in der Hand und allerlei Tätowierungen, die in einem Workshop entstanden sind.

Althamer arbeitet gern mit anderen zusammen, es entstehen Gemeinschaftswerke wie die schon genannte Figur mit Dollar-Fahne, die in New York eine Zusammenarbeit mit den US-Künstlern Jim Costanzo, Donald Sing und Roman Sta(´n)czak möglich machte. Kommunikation und Partizipation stehen oft im Mittelpunkt seiner Arbeiten.

Der 1967 in Warschau geborene Bildhauer Pawel Althamer erhielt den diesjährigen Lovis-Corinth-Preis. Diesen Preis gibt es seit 1974, seit 2006 wird er in zweijährigem Turnus vom KOG vergeben an Künstlerinnen und Künstler, deren Schaffen einen inhaltlichen oder biografischen Bezug zum östlichen Europa aufweisen.
(Christian Muggenthaler)

Bis 11. September. Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Dr.-Johann-Maier-Straße 5, 93049 Regensburg. Aktuelle Öffnungszeiten unter www.kunstforum.net

 

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