Kultur

Ein Herbergsschild der Paternoster- und Knopfmacher (Nürnberg, 1859). (Foto: GNM/Monika Runge)

31.07.2020

Mutiger Aufbruch

Mit einem gelungenen Ausstellungsexperiment macht das Germanische Nationalmuseum aus der Not eine Tugend

Ein Nationalmuseum ist wie ein schwerer Tanker. Jede Kursänderung will von langer Hand geplant sein. Ausstellungen müssen jahrelang vorbereitet werden. Umso härter ist das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg von der Corona-Krise erwischt worden. Wie eine Breitseite hat das Virus geplante Ausstellungen getroffen: zum Beispiel die Schau über den Renaissancemaler Hans Hoffmann, die gleich um ein Jahr auf Sommer 2021 verschoben werden musste.

Aber anstatt die Ausstellungshallen leer zu lassen, hat sich das Nationalmuseum für einen Sprung ins kalte Wasser entschieden. Unter der Überschrift Halle 1. Ein Experiment will dieser „Kulturtanker“ am Nürnberger Kornmarkt aus der Not eine Tugend machen. In blutroten Lettern ist der Titel der Schau an die Wand gepinselt. Daneben gibt ein Songzitat von John Lennon den beruhigenden Takt und die optimistische Tonart der Schau vor: „Life is what happens to you while you’re busy making other plans.“

Gezeigt werden 40 Exponate, die dem Besucher in der Krise explizit Mut machen wollen. So zum Beispiel großformatige Fotoporträts von Wandergesellen, die sich mit Sack und Pack und ohne Geld und Handy freiwillig ins Ungewisse aufmachen. Für mindestens drei Jahre und einen Tag müssen sich die wandernden Gesellen auf die Walz begeben. Die Entscheidung, nach der Handwerksausbildung fern der Heimat neue Erfahrungen zu sammeln, ist Abenteuer und Lebensschule zugleich. Wo wird man arbeiten? Wo wird man schlafen? Welche Länder wird man sehen? Die großformatigen Fotografien von Dominik und Benjamin Reding zeigen, wie zuversichtlich die zünftigen Damen und Herren der Tippelei entgegenblicken.

Um zu zeigen, dass nicht nur Steinmetze wie Johannes, sondern auch Bootsbauerinnen wie Kathrin heutzutage auf die Walz gehen, haben die Fotografen die Handwerker*innen auch ohne obligatorische Kluft im Adams- beziehungsweise Evakostüm abgelichtet. Die experimentelle Schau im Nationalmuseum will freilich weniger zur Nacktheit aufrufen als vielmehr beide Geschlechter dazu animieren, der Krise eine lange (nackte) Nase zu zeigen.

Erfinder des weißen Goldes

Den perfekten Plan B präsentiert die Schau im nächsten Abschnitt anhand des mehr als außergewöhnlichen Lebens von Johann Friedrich Böttger. Der Alchemist und Apotheker hat im 18. Jahrhundert damit geprahlt, Gold aus Blei herstellen zu können. Weil die Zauberei nicht gelang, wanderte der Scharlatan in einen sächsischen Kerker. Dort gelang Böttger dann tatsächlich die Goldherstellung. Allerdings handelte es sich dabei nicht um das echte Edelmetall, sondern um seine weiße Variante: das Meißner Porzellan.

Alternative Wege können also durchaus zum Erfolg führen. Auch wenn die Böttger-Geschichte kein klassisches Happy End aufweist: Die giftigen Experimente soll der Alchemist mit dem frühen Tod bezahlt haben. Das „weiße Gold“ ist freilich geblieben.

Über die Moral und den Sinn dieser und anderer Kunstgeschichten können die Besucher in der experimentellen Ausstellungshalle 1 bis zum 1. November fleißig diskutieren. Zwischen den Exponaten ist ein gemütlicher Salon aufgebaut. Dort soll die Kunst mit dem Publikum in Interviews und Vorträgen gerade in Zeiten von Social Distancing ins Gespräch kommen.

Kommunikation soll im Rahmen dieses experimentellen Ausstellungsformats nicht nur im analogen Forum mit den schönen Sitzgelegenheiten großgeschrieben werden. In die Halle 1 hat das Germanische Nationalmuseum zudem ein digitales Studio integriert, um via Internet in Blog-Beiträgen und Live-Streams mit der Außenwelt in Kontakt zu treten.

Um einen Blick in die Zukunft geht es in der letzten Ausstellungssequenz. Dort will das Museum Appetit auf kommende Ausstellungen machen. Und dies gelingt wie überhaupt die gesamte Corona-Schau grandios. Während das Museum die Besucher*innen ab Februar mit Kirchner, Mann & Co. quasi zur Kur auf eine Zeitreise ins Davos des Fin de Siècle mitnimmt, verspricht die geplante Sonderausstellung über Wahrsagerei mit dem Titel Zeichen der Zukunft noch mehr Bezug zur Aktualität. Wenn man wie heute nicht weiß, was kommt, kann ein Blick in die Glaskugel vielleicht nicht schaden.

Neue Kraft getankt

Mit der inspirierenden Experimente-Ausstellung lässt das Germanische Nationalmuseum sein Publikum fast vergessen, dass von der ersten Idee bis zur Eröffnung einer Sonderausstellung in der Regel mehrere Jahre vergehen. Insofern hat sicher auch das Museum selbst aus der Krise neue Kraft getankt, wie die Corona-Schau in Halle 1 fulminant beweist. (Nikolas Pelke)

Abbildung: Großformatige Fotoporträts von Dominik und Benjamin Reding in Halle 1 zeigen heutige Handwerker*innen.    (Foto: Benjamin Reding, GNM)

Information: Bis 1. November. Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, 90402 Nürnberg. Di. bis So. 10-18 Uhr, Mi. bis 21 Uhr. www.gnm.de

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