Kultur

Das Museum lädt ein, Geschichten hinter den Dingen zu erkunden. (Foto: Michael Wimmer)

16.07.2021

Nebenprodukte des Wissens

Im niederbayerischen Vatersdorf geht das Heimatmuseum „Geschichtsboden“ in der Präsentation neue Wege

Geschichte birgt Abenteuer: ein Sammelsurium früherer Lebenswelten, fern und fremd im einstigen gesellschaftlichen Regelwerk, zugleich nah und spürbar im Menschsein selbst. Geschichte kann abgehoben und papieren aus dem Gelehrtenstübchen daherkommen und sich und die Vergangenheit nach Jahreszahlen abfragen, Epochen abmessen wie der Schneider den Stoff.

In einem solchen chronologischen Abhak-Prozess kommen Ausstellungen heraus wie die erstaunlich dröge Schau zur deutschen Geschichte im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Oder man kann wie in einem Gegenprogramm klarstellen, dass die Quellen, aus denen heraus man Geschichte erzählen und erforschen kann, Quellen des Lebens sind. Man kann das also darstellen wie im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg, wo Exponate klug und beispielhaft aneinandergefügt werden, die sinnlich und spannend Historie erzählen.

Diese Unterschiede der Darstellung gelten in der Makrogeschichte der Länder, Kontinente und der ganzen Erde – und in der Mikrogeschichte der Heimaten, der Städte und Dörfer, der Häuser und Familien – also auch für die regionalen Heimat- und Stadtmuseen, die manchmal auch noch recht altväterlich-bieder daherkommen. Die Geschichte in den Dingen und die persönlichen Erinnerungen von Menschen aufspüren zu können bedarf eines besonderen Talents.

Objekte sind objektiv

Hans Schneider hat dieses Talent. Noch als Wirt hat er einen Stammtisch gegründet, an dem Geschichte erzählt wurde. Er hat unermüdlich Sachen des Alltags in seiner ländlichen Umgebung gesammelt, die sonst wohl einfach und für immer abhanden gekommen wären. Das war ihm immer schon allein deshalb wichtig, weil diese Objekte „zu hundert Prozent objektiv sind“, wie er sagt, und „Nebenprodukte des Wissens“, wie er es noch treffender formuliert.

All diese Sachen kann man jetzt in Vatersdorf bei Buch am Erlbach im Landkreis Landshut im Verwaltungshaus vom Ziegelwerk Leipfinger-Bader sehen, die anregen zu einem vielschichtigen Nachdenkprozess über Geschichte. Stefanje Weinmayr ist Leiterin des dortigen Projekts „Der Neue Geschichtsboden“, dessen Träger die Kastulus Bader Stiftung ist (Kastulus Bader ist Seniorchef der Leipfinger-Bader Ziegelwerke).

Diesen „Geschichtsboden“ gibt es digital und seit Kurzem auch analog im Museum vor Ort: mit modernsten Präsentationsmitteln für Dauer- und Themenausstellungen, auch mit Filmen, in denen Schneider die Geschichten hinter den Dingen zu Heimat, Identität, Geschichte und Baukultur erzählt. Dazu kommen multimediale Installationen, auch eine Leseecke, ein umfänglicher und zugleich spielerischer Wissensspeicher und allerlei weitere Möglichkeiten, Zutritt zu den Quellen zu finden, die Schneider aufgearbeitet hat. Beispielsweise umfangreiche Familiengeschichten wie die zur Musikerfamilie Zehetner. Oder Hofgeschichten und Gerichtsprotokolle. An die 1600 Aktenordner sind das.

Kollektives Gedächtnis

Im Zentrum der Ausstellung ist aber ein Zusammenklang der Objekte wie ein kollektives Gedächtnis der Vergangenheit – eine Cloud, wie Weinmayr sagt: ein inspirierender Assoziationsraum im historischen Dachstuhl, der wie Bildschnipsel eines flinkes Denkens im Hirnkastl erscheint. Zusammengespannte Repräsentanten der Alltagkultur vom Bandoneon bis zum Weinfass, von der Rasierklingenschärfmaschine bis zum Standböller. Dieses kunstvolle Gefüge macht die Historie erfahrbar als Endprodukt der Dichte ihrer einzelnen Ereignisse. Ein so angelegter Raum der Assoziationen birgt viele Möglichkeiten.

Im Museum wird es Einzelveranstaltungen und Akzentuierungen von Themen geben, bei denen sich Vergangenheit und Gegenwart deutlich überschneiden. Wie beim Verständnis von Heimat oder beim Flächenverbrauch im ländlichen Raum.
(Christian Muggenthaler)


Der Neue Geschichtsboden, Ziegeleistraße 15, 84172 Vatersdorf.
Aktuelle Öffnungszeiten unter: www.geschichtsboden.de

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