Kultur

In der Abteilung, die Druckverfahren erklärt, sieht man für die Arbeitsschritte in Bleisatz beispielhaft eine Titelseite der Bayerischen Staatszeitung von 1965. (Foto: Deutsches Museum/Gerrit Faust)

10.06.2022

Neuer Parcours durch die Technikgeschichte

Generalsanierung des Deutschen Museums in München: Im Juli eröffnen die ersten modern gestalteten Abteilungen

Von wegen! „Dees mit dem deutschen Museum wird si aa net halt’n – wer red’t denn heit no vo der Pinakothek!“, so das Statement skeptischer „Isar-Athener“ in einer Karikatur von Karl Arnold, die auf dem Titel der satirischen Münchner Wochenschrift Simplicissimus am 22. Juni 1925 erschien. Im Vormonat, am 7. Mai, dem 70. Geburtstag seines Gründers Oskar von Miller, hatte das Deutsche Museum erstmals seine Pforten auf der in Museumsinsel umbenannten ehemaligen Kohleninsel geöffnet. Dass dem Prototyp eines technischen Museums, das anno 1903 in München auf Beschluss des Verbands Deutscher Ingenieure (VDI) als Verein „Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik“ gegründet wurde, eine gesicherte Zukunft beschieden war, beweisen die nach wie vor hohen Besucherzahlen.

Der Grundstein zum Neubau des wegweisenden Deutschen Museums mit insgesamt 50 Abteilungen und 18 Kilometern Führungslinie (laut erstem Museumsführer) wurde 1906 gelegt – gleichzeitig mit der Eröffnung seiner provisorischen Sammlung im ehemaligen Bayerischen Nationalmuseum (heute Museum Fünf Kontinente) an der Maximilianstraße. 1925 wurde der Sammlungsbau auf der Kohleninsel eröffnet. Aktuell wird er generalsaniert, über eine halbe Milliarde Euro sind veranschlagt.

Bauarbeiten wohl bis 2028

Die seit 2015 in zwei Bauabschnitten laufenden Modernisierungsarbeiten des denkmalgeschützten und teilweise bis auf die Grundmauern entkernten Hauses sollen aller Voraussicht nach 2028, zum 125. Jubiläum der Museumsgründung, abgeschlossen sein. In wenigen Wochen, am 8. Juli, wird es mit der Eröffnung der ersten 19 Sektionen schon einen Vorgeschmack auf das neue Deutsche Museum geben. Auf rund 20 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche heißt es hinsichtlich Gestaltung, Konzept, Besucherführung und einer Kampagne: „Alles neu!“

Neben 28 Dioramen, 372 Demonstrationsaufbauten, 251 Medienstationen und neun Laboren bestücken nun etwa 8000 Exponate den ersten komplett neu gestalteten Museumsparcour. In der Folge werden die alten Ausstellungen wie das berühmte Bergwerk oder die Starkstromabteilung mit dem faradayschen Käfig schließen. Dann beginnt die Sanierung jener Gebäudehälfte, in der auch der Ehrensaal und das Thema Schifffahrt untergebracht sind.

„Von Kopf bis Fuß“ komplett neu und wörtlich zu verstehen ist jedenfalls die Sektion zur Gesundheit mit körperdurchleuchtenden Einblicken in das Herz- Kreislauf-System und einer Reise durch die Anatomie des Menschen bis zu seinen Zähnen, Augen, Ohren; deren Fehl- und Funktionsweisen können gegebenenfalls per Knopfdruck abgerufen werden. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, einen Zahn zu ziehen, eine Prothesenhand zu steuern oder selbst Arzt zu spielen und mittels Robotertechnik einen chirurgischen Eingriff zu wagen. Medizin ebenso wie Biologie waren zu Zeiten des Initiators Miller von vornherein ausgeblendet.

Spielerisch-didaktisch

Millers spielerisch-didaktischer Ansatz, die Möglichkeit zur Interaktion in jedem Fachgebiet, das von seiner historischen Entwicklung bis zur Gegenwart abgebildet werden sollte, ist heute digital verfeinert. Ein Highlight und Meilenstein der Medizintechnik ist der originale Brutschrank von Robert Koch aus dem Jahre 1881, der dem Mediziner und Nobelpreisträger wichtig war bei der Entdeckung der Tuberkuloseerreger. Die Wichtigkeit der Gesundheitsforschung hat eindrücklich die Corona-Pandemie demonstriert, weshalb der mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 ebenso wie der Pocken-Impfstoff (auch wirksam gegen Affenpocken) hier in einer Schauvitrine nicht fehlen.

Wer es von dem interaktiven Periodensystem oder dem Kernspaltungstisch von Hahn, Meitner und Straßmann über Lavoisiers historisches Laboratorium im Bereich Chemie bis zur Abteilung Gesundheit schafft, hat mindestens 3000 Schritte, also rund zwei Kilometer zurückgelegt. Auf dieser Strecke liegen unter anderem die Bereiche Musikinstrumente, Mathematik, Elektronik, Foto und Film, Bild-Schrift-Codes und auch die Maschinenhalle, wo ein Modell der ersten Schnellpresse aus dem Jahre 1842 von Koenig & Bauer steht, die überhaupt den Eintritt ins Zeitalter der Druckmaschinen markiert.

Die BSZ im Museum

Übrigens: Die Entstehung einer im Süddeutschen Verlag noch im Hochdruck-Bleisatz (heute im Offsetdruckverfahren) hergestellten Papierausgabe der Bayerischen Staatszeitung von 1965 wird in allen Produktionsschritten anhand der erhaltenen originalen Produktionsmaschinerie veranschaulicht.
Ein gelungener Spagat zwischen historischer Anmutung und Weiterführung in die Zukunft ist die Abteilung Musikinstrumente. Von der Thalkirchner Orgel von 1630 bis zum legendären Synthesizer IIIp, den der Physiker und Elektrotechniker Robert Moog 1968 als portables Gerät entwickelt hat, wird Musikgeschichte lebendig. Um eine störende Beschallung zu vermeiden, sind Tonbeispiele zu etwa 40 ausgewählten Instrumenten und die Soundtracks der Filme über den digitalen Museumsguide oder die kostenlose Deutsche Museum App abrufbar.

Dass die Digitalisierung im Museumsbereich voranschreitet, ist für ein Technikmuseum eine Selbstverständlichkeit – selbst wenn sich mancher nostalgisch gestimmte Gast vielleicht nach dem Status quo des etwas verstaubten alten Deutschen Museums zurücksehnt. (Angelika Irgens-Defregger)

Abbildung: In der Abteilung Gesundheit kann man multimedial ins Innere des Menschen blicken und sich selbst virtuell als Arzt oder Chirurg ausprobieren.    (Foto: Deutsches Museum)

 

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