Kultur

Entfesselter Terror: In Torsten Fischers Regie von Verdis Luisa Miller führt ein Diktator einen Krieg gegen das eigene Volk. Beklemmend grandios agiert der Chor des Gärtnerplatztheaters. (Foto: Jean-Marc Turmes)

12.05.2023

Packender Politthriller

Wie viel terroristische Diktatur kann man ertragen? Torsten Fischer inszeniert Verdis „Luisa Miller“ am Gärtnerplatztheater

Seine Worte treffen ins Mark. „Autoritäre Regime gibt es derzeit sogar in Europa. Wir leben ja auch mit der permanenten Angst, direkt in einen Krieg verwickelt zu werden. Es geht darum zu zeigen, dass es in einer Militärwelt stattfindet“ – so Torsten Fischer in einem Interview vor der Premiere seiner Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Luisa Miller nach Friedrich Schillers Kabale und Liebe. Es geht Fischer bei diesem Dreiakter von 1848/49 um die freie Wahl in der Liebe und um Angst vor dem Verlust von Demokratie: ein starkes Bekenntnis für die Freiheit.

In seiner Inszenierung am Münchner Gärtnerplatztheater kombiniert Fischer diese Ebenen schon in der Ouvertüre höchst konzis und wirkungsvoll. Auf dem Boden steht ein Brummkreisel aus buntem Blech. Ein Mädchen (Elsa Mackensen) betritt die Bühne, bald gefolgt von einem Buben (Elias Fliaster). Es sind Luisa und Rodolfo als Kinder.
Aus dieser ersten Begegnung entflammt eine lebenslange Liebe – doch sie steht unter bösen Vorzeichen. In der Ouvertüre werden die Kinder auch Zeugen eines Mordes. Zwei Schurken erschießen einen Mann, was vor allem der Junge ganz genau beobachtet. Denn einer der Mörder ist sein Vater Walter (Inho Jeong), der zur Macht greift. Dessen übler, mephistophelisch grinsender Handlanger Wurm (Timos Sirlantzis) hilft ihm dabei. Schon erheben sich die Soldaten auf dem Boden, die totalitäre Gewaltherrschaft nimmt ihren Lauf.
Auch im weiteren Geschehen taucht das Kinderpaar als Leit- und Leidmotiv immer wieder auf, denn Rodolfo (jetzt Jenish Ysmanov) ist ja der einzige Zeuge des Mordes. Seine eigene Herkunft verschleiert er zunächst, zumal er sich für seinen Vater schämt. Als „Carlo“ heiratet er seine geliebte Luisa (jetzt Jennifer O’Loughlin). Doch auch Wurm steht auf Luisa. Deren Vater Miller (Matija Mei(´c)) verrät er die wahre Herkunft von Carlo.

Der Diktator Walter wiederum möchte, dass sein Sohn die Herzogin Federica heiratet (Anna Agathonos). Der Tyrann lässt Miller und dessen Tochter Luisa verhaften. Als sein Sohn ihm mit der öffentlichen Enthüllung des einstigen Mordes droht, lässt Walter beide zunächst wieder frei. Bald wird Miller jedoch erneut verhaftet, und Wurm ergreift die Gunst der Stunde. In der Ausstattung von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos mit schwarzem Lackleder und Totenkopfgürtel sieht er wie eine Mischung aus Joker, Highlander und Dracula aus.
Das Ende ist tödlich – nicht nur für das Liebespaar, das sich vergiftet. Als Luisa und Rodolfo im Sterben ihre Geheimnisse lüften, nämlich ihr Wissen um den Mord Walters und Wurms fiese Verschwörung, bringt sich Wurm um. Walter lässt sich verhaften.

Überzeugende Besetzung

Das alles funktioniert als Politthriller ganz prächtig, weil echte Sängerdarsteller*innen agieren. Ihr Luisa-Debüt meistert O’Loughlin mit stupender Agilität: von dramatischer Verzweiflung bis zu fragilem Lyrismus. Als ihr Vater kann auch Mei(´c) gänzlich überzeugen, und mit seinem unheilvoll verdüsterten Bass ist Sirlantzis der perfekte Schurke. Auch Jeong nimmt man Walters Skrupellosigkeit ab. Dagegen schwächelte Ysmanovs Rodolfo bei der dritten Vorstellung in der Höhe. Auch das ausgeprägte Vibrato von Agathonos war gewöhnungsbedürftig, passte aber zur Rolle der älteren Herzogin Federica. Das kühne A-cappella-Quartett von Luisa, Walter, Wurm und Federica war eine Offenbarung.
Das war auch der präzisen Leitung von Anthony Bramall zu verdanken. Ausbaufähig hingegen die Intonation im Orchester, absolut stark der von Pietro Numico einstudierte Gärtnerplatz-Chor: Wenn von einem „Gerechten“ und „Allmächtigen“ lautstark gesungen wird, möchte man das allen Diktatoren unserer Zeit entgegenschmettern. Das ist Oper im allerbesten Sinn. (Marco Frei)

 

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