Kultur

Nathanael (Oliver Möller) verfällt dem Wahnsinn. (Foto: Matthias Horn)

05.04.2019

Phantastisch verfremdet

Der Münchner Marstall zeigt E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ als geniales Spiel der Andeutungen

Schon bevor es losgeht, hört man immer wieder dieses irritierende Klickern. Wie wenn Glasmurmeln aneinanderstoßen oder die Roulettekugel rollt. Was wird hier gespielt?, fragt sich der Zuschauer bang. Denn ein ganz anderes Kaliber von Kugel schwebt auch noch bedrohlich über der Szenerie: ein riesiger praller Ballon, auf den manchmal Bilder der Mondoberfläche projiziert werden, meist aber Filmaufnahmen menschlicher Augen und Gesichter. Die sehen durch die Kugelform gespenstisch verzerrt aus – wie sich’s gehört für einen richtigen Albtraum. Denn ein solcher ist E.T.A. Hoffmanns gerne der Schauerromantik zugerechnete Erzählung Der Sandmann.

Hypnotischer Effekt

Die Geschichte von Nathanael (Oliver Möller), der als Kind Angst vorm Sandmann hat, als Student dem Automatenmädchen Olimpia und schließlich dem Wahnsinn verfällt, adaptierte der junge Regisseur Robert Gerloff im Münchner Residenztheater (Marstall) so kongenial, dass man seinen Augen nicht traut. Und das auch ganz buchstäblich, denn das umwerfende Bühnenbild von Maximilian Lindner zeigt erst mal eine Jahrmarktbudenwand mit schwarz-weißen Spiralformen, die an Täuschungsbilder der Op-Art oder alte Hypnotisierungsgeräte erinnern.

Dann dreht sich das Häuschen und gibt den Blick in einen Guckkasten mit der Wohnstube von Nathanaels Eltern frei – die eine Kopie des Settings auf Dürers berühmtem Kupferstich Melancholia I darstellt. Später zeigt ein viel kleineres Guckkästchen eine Studentenbude mit gekreuzten Degen an der Wand, die sofort an schlagende Verbindungen von anno dazumal denken lassen, aber im Vordergrund sitzt Nathanael mit Kommilitonen um einen modernen, überquellenden Kugelaschenbecher, um sich in einem irrwitzig komischen Stakkato Sätze im poststrukturalistischen Fachjargon um die Ohren zu hauen (die kein Mensch versteht).

Aber die Inszenierung strotzt ja ohnehin nur so von hochkomischen Anachronismen, durch die alles phantastisch verfremdet wirkt: Nathanaels Vater (Manfred Zapatka) zitiert den dubiosen Staatsrechtler Carl Schmitt, redet von der Mondlandung oder schimpft über die Achtundsechziger. Der teuflische Advokat Coppelius trinkt gern Espresso, das Sandmännchen aus dem DDR-Fernsehen tritt leibhaftig auf, spricht aber bloß italienisch, und der Wetterglashändler Coppola (Aurel Manthei) sieht in seinem Zweireiher aus wie ein verjüngter Hermann Göring, während Olimpia (Anna Graenzer) vor einem Goldglitzervorhang Heines Loreley in ein Fünfzigerjahre-Mikro trällert.

Orgie der Überblendungen

Eines ist nach diesem Abend sicher: Die Postmoderne lebt. Und wie! Eine solche Überblendungs-Orgie augenzwinkernder Zitate, ein solch geniales Spiel mit Motiven, Bildern, Bildungsmythen hat man schon lange nicht mehr gesehen. Von Goethes Faust bis Casablanca („Ich schau dir in die Augen, Kleines“), von der Psychoanalyse über Ernst Jünger bis zu den Dinkel-Ingwer-Keksen der heutige Bio-Mode, wird da alles aufgefahren, was zu einer „Reise ins Herz der deutschen Finsternis“ gehört, als die der Abend apostrophiert ist. Was letztlich aber auch nur ein weiteres Zitat, ein weiterer ausgestellter Deutungs-Topos bleibt in dem großen Anspielungsroulette, an dem uns diese fulminante Inszenierung teilhaben lässt. (Alexander Altmann)

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