Kultur

Johannes Nussbaum spielt den Werther. (Foto: Katarina Sopcic)

24.06.2022

Pseudoironische Distanz

In ihrer Bühneninterpretation am Münchner Residenztheater hat Elsa-Sophie Jach Goethes „Werther“ sämtliche Zähne gezogen

Mit den Ultime lettere di Jacopo Ortis (Letzte Briefe des Jacopo Ortis) legte Ugo Foscolo 1802 den ersten wirklichen Roman der italienischen Literatur vor. Die Parallelen zu den Leiden des jungen Werther von 1774 sind nicht zu verkennen. Mehr noch: Ähnlich wie Johann Wolfgang von Goethe wollte auch Foscolo seinen Briefroman zunächst als Bühnenstück konzipieren. So ist es nur konsequent, dass Elsa-Sophie Jach diese Idee aufgegriffen hat. Für das Münchner Residenztheater hat die Regisseurin eine Bühnenfassung des Sturm-und-Drang-Romans des damals 25-jährigen Goethe erarbeitet: Werther – Ein theatralischer Leichtsinn. Dafür wurden noch Texte von Goethes Zeitgenossin Karoline von Günderrode hinzugenommen. Diese „Sappho der Romantik“ hatte sich das Leben genommen – ähnlich wie der liebeskranke Werther als Alter Ego von Goethe.

Ein Skandal in der DDR

Das Thema des Lebens- und Liebesschmerzes auch als Ausdruck einer tiefen Entfremdung und Weltentrücktheit hatte 1979 Christa Wolf in Kein Ort. Nirgends meisterhaft durchdrungen. Der Roman behandelt eine fiktive Begegnung von Günderrode und Heinrich von Kleist. Sie endet mit einem zweifachen Freitod. In der ehemaligen DDR war dieser Roman seinerzeit ein Skandal. Völlig ungeschönt, frei von jedwedem positiv-parteilichen Sozialistischen Realismus, entlarvt Christa Wolf die Wirklichkeit und mit ihr eine ganze Gesellschaft. Für das fühlende, denkende Ich ist im Kollektiv kein Platz.

Von dieser authentischen, zeitkritischen Haltung sind Elsa-Spophie Jachs Stück und Inszenierung weit entfernt. Sie bemüht sich vor allem um das, was heute auf der Bühne allzu oft modisch ist: eine pseudoironische Distanz. Damit werden dem abgründigen Stoff sämtliche Zähne gezogen, obwohl es eigentlich im Hier und Jetzt unserer „schönen neuen Welt“ einiges zu monieren gäbe. Der Werther Goethes und die weltentfremdeten Texte von Günderrode waren und sind hochaktuell, mag die Sprache noch so fremd erscheinen. Dies hätte Jach aufzeigen können.

Allein die Bühne und bizarren Kostüme von Aleksandra Pavlovi(´c) atmen indessen viel Quatsch. Am linken Bühnenrand greift Sarah Mettenleiter in die Tasten von Synthesizer und Klavier, rechts bläst Bettina Maier die Bassklarinette. Beide sind mit üppiger, blondierter Dauerwelle ausgestattet. Die 1980er-Jahre sind ja gerade wieder angesagt.

Zu viel Rumgehampel

Dazwischen agiert Johannes Nussbaum als Alter Ego Goethes, der sich unglücklich in Lotte verguckt hat. Über der Bühne werden die jeweiligen Daten der Briefe eingeblendet: vom Mai 1771 bis Dezember 1772. Dieser Werther von Jach und Nussbaum ist zwar auch ein tragischer Antiheld, allerdings nimmt man ihm den bürgerlich-empfindsamen Intellektuellen nicht wirklich ab. Dafür albert und hampelt er viel zu sehr herum. Wenn zudem die Texte von Günderrode dem Werther eine „emanzipatorische Radikalität“ zur Seite stellen sollen, so erschließt sich auch das nicht. Hier verweben sich nicht die Ebenen organisch, sondern wirken eher künstlich zusammengefügt.

Gegen Ende kommt ein thronartiger, silberner Sessel vom Theaterhimmel herab. Der Werther von Nussbaum schaukelt hin und her, zuckt immer wieder pathologisch und hysterisch. Ein starker Theatermoment, der stärkste von rund 90 Minuten. (Marco Frei)

 

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