Kultur

Marie Antoinette (Anne Müller) als Museumsstück, noch eingemottet unter Plastikfolie, ehe sie wieder lebendig wird. (Foto: Sigrid Reinichs)

16.10.2020

Quietschbunte Freakshow

„Touch“ an den Münchner Kammerspielen: ein üppig-barocker Overkill der Reize

Nein, anrührend war dieser Theaterabend natürlich nicht. Denn die Corona-Groteske Touch, mit der die Münchner Kammerspiele in die erste Saison der neuen Intendantin Barbara Mundel starten, ist trotz des Titels kein (Be-)Rührstück. Vielmehr handelt die überdrehte Sause von Abstandszwang und Anfassverbot, weshalb auch etliche Eisschollen auf der Bühne soziale Kälte symbolisieren und per Video Gestalten in gelber ABC-Schutzkleidung auftauchen.

Aber das sind nur einige der Hygienegespenster, die hier hysterisch herumspuken, denn Autor und Regisseur Falk Richter präsentiert uns die Pandemie als Pandämonium, als quietschbunte Freakshow und Zombierevue unter Plastikfolien, bei der neben alten Rittersleut’ im Blechgewand sogar Marie Antoinette aufersteht (mit Reifrock zwecks Abstand) und Worte von Horst Seehofer spricht, die von 69 abgeschobenen Flüchtlingen zum 69. Geburtstag handeln. Gelegentlich treten auch alle als Aliens in grellfarbigen Ganzkörperstrumpfhosen an, über der Bühne hängt ein goldenes Hirn wie ein Damoklesschwert.

Als disparates Durcheinander, als üppig-barocker Overkill der Sinnenreize und Sentenzen spiegelt die Inszenierung gewollt unübersichtlich das wirre Diskursgeschwalle, das mit dem ganzen Corona-Bohei unvermeidlich einherging. Da werden Texte rezitiert, die an die allenthalben aufgeploppten Corona-Tagebücher erinnern. Da faseln durchgeknallte Opfer der Lockdown-Einsamkeit irgendetwas von Eishaien – oder vom Weltraumschrott, der die Erde umkreist und dadurch die Flucht des Menschen ins All verhindert.

Symptomatische Seuchen

Aber es werden auch komplexe psychiatrische Theoriegebäude vorgestellt, die in der Seuche selbst das Symptom sehen, genauer gesagt, in der Seuchenpolitik: Sind Abstand, Isolation, soziale Distanzierung nicht Beschreibungen des pathologischen Seelenzustands, in dem sich viele westliche Menschen schon lange vor Corona befanden? Wäre das Hygieneregime also nur die staatlich-kollektive Manifestation all unserer subjektiven Psychosen?

Vor diesem Hintergrund scheinen die zahlreichen Tanzszenen des Abends (Choreografie: Anouk van Dijk) dort am gelungensten, wo sie nicht auf glatte Eleganz setzen, sondern als wunderbar neurotisches Gezucke daherkommen.

Die Gefahr, dass dieser buchstäblich bunte Abend zu düster wird, besteht zum Glück trotzdem nie. Zumal uns alles in prachtvollen Bildern serviert wird – und klanglich hinterfangen ist von einer angenehm flotten Soundkulisse, die mit ihrem Knisterstil gelegentlich an die isländische Kultsängerin Björk erinnert. Zur Auflockerung gibt’s zudem eine saukomische Boulevardeinlage à la Yasmina Rezas Gott des Gemetzels – nur dass die Zimmerschlacht hier jetzt zwischen einem „Coronazi“ und einer „Corona-Leugnerin“ stattfindet. Das Einzige, was dem Abend fehlt: der besondere Touch. (Alexander Altmann)

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