Kultur

Santiago Reyes’ T-Shirts, die er beim Tanzen trug: Der Schweiß verwischt die Beschriftungen. (Fotos: Maximilian Geuter)

13.08.2021

Schweißtreibende Schau

„Sweat“ im Münchner Haus der Kunst: eine Ausstellung über das, worüber man sonst ungern spricht

Immer der Nase nach“ müsste eigentlich das Motto hier lauten. Denn wenn das Münchner Haus der Kunst schon eine Ausstellung mit dem Titel Sweat (Schweiß) zeigt, sollte man sie dann nicht bereits von fern riechen können? Gut, diese Überlegung mag etwas übertrieben sein, und dem Wohlbefinden des Publikums ist eine geruchlose Schau auf Dauer sicher zuträglicher. Trotzdem muss man es erst mal fertigbringen, zu so einem Titel eine derart cleane und aseptische Präsentation zusammenzustellen. Aber vielleicht ist das ja gerade der besonders raffinierte, interaktive Trick der Kuratoren: dass die Besucherinnen und Besucher beim Bemühen, den Schweiß-Bezug der einzelnen Kunstwerke zu ergrübeln, gehörig ins Schwitzen kommen sollen, um so den Gegenstand der Schau überhaupt erst zu erzeugen und damit selbst zu den eigentlichen Exponaten zu werden.

Relativ einfach ist die Verbindung zum Thema herzustellen bei den T-Shirts, die der Ecuadorianer Santiago Reyes (1971 geboren) trägt, wenn er sich tanzend durch Städte auf der ganzen Welt bewegt. Die Hemdchen, deren Beschriftung durch den Schweiß des Tänzers erkennbar verwischt ist, werden in der Schau wie gerahmte Trophäen ausgestellt.

Üppiger Hintern

Nicht ganz so explizit, aber mit ein wenig Phantasie doch erkennbar scheint die Schweiß-Thematik bei den Arbeiten von Tschabalala Self: In prüderen Milieus und Kulturen kämen sicher viele ins Schwitzen (vor Scham oder Empörung), wenn sie die rosafarbenen Hocker-Objekte (Loveseat) der 1990 geborenen US-Künstlerin sähen, die wie ein üppiger Hintern plus Vulva geformt sind.

Und auf den Schweiß sowohl körperlicher Anstrengung als auch affektiver Wallung könnte eine Arbeit aus Tabita Rezaires Serie Inner Fire anspielen. Die französische Künstlerin (1989 geboren) posiert da für eine großformatige Fotoarbeit als nacktes Go-goGirl an der Tanzstange, unter der stilisierte Flammen züngeln.

Oder sind solche Deutungen, um die man im Schweiße seines Angesichts ringt, womöglich zu abwegig, also quasi an den feuchten Achselhaaren herbeigezogen? Denn das Begleitheftchen fürs Publikum belehrt, dass alles womöglich ganz anders gemeint ist, weil es in dieser Ausstellung um „eine Geschichte des künstlerischen Aufbegehrens gegen anhaltende, kontrollierende Körperpolitiken“ gehe.

Unbeabsichtigte Botschaft

Hoppla! Das klingt ja fast, als sei die Schau ein gut getarnter Kommentar zu den Corona-Maßnahmen. Denn wenn die nicht das aktuellste und virulenteste Beispiel für „kontrollierende Körperpolitiken“ sind, was bitte dann? Sollte die unbeabsichtigte Botschaft der Ausstellung also lauten, dass ein „künstlerisches Aufbegehren“ dagegen des Schweißes wert wäre? (Alexander Altmann)

Information: Bis 9. Januar 2022. Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München. Aktuelle Öffnungszeiten unter www.hausderkunst.de

 

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