Kultur

Madison Young und Jinhao Zhang als Cinderella und ihr Prinz setzen perfekt das Prinzip des Fließens um. (Foto: Serghei Gherciu)

26.11.2021

Schwereloses Liebesmärchen

Die neue „Cinderella“-Choreografie des Bayerischen Staatsballetts begeistert mit ihren zeitgenössischen Ansätzen

Das Repertoire des Bayerischen Staatsballetts, zum großen Teil von Ballettchef Igor Zelensky übernommen, ist vielfarbig. Aber Andrey Kaydanovskiys Schneesturm als einzige abendfüllende neue Eigenproduktion in Zelenskys fünf Leitungsjahren: Das ist doch etwas wenig. Nun bekamen wir, zum Pandemie-Wegtrösten, immerhin ein Aschenputtel: laut Märchenüberlieferung ein Mädel, von der Stiefmutter als Küchenhilfe an den Herd verbannt, das schließlich die Liebe eines Prinzen gewinnt. Das klingt leicht démodé. Dennoch hat diese schon unzählige Male vertanzte Lovestory in Christopher Wheeldons Version von 2012 zu Prokofjews Ballettpartitur soeben das Publikum im Münchner Nationaltheater begeistert.

Ein Schuss Chaplin-Comedy

Mit welchen neuen Ideen ist Wheeldon – stellvertretender künstlerischer Leiter des Londoner Royal Ballet – an sein Cinderella herangegangen? Die Märchenfiguren sind fast richtige Charaktere, nah an unsere Zeit herangerückt. Cinderellas Stiefmutter (Prisca Zeisel), die auch mal gerne süffelt, und ihre in die Ehe mitgebrachten Töchter (Elvina Ibraimova und Bianca Teixeira) sind sicher ein Ego-Trio, aber keinesfalls so garstig wie im Märchen. Es gibt auch kein Linsenauslesen, kein „rucke di gu, Blut ist im Schuh“ der warnenden Tauben, kein auf dem Ball verlorenes Pantöffelchen – sondern einen Spitzenschuh. Den versucht die Stiefmutter bei der „Braut-Testung“ mit einem Kartoffelstampfer auf die Füße ihrer Töchter zu klopfen.

Jinhao Zhangs Prinz scheint einem Chaplin-Streifen entsprungen, wenn er, zwecks effektiver Brautsuche, die Rolle tauscht mit seinem Freund Benjamin alias Jonah Cook. Das sind echte Momente einer Stummfilm-Comedy.

Es bläst ein frischer Wind durch die Märchenhandlung, der auch merkbar Christopher Wheeldons Bewegungsvokabular durchweht. Natürlich haben Cinderella, der Prinz und Freund Ben jede Menge an Pirouetten, Grands Jetés und Manègen zu absolvieren – und sind dabei virtuos. Ins Auge springt aber sofort das häufige „Cambré“, im Grunde der antiklassisch leicht nach hinten gebeugte Oberkörper. Auffallend ebenso die bei der Partnerarbeit nie „vorgezeigten“, sondern immer phänomenal schwerelos fließenden Hebungen – fast als indirekte Liebkosungen zu deuten. Das ist nicht neu in der Neoklassik. Aber Wheeldon hat diese Qualität des Fließens – wunderschön von der feingliedrigen Madison Young als Cinderella verinnerlicht – noch perfektioniert.

Durch die Handlung schwirren noch jede Menge guter Geister, auch weiße Vogeldamen und Kastanienköpfe. Gerade in diesen Divertissements hätte Wheeldon ein wenig kürzen können oder sollte es noch tun. Choreografisch sinnvoll sind auf jeden Fall die „Vier Schicksale“: ein ins moderne Fach gleitendes, fast schattenhaft agierendes Herrenquartett, das Cinderella immer wieder beschützend umgibt.

Musikalisch angefeuert

Das Staatsorchester unter Gavin Sutherland hat das Bühnengeschehen getragen und angefeuert mit Prokofjews oft wechselnden Tempi und Stimmungen zwischen rhythmisch aufgekratzter Komödie, schmelzender Romanze und abgehobenen Märchenklängen.

Optisch verwöhnt Ausstatter Julian Crouch mit Cinderellas bis in den Bühnenhimmel strebendem Wunderbaum, den wie magisch herabsinkenden Kronleuchtern und einer wie von Zauberhand gelenkten Luftkutsche, die Cinderella zu ihrem Prinzen bringt. (Katrin Stegmeier)

 

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