Kultur

Egon Schieles „Selbstbildnis mit gesenktem Kopf“ (Ausschnitt). (Foto: Leopold Museum, Wien)

09.11.2018

Sezierender Blick

Das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt zeigt, wie Egon Schiele an die Grenzen der Selbstwahrnehmung stieß

Sein Blick ist durchdringend, intensiv beobachtend, Körper und Gesicht aber sind verzerrt, fleckig, das Haar ist struppig – so sieht einer aus, der sich erforscht und irgendwie nicht dazugehört. Egon Schieles verstörendes Selbstbildnis von 1912 eröffnet quasi im Schweinfurter Museum Georg Schäfer die Ausstellung zu diesem außergewöhnlichen Künstler des Fin de Siècle (1890 bis 1918). Seine Bilder formulieren den Zweifel am Dasein, die quälende Selbsterforschung inmitten ungewisser äußerer Umstände in einer Zeit des Umbruchs. Nicht ohne Grund heißt die Präsentation von 75 Exponaten, vornehmlich aus dem Museum Leopold in Wien, Egon Schiele – Freiheit des Ich. Das könnte man auch mit Fragezeichen versehen.

Die Auflösung der Identität des Menschen in ihm unbekannte Teilpersönlichkeiten, die Krise des Subjekts beherrschte die Jahrhundertwende. Schiele hat sich in über 170 Selbstdarstellungen abgebildet. Doch dabei ging es nicht um sein eigenes Ich; er sah sich vielmehr als Medium zur Erforschung des Individuums an sich. Er schlüpfte dazu in verschiedene Rollen, inszenierte sich vor dem Spiegel, fotografierte sich in Posen oder mit Grimassen, negierte dabei fast seine natürliche Körperlichkeit. Auch in deren Fragmenten versuchte er in das Geheimnis des Menschseins einzudringen. So grenzte er oft Teile des Körpers von der Figur ab, vor allem die Hände; oft sind sie hervorgehoben, auch durch die gespreizten Finger in V-Form. Deren Bedeutung ist unklar.

Ich und Über-Ich

Schiele suchte nach den Grenzen des Selbst, stieß dabei auch an die Grenzen der Selbstwahrnehmung. So spielte für ihn die Auflösung der irdischen Existenz, der Tod, eine wichtige Rolle. Die Bedrohung durch den Tod und gleichzeitig die Doppelexistenz von Leben und Tod im Menschen ist auf mehreren Bildern zu sehen.
Schiele sah sich als vergeistigte Existenz in einer Art Astralkörper. Er interessierte sich für spiritistische Schriften, las die wichtigste Literatur seiner Zeit, schrieb auch selbst, interessierte sich für den Stummfilm, entnahm auch anderen Quellen wie alter Kunst vielfältige Inspiration.
Schiele war hochbegabt und schon mit 16 Jahren in die Akademie der Künste in Wien aufgenommen. Gustav Klimt unterstützte ihn, schon bald förderten ihn Sammler. Seine Arbeiten sah man in vielen Ausstellungen. Doch bald wandte er sich vom Jugendstil ab und fand zu expressivem Ausdruck, wobei er keineswegs als Expressionist einzuordnen ist. Er verstörte und schockierte bewusst und unbewusst seine Zeitgenossen. Nicht von ungefähr wurde er der Unsittlichkeit angezeigt.

Früh verstorben

Auch wenn er im Ersten Weltkrieg nicht an der Front war, fanden Kriegsleiden Eingang in sein Werk. Kurz nach seiner Frau starb er 28-jährig Ende 1918 an der Spanischen Grippe.
Dass Schiele später eingeengt wurde auf den Schöpfer erotisch provozierender Bilder, verstellt den Blick ebenso wie die Erklärungsversuche seiner Kunst durch psychologische Aspekte oder die Lehre des Unbewussten von Sigmund Freud. Schiele suchte wohl erotische Motive, den schonungslos nackten Körper, aus dem Bedürfnis heraus, die Freiheit der Kunst manifest zu machen durch die Loslösung vom pädagogisch „Wertvollen“ und vom Anspruch des Staates an die Kunst. Dass er mit seinen Darstellungen auch aneckte, gefiel ihm ein wenig; er erzielte Aufmerksamkeit und schlüpfte in die Rolle des Märtyrers.
Wichtig war ihm immer das Thema Tod, die Vergänglichkeit, aber auch das Motiv der Doppelgängerexistenz von Ich und Über-Ich. Deutlich wird, dass für ihn Tod und Leben eine Einheit bilden, dass Leben ein ständiges Sterben ist.
Der Mensch erfüllt dabei mehrere Rollen. Im Selbstakt von 1912 ist er ein fast hässlich verdrehter, verspannter Mann, 1910 im schwarzen Anzug frontal eine Art Dandy, 1912 mit gesenktem Kopf ein völlig in sich Gekehrter.
Viele der ausgestellten Fotos zeigen den Künstler, wie er mit seiner Miene experimentiert, wie er sich im Spiegel betrachtet. Er erprobte irritierende Stellungen.
Die Natur war für Schiele ein Spiegel des Ich. Zwar schwingt in der stilisierten Blume von 1908 noch der Jugendstil mit, aber auch sie erinnert an die Vergänglichkeit des Schönen. In anderen Bildern ist die Stilisierung noch mehr hin zur Abstraktion geführt, etwa beim Herbstbaum von 1912; da wirkt das kahle Geäst wie vom Sturm gezeichnet, gegen den fleckig grauen Himmel als versteinertem Hintergrund wie ein Relikt des Natürlichen – vielleicht ist das eine Anspielung auf den Künstler, der sich von allen Seiten angegriffen fühlte. Andere Bilder, wie Berg am Fluss (1910) oder Haus und Mauer (1911), alle rigoros abstrahiert, lassen fast erschauern durch ihre Düsternis.
Dass Schieles Figuren oft verstörende Posen einnehmen, kann auch auf die Inspiration durch August Rodin zurückgehen. Die Körper scheinen gelöst von den Gesetzen der Schwerkraft. Schiele schockierte häufig durch die offensive Darstellung des Sexuellen, etwa des weiblichen Geschlechts. Der Künstler war der Überzeugung, Liebe und Sex seien Triebfedern des Lebens. Schon 1908 zeigt er sich in einer Aktstudie in extremer Sicht von unten, 1915 wirkt eine Kniende mit entblößtem Hinterteil in zusammengekrümmter Haltung äußerst aufreizend, verstärkt noch durch den Kontrast von Strümpfen und Stiefeln. Das mit einem ornamental gemusterten Gewand bekleidete, sitzende Mädchen (Poldi Lodzinsky) von 1910 strahlt Erotik aus durch sein herausforderndes Lächeln – allerdings passen die dunklen, übergroßen Hände kaum dazu.

Zwischen Leben und Tod

Ein wichtiges Bild ist die Tote Mutter von 1910: Wie in einer Geburtshöhle liegt das lebende Kind, die tote Mutter legt ihren Kopf liebevoll darauf. Auch bei der Mutter mit zwei Kindern (1915) wird die Grenzsituation zwischen Leben und Tod sichtbar, und die Mutter, deren Schädel schon an einen Totenschädel erinnert, hält ihr totes Baby wie eine Pietà auf dem Schoß: ein Ausdruck tiefsten Schmerzes.
Dass Schiele mit solchen Bildern die Traumata seiner Zeit vertieft, wird hier wie auch auf seinen Selbstbildnissen deutlich. Ihre außergewöhnliche Darstellungsweise kann am Schluss der Ausstellung verglichen werden mit der von deutschen Künstlerkollegen seiner Zeit. Schiele hat Leid und Zerrissenheit seiner Epoche auf einmalige Weise sichtbar gemacht. (Renate Freyeisen)

Information: Bis 6. Januar. Museum Georg Schäfer, Brückenstraße 20, 97421 Schweinfurt. Di. bis So. 10-17 Uhr, Do. 10-21 Uhr. www.museumgeorgschaefer.de

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