Kultur

In den "Träumen der Abwesenden" brechen Traumata aus. Hier Barbara Horvath als Holocaust-Überlebende Ada. (Foto: Sandra Then)

08.10.2021

Sozialpsychologie deutscher Geschichte

Wie in München die „Träume der Abwesenden“ und „Effingers“ ein Kollektivgedächtnis abbilden

Als Chaya Czernowin für die Münchener Biennale 2000 ihr erstes Musiktheater Pnima…ins Innere komponierte, wollte sie das Unaussprechliche ausdrücken. Für die 1957 in Israel geborene Komponistin war das Unaussprechliche der Holocaust. Ihre Eltern hatten den deutschen Völkermord an den Juden in Russland und Polen er- und überlebt. In Pnima vermag ein Großvater nicht von seinem Erlebten zu erzählen. Das Trauma kreiert neue Traumata. Die Generationen stehen sich sprachlos gegenüber.

Auch in der Dramentrilogie Leas Hochzeit, Heftgarn und Simon von Judith Herzberg aus den Jahren 1982, 1995 und 2002, aktuell von Stephan Kimmig für das Residenztheater in München zu einem fünfstündigen Marathon vereint, ist dieses Unaussprechliche allgegenwärtig. Über fast drei Jahrzehnte, von 1972 bis 1998, wird die Saga einer jüdischen Familie erzählt. Der Ausgangspunkt geht auf den Holocaust zurück. Die Traumata werden freigelegt, um die Auswirkungen auf die jeweilige Gegenwart aufzuzeigen, über Generationen hinweg. Manche haben die Nazi-Hölle nicht überlebt, kommen in den Stücken nicht direkt vor. Andere haben überlebt, können oder wollen jedoch über das Geschehene nicht sprechen. Die Nachgeborenen haben Fragen. Manche stellen sie offensiv. Andere spüren die Fragezeichen mehr als schmerzlich schwärende Leerzeichen. Sie bemerken intuitiv, dass irgendetwas in ihnen anwesend ist, von dem sie nichts wissen und das sie nicht beherrschen können. Dieser gewaltige Brocken muss und will raus, aber wie?

Es ist nicht das erste Mal, dass Kimmig die Trilogie von Herzberg als Ganzes inszeniert. Vor zehn Jahren tat er es am Deutschen Theater in Berlin. Damals nannte Kimmig das Projekt Über Leben. Der Titel der Münchner Neufassung ist treffender: Die Träume der Abwesenden. Denn die Abwesenden stehen auch für das Unaussprechliche. Was von ihnen bleibt, sind ihre Träume und Traumata.

Schnittstelle Holocaust

Ein Ortswechsel zu den benachbarten Münchner Kammerspielen: Dort hat der Regisseur Jan Bosse den 900-Seiten-Roman Effingers von Gabriele Tergit aus dem Jahr 1951 als Vier-Stunden-Marathon inszeniert. Von 1883 bis 1942 wird der Aufstieg der Gebrüder Karl und Paul Effinger nachgezeichnet. Sie heiraten in die Bankiersfamilie Oppner-Goldschmidt ein. Bis in die 1920er-Jahre hinein gehört das jüdische Leben ganz selbstverständlich dazu. Danach wird es zusehends bedrohlich und tödlich.

Die Träume der Abwesenden am Resi und die Effingers an den Kammerspielen gehören zusammen. Die Herzberg-Trilogie fängt dort an, wo der Tergit-Roman aufhört. Ihre Schnittstelle ist der Holocaust. Auch sonst sind die Verbindungen zwischen Herzberg und Tergit geradezu staunenswert. Beide wissen genau, wovon sie erzählen. So konnte sich die bald 87-jährige Herzberg in den von den Nazis besetzten Niederlanden selbst nur knapp retten: auf dem Land versteckt. Ihre Eltern wurden hingegen deportiert. Sie überlebten jenes Konzentrationslager, das Anne Frank nicht überlebte: Bergen-Belsen.

Als kritische Journalistin und Autorin musste wiederum die 1982 verstorbene Tergit infolge der Machtergreifung der Nazis aus Deutschland fliehen. Zuvor waren die Angriffe vonseiten der SA-Schergen gegen sie immer heftiger und gefährlicher geworden. Ihre Effingers sind keine jüdischen Buddenbrooks. Es ist vielmehr das verlorene, alte Vor-Hitler-Deutschland, dem Tergit in ihren Effingers ein zeitloses Denkmal setzt. In ihrer Trilogie verarbeitet Herzberg wiederum einerseits ihre eigenen Erlebnisse und andererseits Erinnerungen von Juden, die wie sie selbst aus Amsterdam stammen. Diese persönlichen Geschichten hat Herzberg ab den 1970er-Jahren beharrlich gesammelt und literarisch verarbeitet. Damit wollte sie die erlebte Geschichte dem drohenden Vergessen entreißen.

Gemeinsam mit den Effingers von Tergit entsteht zugleich eine ungeheuer dichte, intensive Sozialpsychologie der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Was Herzberg und Tergit überdies literarisch und stilistisch eint, ist ihr vielschichtiger Humor. Sie erheben nicht den Zeigefinger, tappen nicht in die Falle der Belehrung. Sie beschreiben das Leben so, wie es ist: nackt und wahrhaftig. Umso abgründiger ist der Humor.
Dabei wirkt die Inszenierung der Effingers von Jan Bosse an den Kammerspielen insgesamt leichtfüßiger als Stephan Kimmigs Träume der Abwesenden am Resi. Was beide Neuproduktionen eint, sind überragend spielende Ensembles. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es derzeit einen theatralischen Doppelpack, in der das deutsche Sein wirkungsvoller, mitreißender und lehrreicher in Szene setzt. (Marco Frei)

 

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