Kultur

Gerüste am Regensburger Dom signalisieren, dass dieses Denkmal permanenter Pflege bedarf. Seit 1923 ist dafür eine staatliche Dombauhütte zuständig. (Foto: Staatliche Dombauhütte Regensburg, Jakob Schötz)

20.08.2019

Späte Vollendung

Die Wiederentdeckung der Gotik: Eine Ausstellung erinnert an die Fertigstellung der Regensburger Domtürme vor 150 Jahren

So, wie sie heute das Stadtbild prägen, möchte man meinen, gehören sie schon ewig zum Dom, diese beiden stolzen Türme, die neben den erhalten gebliebenen Geschlechtertürmen die Regensburger Stadtsilhouette prägen. Tun sie aber nicht. Bis vor 150 Jahren waren es nur zwei Knäufe, die der gotische Prachtbau jahrhundertelang in Nicht-Vollendung zeigte. Eine beeindruckende Statue gegenüber am Domplatz – leider ständig umparkt von Autos – gibt einen Hinweis, warum sich das vor 150 Jahren geändert hat: Bayerns König Ludwig I., hoch zu Ross, blickt und zeigt auf die Domtürme. Er hat deren Fertigbau initiiert.

Ein Dutzend Stelen in der Innenstadt mit historischen Abbildungen machen unter dem Titel Blickpunkt Dom auf dieses runde Jubiläum der Türme aufmerksam. Obendrein gibt es eine hochinformative Ausstellung im Museum St. Ulrich. Die ist sinnigerweise auf Baugerüsten ausgebreitet: ein schönes Ausstellungslayout und ein zarter Hinweis darauf, dass der altehrwürdige weiße Sandsteinbau ständiger Pflege bedarf, um nicht zum verdreckt-schwarzen Klotz zu verkommen.

Gotik wiederentdeckt

Auch im Innern wurde die Kirche mehrere Male umgeformt. Denn dass der Dom nicht ganz zu Ende gebaut wurde, hat nicht nur damit zu tun gehabt, dass das Geld ausging, sondern schlicht auch damit, dass die Gotik allmählich unsexy wurde. Seit der Renaissance galt dieser Baustil als muffig und altmodisch.

Draußen wurde also rumgemäkelt, innen drin wurde munter barockisiert – bis die Romantik kam und die Gotik wiederentdeckte. In dieser Tradition stand der Kunstfreund und König Ludwig I. (1786 bis 1868), der, die Ausstellung lehrt es, 1835 die Purifizierung der Kirche anordnete: barocker Krempel wieder raus, gotische Anmutung wieder rein.

Außerdem konnte es der König nicht mitansehen, wie die Stumpftürme mit hölzernen Notdeckeln versehen waren. Sie sollten wachsen. Die Ausstellug dokumentiert den Baufortschritt, Pläne, Rechnungen, Berichte, Bilder. Apropos Rechnungen: Für Regensburgs erste Zierde musste fleißig geworben werden. Zwar gab der König jährlich 20 000 Gulden dazu, weitere 30 000 aber mussten irgendwie anders aufgebracht werden. Werbung war nötig. Die Regensburger selbst hatten 1860 noch 4057 Gulden gespendet, 1863 aber nur noch 2942 Gulden. Da war mehr drin, man musste nur ordentlich werben.

Vor dem Bau hatten Statikfragen und architektonische Lösungen gefunden werden müssen: Ob das Gebäude überhaupt den Aufbau von zwei so hohen Türmen verkraften würde? Am 29. April 1859 – Max II. hatte seinen Vater Ludwig im Zug der Lola-Montez-Affäre elf Jahre zuvor abgelöst – genehmigte dieser nach einer argen Karriere-Rangelei um das Prestigeprojekt den Ausbauplan von Oberbaurat August von Voit. Ein gutes Jahr danach war Baubeginn. Wiederum zehn Jahre später, am 29. Juni 1869, war der Türmebau beendet, die heutige Domgestalt fertig.

Zuletzt betritt der Ausstellungsbesucher eine zeitgenössische Baustelle. Umrahmt wird sie von historischen Postkarten und gegenwärtiger Kunst rund um den Dom mit Fotografien von Stefan Hanke und Uwe Moosburger sowie Zeichnungen von Manfred Sillner. (Christian Muggenthaler)

Information: Bis 29. September. Museum St. Ulrich, Domplatz 2, 93047 Regensburg. Mo. bis Sa. 10-17 Uhr, Do. 10-19 Uhr, So. 12-17 Uhr.
www.kirchliche-museen.org

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Kommentare (1)

  1. Miiich vor 3 Wochen
    Wobei anzumerken bleibt, dass der Rergensburger Dom zu einem weit größeren Teil echte mittelalterliche Bausubstanz aufweist, als z.B. der vielgepriesene Kölner Dom, welcher großteils aus der Zeit des späten 19. Jahrhunderts stammt. Da fehlten nicht nur die Turmspitzen, sondern neben den Türmen fast das gesamte Kirchenschiff. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts standen nur Turmsockel und Chorraum, der 1945 auch noch mit ausbrannte, so dass Dach und ein Großteil der Gewölbe sogar nur "Nachkriegsware" sind.

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