Kultur

Maria Lassnig im Sesselselbstporträt (1968). (Foto: VG Bild-Kunst/Maria Lassnig Stiftung)

07.06.2024

Spiel mit Wirklichkeitsfarben

Das Museum Moderner Kunst in Passau widmet Maria Lassnig eine Werkschau

Man schaut schon auch mal in den Lauf eines Revolvers. Die Künstlerin mit der Knarre – das ist einer der vielen Versuche eines Selbstporträts, eines Lebensthemas von Maria Lassnig: der Blick auf sich selbst als permanentes Überprüfen der eigenen künstlerischen Position. Die österreichische Künstlerin (1919 bis 2014) zeigt in Eigenansichten zugleich Innenansichten. Das, was man sieht, wenn man sich im Spiegel betrachtet, geht hier unter die Hülle. Und darunter tut sich Unglaubliches, Vielfältiges, Disparates auf: Körperlichkeit ist nämlich nur ein winziger Aspekt des Körpers.

Maria Lassnig war eine erfolgreiche Künstlerin, was sicher auch an der Konsequenz ihres Tuns liegt, die in einer Werkschau im Museum Moderner Kunst in Passau zu sehen ist; alle Exponate sind Leihgaben der Sammlung Helmut Klewan. Lassnig wich kein Jota ab von ihrem Kurs. Es gibt Sesselselbstporträts, Herzselbstporträts und dergleichen mehr. Ob mit Bleistift oder als Ölgemälde: Immer verwandelt sich der Körper in etwas anderes, in einen anderen Zustand. Er lustwandelt sozusagen.
Es ist ausgesprochen irritierend, wenn Kopf und Körper aneinander vorbeischweben, nur Einzelteile des Körpers ihn als Pars pro Toto vertreten oder er sich ganz auflöst. Aber was soll man schon sagen in einem 20. Jahrhundert, das Menschenkörper grundsätzlich als Deformationskapital von Ideologie missbraucht hat. Lassnigs eigener Körper tendiert dazu, zur Erzählung zu werden, so wie überhaupt Leib und Legende interagieren, sich das Dargestellte in einem ständigen Wandlungsprozess befindet. Jedes Bild ist da nur eine Zwischenstation, ein Schnappschuss.

Beispielsweise das Ölgemälde Fruchtbarkeit (1964): Dort sind Wesenheiten in verschiedenen Aggregatszuständen und in den typischen Lassnig-Fleischfarbtönen zu sehen – Farben transportieren Emotionen. In ihrer Bildwelt und ihrer Diktion gibt es Schmerzfarben und Qualfarben, Druck- und Völlefarben, Gedankenfarben, Geruchsfarben, Fleischdeckenfarben, Streck- und Pressfarben, und: „Das alles sind Wirklichkeitsfarben“, hat sie einmal gesagt.

Großes Formenrepertoire

Ein Apfel wird Fruchtfleisch, er bekommt ein Gesicht, zwei Gesichter, pausbäckig, süß – oder doch streng? Ein Tier gegenüber, ein Hund womöglich, dem es nach den Äpfelchen gelüstet, der Brut des großen Apfels. Die ganze Existenz gerinnt hier zu einem Rätsel auf bläulichem Grund. Rein biblisch betrachtet hat sich der Apfel ohnehin – nebst Schlange – in ein ungutes Kapitel der Menschheitsgeschichte eingeschrieben. Solche Bezüge schwingen bei Maria Lassnig immer mit. Das ist eine Kakofonie voller Eindeutigkeiten – vielleicht denkt man auch an Free Jazz von Farben und Formen.

Die Künstlerin beherrschte ein großes Formenrepertoire: Manchmal geht es ins Cartoonhafte, wenn etwa ein Konservenmann sich wie eine Dose aufrollt oder ein gelber Hund „Hallo“ zu uns sagt, der eine Hundepfote hat und eine malende Hand, mit der er sich selbst zeichnet. Manchmal unternimmt Lassnig Naturstudien (schlummernder Tiger in Sanfter Schlaf), und manchmal wird’s grotesk wie bei den brutzelnden Fleischbatzen in Am Strand oder sich auflösenden Badenden in einem Swimmingpool, der auch eine Sardinendose sein könnte. In Alpenbegegnung treffen sich in der Tat zwei Berge.

Solche Bilder sind fast alle auf Pointe gearbeitet. Sie sind lustig, absurd, herzhaft, verstörend. Sie stellen Fragen wie: Was siehst du, wenn du in der U-Bahn Menschen gegenübersitzt und deine Gedanken zerfließen – zerfließen die Menschen dann auch? Bei Maria Lassnig: eher ja.

Ein Raum am Schluss des Ausstellungsrundgangs zeigt abermals Möglichkeiten des Selbstporträts. Und da ist die Künstlerin mit Knarre zu sehen: als Wildwestporträt. (Christian Muggenthaler)

Information: Bis 14. Juli. Museum Moderner Kunst Wörlen, Bräugasse 17, 94032 Passau. www.mmk-passau.de

 

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