Kultur

Elegante Seidenschuhe aus der Zeit um 1760. (Foto: Benedikt Feser)

12.06.2020

Stelzen und stolzieren

Mehr als Schutzbekleidung: Das Knauf-Museum in Iphofen inszeniert eine kurzweilige Show der Schuhe

Wer barfuß läuft, kann sich keine Schuhe kaufen – selbst für die, die das nicht aus Kostengründen, sondern unter Gesundheitsaspekten tun, gibt es eben (nicht gerade billige) Barfußschuhe. Mit Schuhen verbindet man jenseits der praktischen Erfordernis ein soziales Statement: Wer es sich leisten kann, lebt auf großem Fuß – und damit in überdimensionierten Schuhen wie den Schnabelschuhen des Mittelalters, die das Laufen eher behinderten: Man hat Eile oder der Arbeit wegen ergonomisches Gehen nicht nötig, kann es sich gestatten, müßig daherzustolzieren oder sich einen spleenigen Gang zuzulegen. Hauptsache, man hebt sich von der Masse ab – auch im physischen Sinn: Auf hohen Plateausohlen stelzte einst durch den Straßenmorast, wer sein edles Schuhwerk und erst recht die wertvolle Kleidung schonen wollte.


Das spannt den Bogen über Jahrhunderte ins Heute und in die politische Dimension: Weil man mit ihnen den Dreck unter seinen Füßen tritt, können in der traditionellen islamischen Welt Schuhe als Inbegriff der Unreinheit interpretiert werden. Und wen man auf höchste Weise beleidigen will, dem zeigt man die Schuhsohlen oder bewirft ihn gleich mit Schuhen – wie das Iraker beim früheren US-Präsidenten George W. Bush taten.

Schuhe sind eines der bedeutsamsten Kulturgüter – ihre Evolution zeichnet die Ausstellung Schuhstories ausgesprochen kurzweilig nach. Das Knauf-Museum in Iphofen hat Exponate vieler Leihgeber zusammengetragen, um den handwerklichen Entwicklungsprozess des Schuhwerks, eingebettet in dessen praktische Notwendigkeit und gesellschaftliche Bedingungen, nachzuzeichnen. Die Exponate und Geschichten über Audioguides erzählen von Modetrends, von speziellen Gebrauchsschuhen für Arbeit und Sport, von Brauchtum und Ticks rund ums Schuhwerk.

Dessen Ursprung ist darin zu sehen, als die Menschen begannen, sich Blätter, Felle oder Leder schützend um die Füße zu binden. Relikte davon sind so gut wie nicht erhalten – das Prinzip lebt allerdings in der moderneren Geschichte der (indianischen) Mokassins fort. Das Museum erzählt diese spezielle Kulturgeschichte deshalb ab dann, als Formen der Fußbekleidung unseren heutigen Vorstellungen von Schuhen entsprechen und man sie konkret bebildern kann.

Bei der Zeitstrahlmarkierung „von alters her“ ist man in den eigenen Beständen fündig geworden: Auf zahlreichen, jahrtausendealten Reliefs – wovon das Museum Repliken in Gips besitzt – entdeckt man Figuren mit allerlei Arten der Fußbekleidung: Sandalen, geschlossene Halbschuhe, Stiefel – die Grundformen sind von der Antike bis heute gleich geblieben. Die Variationen lassen sich über die Zeit hinweg nicht nur an Materialien und Schafthöhe, sondern vor allem an drei Details festmachen: Spitze, Sohle, Absatz.

Das Wort Schuhspitze impliziert die Form: Die Zehen werden zusammengequetscht. Warum diese Qual auf sich nehmen? Einerseits des elitären – auch erotisch interpretierten – Gestakses wegen, das Männer genauso wie Frauen einst gerne zur Schau stellten. Andererseits gelten/galten vor allem zierliche Frauenfüße als vornehm und sexy. Was freilich im kulturellen Kontext verstanden werden will: Die Extremform der „Lotusfüße“ chinesischer Frauen, die im Idealfall in nur zehn Zentimeter langen Seidenschühchen stecken konnten, war ein regional begrenztes Schönheitsideal – das allerdings über gut ein Jahrtausend gepflegt wurde; endgültig verboten wurde die Praxis des Füßebrechens und -abbindens erst 1949 durch Mao Zedong.

Wo drückt der Schuh?

Selbst wenn der vordere Schuhabschluss eckig oder rund und breit war wie bei den Kuhmaulschuhen des 16. Jahrhunderts: Meist war die Frage „Wo drückt der Schuh?“ mit „überall“ zu beantworten: Erst Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Schuhgestaltung Rücksicht auf die Anatomie und unterschied zwischen rechten und linken Schuhen. Zuvor waren sie symmetrisch – das Eintragen war wohl oft schmerzhaft.

Die erotische Konnotation des Schuhwerks gibt es nicht nur bei den chinesischen Lotusschühchen, sondern wohl in allen Kulturen – unabhängig von der Größe: High Heels sind heute auch in hohen 40er- und gar 50er-Größen erhältlich. In ihrem Fall zählt die Absatzhöhe – eine weitere Komponente sich wandelnder Schuhformen. Die im Falle der bis zu 20 Zentimeter hohen Stelzenschuhe, die vermögende und modebewusste Frauen im 16. Jahrhundert zur Schau trugen, die Moralwächter der Kirche auf den Plan riefen: Die Überhöhung der Frau kam einer glatten Gotteslästerung gleich. Einige Jahrhunderte später taten es die Männer gleich: Die Plateausohlen der 1970er-Jahre feierten fröhliche Urständ und nahmen fußbrecherische Höhen an (jenseits der Ausstellung zum Klicken in Youtube als karikierendes Beispiel: der Auftritt von The Tubes mit White Punks on Dope).

Es sollen übrigens Reiter aus dem Osten gewesen sein, die den Absatz erfunden haben: um im Steigbügel besseren Halt zu haben.

Ideal der Pantoffelhelden

Ende des 18. Jahrhunderts die radikale Entsagung, was die Absätze anging: Die Mode kokettierte mit ganz flachen Schuhen und Stiefeln – der Antike folgend, die man philosophisch und in vielen Lebensbereichen wiederentdeckte. Einige Jahrzehnte später gefiel das Parlieren und Philosophieren vor allem in den eigenen vier Wänden: Die bürgerliche Idylle fand im Hausschuh die ideale Ergänzung zum Hausmantel. Der Pantoffel und manch darin steckender Held prägten das Bild biedermeierlicher Häuslichkeit.

Der Hausschuh musste bequem sein: Starres Leder ging da gar nicht. Filz oder Seide engten hingegen nicht ein. Manche Hausfrau verzierte diese Schuhe selbst und demonstrierte darauf ihre ganze Fingerfertigkeit. Wie ohnehin das Schuhwerk über Jahrhunderte reines Handwerk war.

Die verwendeten Materialien reichten von Stroh, Holz über Filz und feinere Stoffe über Leder bis zu Eisen. Letzteres steckte üppig in den römischen Caligae: Zwischen 100 und 160 eiserne Nägel machten die Sohlen dieser Sandalen haltbarer, was vor allem für die viel marschierenden Soldaten wichtig war. Wie Spikes sorgten sie für einen griffigen Tritt – allerdings nicht auf Steinböden, wo man mit ihnen eher schlitterte oder ausrutschte. Ob genau das bezweckt war, wenn im Mittelalter ein verurteilter Übeltäter mit metallisch klackernden Prangerschuhen durch die Stadt laufen musste? Ob ihm zuvor vielleicht ein Komplize die Schuld in die Schuhe geschoben hatte? „Den Schuh zieh ich mir nicht an“, wird sich vielleicht der abwägende Richter gedacht haben und wird von einem Freispruch gemäß der Devise „in dubio pro reo“ abgesehen haben, um nicht den Zorn Geschädigter auf sich zu ziehen.

Das Kulturgut in der Sprache

Auch das wird in dieser wunderbar bunten Show der Schuhe in Iphofen zwischen allen Modeerscheinungen und Herstellungsfinessen thematisiert: Der Schuh als Kulturgut manifestiert sich aufs Trefflichste in der Sprache, die voll einschlägiger Redewendungen ist, und obendrein in Brauch und Religion. Man denke etwa an die Kinderschuhe, in denen man natürlich auch im übertragenen Sinn nie stecken bleiben möge: Die allerersten werden gerne als Souvenir aufbewahrt, erinnern sie doch ans Flüggewerden.

Hochemotional aufgeladen sind auch die Brautschuhe, die oft nur einmal getragen werden. Das galt vermutlich auch für die luxuriösen Exemplare aus feinem, hellcremefarbenem Ziegenleder mit gestanzten Verzierungen, die Margarethe Völker anno 1594 trug, als sie in Nürnberg Frau Nützel wurde. Schmiegte sich dieses weiche Leder bestimmt komfortabel an den Fuß der Patrizierin, wird die andere Braut, die die ausgestellten Schuhe aus Turkmenistan zu ihrer Hochzeit noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts trug, möglicherweise öfters die Zähne zusammengebissen haben: Die Schuhe sind aus Silber gearbeitet. Das macht sie zwar wertvoll, aber eben auch höchst unbequem.

Bleibt zu hoffen, dass der Frischvermählten ihr Schuhwerk nicht auch später zum Verhängnis wurde: Die Ausstellung berichtet davon, dass in Belutschistan Frauen mit Schuhen geschlagen werden, auf dass ihre Tränen es regnen lassen. Der Grat zum Missbrauch des Schuhs als Schlagwaffe ist schmal – das „Versohlen“ ist leider Kulturen und Zeiten übergreifend. (Karin Dütsch)

Information: Bis 8. November. Knauf-Museum, Marktplatz, 97346 Iphofen. Di. bis Sa. 10-17 Uhr, So. 11-17 Uhr.

Abbildungen (Fotos: Monika Runge, Lisa Folgner-Brumbauer, Benedikt Feser):
Schnabelschuhe waren im 15. Jahrhundert topchic.

Schuh Audrey (2014) von Lisa Folgner-Brumbauer.

Die legendären 18-Prozent-Schuhe des FDP-Politikers Guido Westerwelle aus dem Bundestagswahlkampf von 2002.   

die legendären 18-Prozent-Schuhe des FDP-Politikers Guido Westerwelle aus dem Bundestagswahlkampf von 2002.    Fotos: Lisa Folgner-Brumbauer, Monika Runge, Benedikt Feser

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