Kultur

Ausschnitt aus "Der Zecher" von Hendrick ter Brugghen. (Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen/Sibylle Forster, Nicole Wilhelms)

04.11.2022

Süffiger Fingerzeig

Hendrick ter Brugghens „Der Zecher“ in der Alten Pinakothek: Antikisierende Entgrenzung trifft auf pietistische Tugendhuberei

Keine Frage, der Mann hat einen Fetzenrausch. Das sieht man an dem glasigen Blick, mit dem er uns entgegenstiert, an der tiefroten Nase und natürlich daran, dass seine motorischen Fähigkeiten offenbar schon stark beeinträchtigt sind: Den Tonkrug in seiner Rechten hält er so schräg, dass dessen Inhalt (es dürfte sich um Bier handeln) unkontrolliert herausfließt.
Dargestellt sind diese Konsequenzen legalen Drogenkonsums auf einem Gemälde von Hendrick ter Brugghen (1588 bis 1629), das den naheliegenden Titel Der Zecher trägt, 1627 entstand und seit Menschengedenken in der Alten Pinakothek zu München hängt, der Stadt weltberühmter Biere. Anlässlich seiner Restaurierung wird das süffige Bildnis dort aktuell in der Ausstellungsreihe „All Eyes On“ für einige Monate herausgehoben präsentiert.

Sicher, es ist, nüchtern betrachtet, keines von den ganz hochprozentigen, weltberühmten Meisterwerken dieses Museums, eher eines der Bilder mit solider Stammwürze, die man so nebenbei wegschluckt. Denn die sogenannten Utrechter Caravaggisten, zu denen Hendrick ter Brugghen gehört, sind, bei aller technischen Virtuosität, nicht die originellsten unter den holländischen Malern des 17. Jahrhunderts. Vielmehr konzentrieren sie sich eben auf die Adaption Caravaggios, des Giganten der italienischen Barockmalerei, dessen dramatisches Chiaroscuro sie meist in eine etwas harmlosere, bürgerliche Genre-Gemütlichkeit transformieren, die den Erfordernissen des niederländischen Marktes eher entsprach.

In diesem Zusammenhang verweisen zünftige Kunsthistoriker auch gern darauf, dass Der Zecher, wie bei den protestantischen Holländern üblich, eine moralische Botschaft vermittelt: Er lallt uns quasi eine Warnung vor Trunksucht entgegen, was auch sonst! Zudem kann das verschüttete Getränk natürlich noch als Vanitas-Symbol gelesen werden, während andererseits die entblößte Schulter unseres Saufaus auf die Bacchus-Ikonografie Caravaggios anspielt, der den Gott des Rausches so darzustellen pflegte.

Aber gerade diese leicht bizarre Kombination antikisierender Entgrenzungsattitüden mit pietistischer Tugendhuberei macht für uns Heutige am ehesten den Reiz des Gemäldes aus. Sie ist der Spannungs- und Reibungspunkt, wo jene Dissonanzen spürbar werden, in denen sich die Welterfahrung des modernen Menschen viel klarer spiegelt, als in jeder Harmonie. Was wieder mal zeigt, welche berauschenden Erkenntnisse die Kunst doch bereithält.

Dem Silvaner verschrieben

Apropos Rausch: Kürzlich wurde der neue „Museumswein“ vorgestellt, der von einigen staatlichen Kunstsammlungen Bayerns ein Jahr lang zu festlichen Anlässen kredenzt wird. Sein Etikett, diesmal ausgewählt vom Deutschen Theatermuseum, zeigt zwei Commedia-dell’arte-Figuren, die sich um eine – naturgemäß italienische – Bast-Weinflasche streiten. Und das, obwohl der Museumswein doch prinzipiell ein heimischer, also ein Frankenwein ist! Ja, Kunstminister Markus Blume hatte bei seiner Museumsweinpräsentationsansprache sogar betont, dass „wir uns dem Silvaner verschrieben haben“. So klare, programmatische und auch noch erfreuliche Aussagen hat man aus der Politik lange nicht mehr gehört. Und vielleicht wäre das ja die Lösung sämtlicher Krisen: dass alle sich geistigen Getränken verschreiben, statt irgendwelchen vermeintlich hehren Zielen. (Alexander Altmann)

Information: Bis 26. Februar. Alte Pinakothek, Barer Straße 27, 80333 München. www.pinakothek.de

 

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