Kultur

Rund 2000 Gäste strömten im März 1900 zur Eröffnung des Münchner Künstlerhauses – hier einige der Kostümierten des Festspiels. Rund drei Tage und Nächte wurde bacchantisch gefeiert. (Foto: Familienbesitz Neven duMont/Atelier Baumann)

04.11.2022

Tanz ums Goldene Kalb

Eine Ausstellung in Schrobenhausen zeigt Fotografien aus dem Besitz Franz von Lenbachs, die legendäre Münchner Künstlerfeste zeigen

Aus dem Städtchen Schrobenhausen am Rande Oberbayerns stammt nicht nur ein sogenanntes königliches Gemüse, sondern auch ein „Malerfürst“. Beide, der Spargel und Franz von Lenbach, haben in einem stillen Winkel der Stadtmauer längst ihr Museum. In einem davon wurde der Sohn des Stadtbaumeisters 1836 geboren. Das Biedermeierschlösschen birgt seine schönsten Frühwerke. Hinzu kam an Ostern 2020, als Sonderausstellung im knarzenden Obergeschoss, ein einzigartiger, bis dahin verborgener Schatz: 25 Fotografien, die einst dem – bei der Entstehung schon in München residierenden – Universalkünstler als Vorlagen für Ölgemälde dienten.

Spaß in trauriger Zeit

Diese Aufnahmen veranschaulichen die legendären Künstlerfeste der Gründerzeit. Die Leihgaben sind Dokumente der bürgerlichen Hochstimmung, der Freude, die in einer traurigen Zeit hervorgezaubert wurden. Sie stammen aus dem Besitz von Reinhold Neven DuMont (1936 geboren), der 33 Jahre lang einen bedeutenden Buch- und Zeitungsverlag in Köln geleitet, selbst mehrere Romane geschrieben und sich politisch grün engagiert hat. Als letzter lebender Enkel Lenbachs hat er eine Sammlung von rund 500 Glasnegativen geerbt. Die hielt er jedoch in seiner Villa in Herrsching am Ammersee unter Verschluss. Denn in der Familie war es verpönt, zu erwähnen, dass der Vorfahre die Fotografie für seine künstlerische Arbeit nutzte (wie es auch Franz von Stuck und viele andere Promi-Porträtisten taten). Einem wahren Genie, so die Überzeugung, helfe allein die Inspiration und keinesfalls die amusische Technik.

Dass ein so schönes Stück Altmünchen nicht länger verborgen bleibt, ist letztlich ein Verdienst der Besitzergattin, deren Name ebenso ungewöhnlich ist wie ihr Beruf. Pe-Lin Neven DuMont ist Fotoingenieurin. Mit digitaler Hilfe restaurierte, optimierte, rahmte sie im Atelier in Herrsching die verstaubten, zerkratzten, fotografischen Glasvorlagen, ohne in deren Substanz und Aussage einzugreifen. Daraus entstanden schließlich großformatige Papierabzüge.

Was ist darauf zu sehen? Fachleute haben versucht, die abgelichteten Personen zu identifizieren. Bei den Mitgliedern der Familie ist das auch gelungen. Mehrmals posiert er selbst, der nicht uneitle, in aller Welt als Porträt-Papst gefragte Franz von Lenbach, mit Lorbeer umkränzt, von Grazien umschwirrt. Auch seine zweite Frau Charlotte („Lolo“) und seine Tochter Marion stellten sich in prachtvollen Gewändern der riesigen Kamera. Sie gehören in der Geschichte der Fotografie vielleicht zu den ersten Frauen, für die der Modebegriff „fotogen“ passen würde.

Raus aus dem Arbeitsalltag

Amüsant ist eine Aufnahme mit dem schlichten Titel „Fräulein Heuberger, Frau Obermayer, Frau Putz“. Hier erscheint auch der sonst fehlende Name des Fotografen: Carl Hahn. Die Darstellung der Damen in spanischen Kostümen vom Beginn des 17. Jahrhunderts sei die letzte Konsequenz von Lenbachs Bestreben, seine Modelle mithilfe historischer Kleidung dem Arbeitsalltag zu entziehen, urteilt Claudia Freitag-Mair, Kulturreferentin und Museumsleiterin in Schrobenhausen.

Unter diesem Aspekt sieht die Kuratorin auch die Münchner Künstlerkostümfeste. In den ausgewählten Fotostudien stellen sich diese Veranstaltungen als groß inszenierte Festspiele dar. Sie wurden monatelang vorbereitet. Die Münchner Kulturszene war jeweils komplett und prominent vertreten: durch Maler, Bildhauer, Dichter, Komponisten, wichtige Architekten wie Gabriel Seidel und Lorenz Gedon. Aber auch Kaufleute mit weniger Kunstsinn waren als zahlende Gäste gern dabei – man fühlt sich an die Helmut-Dietl-Fernsehserie Kir Royal erinnert. In antikisierenden oder „altdeutschen“ Gewändern traten sie auf als gekrönte Häupter oder gar als Könige, als Ritter, Landsknechte, als Mönche, kirchliche Würdenträger oder gar als Papst.

Im Mittelpunkt der Festlichkeiten stand meist eine historische Gestalt samt deren Epoche: Feldherr Wallenstein (1837) ebenso wie Frauenheld Don Juan (1902), Barock-Befehlshaber Rubens (1857) ebenso wie Kaiser Karl V. (1876), der im 16. Jahrhundert die halbe Welt beherrschte.

Pompöser Festzug

Thema und Ton bestimmte später die 1873 gegründete Allotria, ein Künstler- und Literaten-Club, der sich fortschrittlich gab. Gleichwohl leistete er sich zum Gedenken an den „siegreichen“ deutsch-französischen Krieg von 1870/71, der den Wohlstand des gehobenen Bürgertums mehrte, einen pompösen, patriotischen Festzug. August Kaulbach und Wilhelm Diez entwarfen Kostüme und Kulissen. Hunderte von Menschen in Renaissancegewändern zogen ins Odeon ein.

Präsident der Allotria, der sich Musiker und Offiziere anschlossen, war von 1879 bis zu seinem Tod am 6. Mai 1904 der einflussreiche Bismarck- und Papst-Maler Franz von Lenbach. Er trat sein Amt zu einem Zeitpunkt an, als eine Zeitung feststellte: „Im heutigen München ist die Freude an maskierten Festen fast ganz verschwunden.“

Das galt es zu ändern. „Stimmung, Stimmung!“, so die Parole der Künstlerschaft. Sogar die von ihm selbst ausgestalteten Repräsentationsräume seiner um die Jahrhundertwende erbauten Villa, heute Münchens Städtische Galerie mit internationaler Strahlkraft, stellte Lenbach für größere Künstlertreffen zur Verfügung.

Höhepunkt des ganzen Festreigens war ein schier bacchantisches Bankett zur Einweihung des Künstlerhauses am 31. März 1900. Nicht weniger als 2000 eingeladene Gäste kamen bis aus London und St. Petersburg. Der Tusch auf den anwesenden Prinzregenten ging in eine von Richard Strauß komponierte Hymne mit Damenchor und Harfen über. „Mohren“ trugen das Festessen auf. „Es erinnerte in Aufwand und Geschmack an die fürstlichen Tafeln der Renaissance“, meldete die Presse. Drei Tage und Nächte lang wurde gefeiert. Sogar biblische Zeiten wurden beschworen, als junge Frauen und Männer exotisch kostümiert um ein Goldenes Kalb tanzten. Ein Entree in das erwartete Goldene Jahrhundert, das dann doch nicht so golden wurde. (Karl Stankiewitz)

Information: Bis 31. Januar. Lenbachmuseum, Ulrich-Peißer-Gasse 1, 86529 Schrobenhausen. www.schrobenhausen.de/de/Kultur-Tourismus/Museen/Galerie-im-Lenbach-Geburtshaus

 

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