Kultur

Falstaff (Wolfgang Koch) ist ein Schürzenjäger und heruntergekommener Neureicher. (Foto: Wilfried Hösl)

04.12.2020

Tote Kunst trotz Glamour

Ein abgründig aktueller „Falstaff“ an der Bayerischen Staatsoper

Das Bild brennt sich tief ein, wirkt in seiner Aktualität geradezu beklemmend. Mitten in der Schlussfuge, in der die Welt als Posse entlarvt und besungen wird, steht das gesamte Ensemble regungslos auf der Bühne. Auch der Dirigent hebt nicht den Taktstock, das Orchester im Graben spielt nicht. Alle tragen Schutzmasken, und – die Musik kommt in dieser Szene aus dem Off. Die Kamera blendet den menschenleeren Publikumsraum ein: Eine Aufführungskunst aus der Konserve, ohne Publikum live vor Ort, ist tot. Genau das ist die Botschaft hinter diesem Bild.

Mit dieser Szene endet an der Bayerischen Staatsoper die Neuproduktion des Dreiakters Falstaff von Giuseppe Verdi nach William Shakespeare. Diese „Commedia lirica“ von 1893 ist das letzte Bühnenwerk von Verdi. Ursprünglich sollte die Neuproduktion bei den Münchner Opernfestspielen Premiere feiern, mit Kirill Petrenko am Pult. Daraus wurde coronabedingt nichts.

Bei der jetzigen Premiere gab es ein ganzes Bündel an Debüts. So war es das erste Mal, dass die Bayerische Staatsoper eine Premiere einzig als Live-Stream im Internet realisiert hat. Hierzu wurde ein umfangreiches Hygiene- und Sicherheitskonzept ausgeklügelt: samt Masken und Distanz, regelmäßigen Corona-Tests und Farbcodes für die jeweiligen Gruppen.

Leichter Realismus

Noch dazu dirigierte Michele Mariotti seinen allerersten Falstaff, und Wolfgang Koch debütierte in der Titelpartie. Für die slowenische Schauspielregisseurin Mateja Kole(z)nik war es die erste Operninszenierung. In ihrer Lesart ist Falstaff nicht nur einfach ein Schürzenjäger, sondern ein heruntergekommener Neureicher. Er hat eine Art Midlife-Crisis und verspielt sein Geld in einem Kasino. Gleichzeitig führt er die reiche Bürgergesellschaft vor. Und weil Kole(z)nik nicht auf Klamauk setzt, sondern auf „leichten Realismus“, hat Raimund Orfeo Voigt für die Bühne ein Kasino als Einheitsbild entworfen. Die 16 Türen garantieren einen schnellen Handlungsverlauf.

Für dieses Kasino-Treiben hat Ana Savi(´c)-Gecan die Personen passend glamourös ausgestattet – vor allem auch die drei Frauen Alice Ford (Ailyn Pérez), Mrs. Quickly (Judit Kutasi) und Meg Page (Daria Proszek). Mit ihnen erlaubt sich Falstaff seine Späße und fällt böse auf die Nase. Auch andere Herren bekommen ihr Fett weg, allen voran Ford (Boris Pinkhasovich) und Dr. Cajus (Kevin Conners).

Doch das alles wirkt etwas starr und ungelenk. Kole(z)nik möchte weg vom Buffa-Slapstick, raubt damit jedoch dieser schnelllebigen Oper die „Italianità“. Selbst die Szene, in der Alice und Meg feststellen, dass sie denselben Liebesbrief von Falstaff erhalten haben, wirkt mitunter so trocken wie nordisches Knäckebrot. Indes ist es das ausdrucksstarke Spiel, das Esprit schenkt. Das gilt auch für den Falstaff von Koch, der gesanglich insgesamt solide bleibt.

Am Pult des Bayerischen Staatsorchesters agiert Mariotti sehr umsichtig und fein. Statt die typischen Um-ta-ta-Klischees aneinanderzureihen, ist er um Differenzierung bemüht. Das passt zu dieser Inszenierung. Sie ist im endzeitlichen Schlussbild am stärksten und wirkungsvollsten. Alles in der Welt ist gegenwärtig tatsächlich eine abgründige Wahnsinnsposse. Soll das etwa die viel beschworene „neue Normalität“ sein? (Marco Frei)

Information: Nach dem kostenlosen Live-Stream der Premiere ist die Produktion als Video-on-Demand auf der Staatsopern-Homepage für 14,90 Euro erhältlich.
www.staatsoper.de

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