Kultur

Im dritten Teil der gestreamten Spielzeit sieht man den Ballettnachwuchs in unter anderem in "Petite Corde". (Foto: Charles Tandy)

13.08.2021

Überzeugende Bewerbung

Das Bayerische Junior Ballett (BJB) zeigt in seiner „digitalen Spielzeit“, was es draufhat

Müßig zu fragen, welche Berufssparten von den coronabedingten Lockdowns am härtesten betroffen sind. Ballett und Tanz jedenfalls stehen da ganz vorne. Denn biologisch bestimmt, ist die Laufbahn extrem kurz. Im klassischen Tanz muss man schon um die 40 seinen Abschied nehmen, im modernen kann, je nach Kondition, die Altersgrenze etwas hinausgeschoben werden. Im Klartext: Wer beruflich tanzen will, verliert durch die Pandemie kostbare Zeit.

Besonders prekär wird es aktuell für all jene, die gerade erst in den Tänzerberuf starten und bangend Ausschau halten nach einem Engagement in einem städtischen, staatlichen oder auch freien Ensemble. Ein Beispiel ist das Bayerische Junior Ballett (BJB) mit seinen 16 Mitgliedern. Es ist, als Ergänzung zum akademischen Studienabschluss, nichts anderes als eine auf zwei Jahre begrenzte Profi-Vorbereitung. Will heißen: Einstudierung stilistisch verschiedener Choreografien und möglichst intensive Bühnenerfahrung. Die war dem BJB in den zehn Jahren seines Bestehens garantiert durch Tourneen quer über den Globus. Ab März 2020 hieß es: Stillstand.

Um nicht vollends die Form zu verlieren, startete das BJB im Juni eine dreiteilige „Digitale Spielzeit 2021“, ermöglicht durch die Neustart-Kultur-Förderung #TakePart „zur Unterstützung von Vorhaben zur Zuschauergewinnung“.

Derzeit geht die dritte und letzte Folge über den heimischen Bildschirm. Diese ist, wie schon die ersten beiden Folgen, einen Monat lang zu sehen, also bis Ende August. Auf dem Programm stehen Petite Corde von Marek Svobodnik, Demi-Solist beim Tschechischen Nationalballett in Prag und seit 2012 Choreograf, sowie The New 45 von dem choreografisch vielseitigen Leiter des Ballet of Difference (BoD), Richard Siegal, der auch schon für das Bayerische Staatsballett kreierte.

Reden über den Tanz

Schön bei diesen Online-Vorstellungen: In einem Vorspann kommen nicht nur BJB-Leiter Ivan Li(s)ka und Choreografen zu Wort, sondern auch Mitglieder seines Ensembles. So erhält man einen Eindruck von ihrer Einstellung zu den jeweils getanzten Stücken, den zu überwindenden Schwierigkeiten und den fruchtbaren Lernprozessen. Man erlebt diese jungen Menschen über die Tanzperformance hinaus als wache, kluge Persönlichkeiten.

Die aktuellen Produktionen im Stream: Svobodniks Petite Corde ist eine Verbeugung vor Ji(r)í Kylián. Wie der berühmte Landsmann in seinem Petite Mort von 1991 unterlegt Svobodnik den zweiten Satz von Mozarts Klavierkonzert Nr. 21. Und es schwebt auch etwas von Kyliáns so meisterlich spielerischem Humor über Svobodniks „After-Corrida-Party“ – durch die auch mal eine Kellnerin auf Rollschuhen kurvt.

Die tanzenden Toreros reizen mit ihren Muletas natürlich keinen Stier – imponieren dafür mit vielfältiger Handhabung ihres roten Tuches: mal kunstvoll über dem Kopf geschwungen, mal wie eine Trophäe glatt gespannt in die Höhe gereckt oder damit die Partnerin eingefangen. Und das Sektglas hält man auch gerne mal zwischen den Zehen. All diese augenzwinkernde Objektakrobatik ist eingearbeitet in eine durch den Raum bewegte Choreografie der sechs Frauen und Männer, reichlich variiert durch Pas de deux mit aparten Hebungen.
Insgesamt hinreißend, wie die „Juniors“ diese wahrlich nicht leichte „Party“ mit elegant mokanter Allüre „servieren“.

Kontraststück ist Richard Siegals The New 45 zu „Musiken alter Jazz-Schallplatten mit 45 Umdrehungen pro Minute“. Hier hört man Oscar Peterson, Clark Terry, Harry Belafonte und Benny Goodman, während Soli und Duette über die Bühne tänzeln, trippeln, flitzen. Die gerade gehaltene klassische Körperlinie wird weicher, wird onduliert, verjazzt, schlingert hinein in ein Idiom, das Siegal selbst als „einen Akt der Rebellion, der Befreiung“ beschreibt. Die „Juniors“ lassen sich lustvoll ein auf diesen choreografischen Befreiungsschlag. Gleichermaßen engagieren sie sich in den beiden vorausgegangenen Streams: als ernste einfühlsame Gemeinschaft in Caroline Finns When she knew, kraftvoll poetisch in Xin Peng Wangs Im Wald und gewinnend komödiantisch in Eric Gauthiers Ballet 102, das die vom Choreografen schalkhaft erfundenen 102 Ballettpositionen durchexerziert.

Zusammengenommen sind diese drei Streams die beste Visitenkarte für anstehende Bewerbungen. (Katrin Stegmeier)

Information: Stream Nr. 3 bis 31. August auf Spendenbasis unter www.dringeblieben.de oder www.heinz-bosl-stiftung.de

 

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