Kultur

Simon Rattle wird ab 2023 Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters. (Foto: Ackermann)

08.03.2021

Unerhörte Offenheit

Simon Rattle dirigiert erstmals beim BR als designierter Chef

Simon Rattles erste Konzerte als designierter neuer Chefdirigent sind eine veritable Visitenkarten. Jedenfalls machen sie programmatisch noch einmal deutlich, warum der Brite (66)  beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BR) zum Nachfolger des 2019 verstorbenen Mariss Jansons gekürt wurde. Allein die Breite seines Repertoires lässt aufhorchen. Noch dazu lebt Rattle eine unerhörte Offenheit.

Von den drei Konzerten, die Rattle akutell beim BR dirigierte, waren die ersten zwei im Rahmen der „musica viva“ für neue Musik. Schon das allein setzt ein klares Signal: Wenn Rattle kommt, bedeutet das auch neue Anregungen für diese Reihe. Er wird sich für die „musica viva“ genauso einsetzen wie für das normale Abo-Programm. Das offenbarten die ersten zwei Konzerte, die am vergangenen Samstag als Live-Stream hintereinander gesendet wurden.

Die Bandbreite reichte von der Alten Musik Henry Purcells über die Moderne mit  Olivier Messiaen bis hin zu in vain von Georg Friedrich Haas aus dem Jahr 2000 sowie der Uraufführung von Ondřej Adámeks Where are You? für Mezzosopran und Orchester. Letztere hat Rattle mit seiner Partnerin Magdalena Kožená gestemmt.

Man kennt Adámek von der Münchner Biennale für neues Musiktheater 2018. Mit Alles klappt hatte damals der Tscheche einen fesselnden Beitrag kreiert. Hierzu wurden Briefe von KZ-Häftlingen an ihre Familien verarbeitet: mit Lautakrobatik und kunstvoller Klangaktion. Das neue Stück wirkt dagegen etwas artifiziell. Obwohl es im Corona-Jahr 2020 entstanden ist, entwickelt sich kein direkter Bezug und somit keine Dringlichkeit.

Ganz anders in vain von Haas: Es ist ein auskomponierter Schwebezustand. In dem Mammutwerk, einer Bruckner-Sinfonie vergleichbar, höhlt Haas mit Mikrotonalität, gleitenden Glissandi und clusterhaften Klangteppichen das tonale System aus. Heute, 20 Jahre nach der Uraufführung, erscheint dieser Schwebezustand wie ein Sinnbild auf ein gesellschaftliches System, das gewaltig unter Druck steht.

In diesem Stück gibt es Stellen, wo das Orchester im Dunkeln und damit auswendig spielen muss. Für den Live-Stream wurden diese Stellen mit Infrarot-Kameras mitgeschnitten. Was bleibt, ist das Vertrauen zwischen dem Orchester und dem Dirigenten, das für dieses Werk zwingend erforderlich ist.

Genau das prägt ganz offensichtlich schon jetzt die Zusammenarbeit zwischen Rattle und dem BR: ein starkes Bekenntnis füreinander.

Für das nächste Live-Stream-Konzert beim BR am 12. März spannt Rattle den Bogen von Joseph Haydn über Johannes Brahms bis zu Igor Strawinsky. (Marco Frei)

 

 

 

Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen sind längst noch nicht vorüber, und schon gar nicht ist gegenwärtig der Wille zu einer rückhaltlosen Aufarbeitung dieser Zeit erkennbar.

  

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