Kultur

Maximilian Pulst als Nathanael. (Foto: Konrad Fersterer)

07.06.2019

Verliebt in einen Roboter

E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ am Staatstheater Nürnberg wirft viele Fragen auf, die nicht alle plausibel beantwortet werden

Vorsicht: Der Sandmann macht derzeit die Runde. Er streut den kleinen Kindern Sand in die Augen und reißt sie ihnen dann aus dem Kopf als Tool für seine Roboter. E. T. A. Hoffmann hat mit diesem Schauerszenario aus der Zeit der Romantik eine seiner Brief-Erzählungen mit der Ankündigung angefangen: „Etwas Entsetzliches ist in mein Leben getreten!“ Und dann folgt mehr oder weniger die Geschichte eines Nathanael, die auch der Opernfreund kennt, aus Offenbachs Hoffmanns Erzählungen.

Jetzt gibt es die an nahezu allen Bühnen bis ans Staatstheater Nürnberg und im fränkischen natürlich auch an Hoffmanns Bamberger Theater. Jeder macht sich seine eigene Bühnenfassung – in Nürnberg die Regisseurin Clara Weyde (in Zusammenarbeit mit Brigitte Ostermann). In der lässt sie diesen Nathanael nicht mit den „dunklen Ahnungen eines gräßlichen Geschicks“ beginnen, sondern nach einem fröhlichen „Hallo Leute!“ und der Videobotschaft: „Ich kann fliegen!“ – klatsch auf dem Proszenium landen.

Alle Mitwirkenden
in Fliegerkostümen

Aber der Kostümbildner Clemens Leander hat das zum Anlass genommen, gleich alle Mitwirkenden in Fliegerkappen und -kostüme zu kleiden, selbst bei der Trauerfeier für den abgestürzten Nathanael, der sich aber schnell wieder aus dem schweren Eichensarg erhebt und seine Geschichte vom Ende her erzählt. Wie die Kostüme aus der frühen Fliegerzeit trägt auch das nicht eben dazu bei, dass der Zuschauer ohne Textkenntnis erfährt und begreift, worum es in den schauerlich braunen Bühnenwänden (David Hohmann) eigentlich geht.

Weyde interessiert in ihrer Fassung letztlich nur das einzige Thema: Das von Mensch und Maschine, das von Nathanael und Olimpia, dem Maschinen-Mädel, das mithilfe eines Mechanikus und eines „berühmten Naturforschers“ gebaut wurde – von Pauline Kästner so echt dargestellt, dass sich Nathanael (Maximilian Pulst) verliebt in sie verguckt.

Was spielt es da noch für eine Rolle, dass man in dieser einaktigen Schauspielfassung erst spät entdeckt, wer zur hasenartig hoppelnden Familie Nathanaels gehört oder zur Wissenschaftsmafia. Wichtig ist letztlich nur eine Linie, die von dem Roboter Olimpia damals bis zur Alexa im Haushalt von heute.

Ein besonders wirksamer Theatercoup war diese Mischung aus Lesestündchen und Schauertheater nicht. Denn alles kulminiert kurz und bündig in der Aussage: „Der neue Mensch wird Wirklichkeit“ – durch ein bisschen Mathematik und Physik/Optik, durch die geheimnisvollen Wissenschaftler in ihren Gothic-Kapuzen. Weydes Text hat lustige, kuriose, flapsige Passagen, gruselig wird einem am ehesten durch die Fragen, die sich heute erst so richtig stellen: „Was ist das, was meint das, was soll das?“ Und Nathanael fragt zusätzlich noch: „Wohin soll das noch gehen?“

Der strömende Erzählstrang Hoffmanns wird zwar aufgebrochen, aber nicht sonderlich plausibel wieder zusammengesetzt zu diesen drängenden Fragen. In Olimpias Zukunft folgen die philisterhaften Follower auch nach einem Programmierfehler wie Lemminge ins Verderben. Nathanael bleibt übrig: Rein in den Sarg, raus aus dem Sarg, am Ende friert er auf einem Caspar-David-Friedrich-Bildzitat, und für gut anderthalb Stunden wird Hoffmanns Erzählung in viele Fragen zerschreddert. (Uwe Mitsching)

(Weitere Vorstellungen am 19., 25. und 27. Juni)

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