Kultur

Vom Bankomaten bekommt er garantiert nichts: Der Dichter Jakob Lenz (Hans Gröning) ist obdachlos in der Gosse gelandet. (Foto: Bettina Stöß)

28.06.2019

Versifftes Genie

Wolfgang Rihms Kammeroper „Jakob Lenz“ am Staatstheater Nürnberg ist alles andere als leichte Sommerkost

Der Sprung ins Kunst-Establishment blieb ihm versagt. Wie hätte er Jakob Michael Reinhold Lenz auch gelingen können in dem von Goethe dominierten Weimar, und wo er doch vom Dichterfürsten gemobbt wurde – trotz oder vielleicht wegen seiner zeitkritischen Komödien Die Soldaten und Der Hofmeister? Ganz groß im heutigen Musik-Establishment steht dagegen der Komponist Wolfgang Rihm: Seit Schülerzeiten ist der Endsechziger prominent, mit dem Siemens-Musikpreis geehrt und mit einem Werkverzeichnis von inzwischen über 400 Opusziffern. In einer Neuinszenierung nach bald 40 Jahren ist er mit einem seiner frühen Opern-Kraftakte, mit Jakob Lenz, am Staatstheater Nürnberg vertreten.

Schicksale verknüpft

Dabei handelt es sich keineswegs um eine Vertonung von Georg Büchners Erzählung Lenz. Vielmehr hat Michael Fröhling aus diesem in jeder Beziehung aufs Äußerste komprimierten Text ein Libretto gezimmert und damit die beiden ganz ähnlichen frühvollendeten Dichterschicksale miteinander verbunden.

Aber es wäre bei der Inszenierung von Tilman Knabe vielleicht besser gewesen, man hätte den Büchner-Text und die Lenz-Biografie nicht nochmal gelesen, hätte besser keine Erwartungen entwickelt an diese dichten 20 Seiten der Büchner-Vorlage, die lapidar beginnen mit: „Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg“, mit Bergflächen im Schnee, mit grauem Gestein, mit Felsen und Tannen.

Denn Tilman Knabe hat mit der Kammeroper in Staatstheaterformat, in dem Bühnenbild von Annika Haller und den Kostümen von Eva-Mareike Uhlig ein ganz anderes Außenseiter-Szenario entwickelt: Großstadt, Slum, obdachlose Sandler, Lenz mit Einkaufskarre und Supermarkttüten, Blumentopfidylle als Bürgersteigquartier.

Das ließ im Bühnenbild schnelle Szenenwechsel, ausschnittartige Perspektiven zu: In denen zeigt Knabe den versifften Dichter zwischen Genie und Wahnsinn, wirft ihn anfangs halbnackt aufs Proszenium, braucht Parkett und Ränge, um die Welt darzustellen, in der Lenz nie wirklich ankommt und die nur einen einsamen Tod auf einer Moskauer Straße für ihn übrig hatte. „Konsequent“, brüllt Hans Gröning in der Titelrolle am Ende als blutüberströmter Schmerzensmann ins Publikum – ein geprügelter, gescheiterter Sturm-und-Drang-Kraftmensch mit entsprechenden vokalen Mitteln. An dessen Schicksal arbeiten sich denn auch der Pfarrer Oberlin, der in der Nürnberger Fassung eher unterbelichtet bleibt (Wonyong Kang), und der das Schöne als Wesen von Kunst propagierende Dichterling Kaufmann (sehr prägnant schnöselig: Charaktertenor Hans Kittelmann) vergeblich ab.

Elf Musiker reichen im Orchestergraben und unter der Leitung von Guido Johannes Rumstadt, um Rihms genauso gewalttätige wie flirrende Tonsprache und sein Credo „Ich will bewegen und bewegt sein“ umzusetzen, ebenso den Klangteppich der Celli oder die Gewalt der Paukenschläge zu generieren. Man ist froh, in den Zwischenspielen bei all dem visuellen Angebot Rihm wirklich wahrnehmen zu können. Denn allein seine Musik besteht schon aus Worten, Klängen, Melodien, Geräuschen – weit entfernt von hitzetauglicher Sommerkost. (Uwe Mitsching)

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