Kultur

Detail aus Wolfgang Mattheuers Bronzeskulptur "Maskenmann/Gesichtzeigen" (1981). Die komplette Ansicht finden Sie im Beitrag. (Foto: Stefan Adam)

08.09.2023

Versteckte Zeitkritik

Die Kunsthalle Aschaffenburg zeigt Kunst der Leipziger Schule und von ihr beeinflusste Werke

Immer wieder ist in der Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirche Bildkunst aus der ehemaligen DDR zu sehen, ebenso von dort ausgebildeten oder davon beeinflussten jüngeren Kunstschaffenden. Das hängt auch zusammen mit der Nähe zu den Stilrichtungen Neue Sachlichkeit und Expressionismus, die in der Stadt am Main bestens präsentiert sind durch Christian Schad und Ernst Ludwig Kirchner. Die aktuelle Ausstellung Leidenschaftlich figurativ präsentiert eine Auswahl von 60 Bildern und Skulpturen aus der umfangreichen Sammlung von Fritz P. Mayer. Sie repräsentieren die sogenannte Leipziger Schule (1970-/80er-Jahre), ihre Nachfolger und den „kritischen Realismus“. Dieser prägte die Kunst von Wolfgang Mattheuer über Werner Tübke und Bernhard Heisig, Willi Sitte, Volker Stelzmann bis zu Michael Triegel und Johannes Rochhausen. Auffällig sind dabei die Qualität der oft altmeisterlich geschulten Malweise und die Anspielung auf historische Vorbilder sowie oft versteckte symbolische Verweise. Ähnliche Positionen vertritt auch der Westberliner Johannes Grützke, der das riesige Wandgemälde in der Wandelhalle der Frankfurter Paulskirche schuf.

Subversive Staatskunst

Praktisch alle ausgestellten Bildwerke, ob gemalt oder plastisch, befassen sich – mehr oder weniger verdeckt – mit Erscheinungsformen der Gegenwart. Während nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland quasi als Nachholbedarf nach dem Kunst-Rigorismus der Nazizeit das Bestreben vorherrschte, sich frei abstrakt auszudrücken, verfolgte man in der DDR im Zuge des sozialistischen Realismus und seiner Verherrlichung des Arbeiter- und Bauernstaats die Linie des Gegenständlichen. Doch unter dem vordergründigen Deckmantel der staatstragenden Kunst konnte man auch Zeitkritisches verstecken. Beim genauen Betrachten fällt das heute durchaus auf. Expressionismus und Neue Sachlichkeit sind bei den Kunstschaffenden im Umfeld und in der Nachfolge der Leipziger Schule zumindest in Ansätzen vertreten.

Dass der Unternehmer Fritz P. Mayer seit 1994 über 200 Werke figurativer Kunst aus Deutschland sammelte, hängt zusammen mit seinem eher emotional begründeten Gefallen und seiner Freundschaft zu Mattheuer. Dass die Sammlung auch gerne gezeigt wird, ist ein Glücksfall angesichts klammer öffentlicher Kassen.

Leiden unter Zwängen

Gleich am Eingang der Kunsthalle Jesuitenkirche begegnet man der Plastik Verstrickung von Mattheuer, weitere Arbeiten von ihm, wie Sisyphos im Rad oder die Bronzen Liebendes Paar sowie draußen im Hof Maskenmann/Gesichtzeigen, machen sichtbar, wie der Mensch unter äußeren Zwängen leidet, wie er seine eigentlichen Gefühle verbergen will oder muss.
Typisch für Mattheuer aber sind seine Gemälde. In Seltsamer Zwischenfall (1984) erblickt man in einer bergab fahrenden Bahn den abgestürzten Ikarus – Symbolfigur für den nach Höherem, nach Freiheit strebenden Kunstschaffenden. Und in Hinter den sieben Bergen sieht man im Rückspiegel eine Frau mit Luftballons über der Straße einen Hügel hinauf in den Himmel entschweben: ein Märchen, ein Traum von Freiheit, eine Illusion? Auch auf anderen Bildern wird dies als vage Sehnsucht thematisiert, etwa bei den Straßen, die in der Landschaft des Vogtlands, der Heimat Mattheuers, irgendwohin führen. Bei Drei Männer betrachten den Mond, eine Anspielung auf Caspar David Friedrichs Bilder, vermeint man vergebliche Erwartung zu sehen.

Der Rückverweis auf historische Vorbilder und die von ihnen übernommene Symbolik findet sich vor allem bei Gemälden von Michael Triegel. Dieser spielt mit der vordergründigen Schönheit der altmeisterlichen Maltechnik und den hintergründigen Zitaten aus der Kunstgeschichte, die ein solches Äußeres infrage stellen, in ihrer Kombination aber eine ambivalente Einheit bilden.

So ist sein Narziss durch viele symbolische Verweise das selbstironische Bild einer Kunstfigur: Man sieht einen schönen Jüngling als Torso einer Marmorstatue, gefesselt auf einem Stuhl. Er ist umgeben von kunstgeschichtlichen Bildzitaten, die auf Vergängliches hindeuten. Hinzu kommt Triegels strenges Selbstporträt von 2016 im Stil der Renaissance. Schließlich verweist die Grablegung mit dem toten Christus im grünlichen Leicheninkarnat und den ihn umgebenden, eher „lebendigen“ Gestalten darauf, dass heute in der Gesellschaft eine andere, säkulare, selbstbezogene Sichtweise vorherrscht.

Ganz anders Willi Sitte, bekennender Kommunist und als Spitzenfunktionär der DDR nicht unumstritten. Er orientierte sich anfangs an Picasso, malte aber keineswegs nur gefällig zur Glorifizierung des ostdeutschen Staates. Ihn beeinflusste auch Karl Hofers Rufer bei den Rufenden Frauen und dem Massaker II zum Thema der Vernichtung von Lidice durch die Nazis, eine Darstellung, die der Parteiführung wenig zusagte. Der Expressionismus prägte schon sein Warschauer Paar 1943 mit dem Ausdruck von Schmerz, Verzweiflung und Aufbegehren. Gerade bei der Darstellung nackter Körper spürt man ab den 1960er-Jahren die innere Expressivität im unruhig heftigen Strich.

Auch ein Torso von Werner Stötzer erinnert an die Verletzlichkeit des Körpers und damit des Lebens. Von Werner Tübke, dem prominenten Vertreter der Leipziger Schule, gibt es als „Frucht“ seiner von der Partei finanzierten Russlandreise den keineswegs glücklich wirkenden Usbekischen Bauern. Hinter einem transparenten Vorhang leicht verwischt zu sehen ist von Arno Rink der provozierend lässige Sitzende Akt nach einem Skandalgemälde von Gustave Courbet; sein Mittag auf dem Felde soll zufriedene Bauern 1968 zeigen, aber sein surreales Narrenschiff von 1981 lässt ahnen, wie es hinter der glatten Fassade des magischen Realismus brodelte.

Ein weiterer prominenter Leipziger war Bernhard Heisig. Sein großes Bild Der Maler und sein Thema (1977 bis 1979) zeigt das unausweichliche Grauen des Krieges hinter dem Kopf des Künstlers. Bei Volker Stelzmanns Triptychon Berliner Nacht (1989) ist das bedrückende Thema die Einsamkeit, die Isolation der puppenhaften Personen in der bevölkerten Stadt. Auch Hubertus Giebes Aufbahrung verstört durch die Absage an menschliches Miteinander und Mitleiden.

Exzentrisches von Grützke

Die Apsis der Kunsthalle aber wird beherrscht von Gemälden des exzentrischen Johannes Grützke: Oben wird das Rondell eingefasst von einem Fries mit Babyfiguren in irritierend seltsamen Aktionen – sie zitieren barocke Putti und führen sie ad absurdum. Darunter angeordnet sind größere Gemälde mit Menschenfiguren, meist Selbstbildnisse des Künstlers bei seiner Tätigkeit. Auch sein großformatiges Ölbild Monument der Tröstungen zeigt in glatter Malweise nur immer ihn selbst in weißem Hemd und schwarzer Hose.

Nicht vergessen sollte man beim Ausstellungsbesuch, sich die unter den Arkaden im Hof stehende monumentale Bronze Großer trauernder Mann von Wieland Förster anzusehen: eine Erinnerung an die Bombennacht 1945 in Dresden, die der Künstler als 15-Jähriger miterlebte. Die Plastik wurde in seiner Heimatstadt nicht geschätzt; nun wird das Werk dank der Schenkung des Sammlers in Aschaffenburg Beachtung finden. (Renate Freyeisen)

Information: Bis 14. Januar. Kunsthalle Jesuitenkirche, Pfaffengasse 26, 63739 Aschaffenburg. www.museen-aschaffenburg.de

Abbildung: Wolfgang Mattheuers Bronzeskulptur Maskenmann/Gesichtzeigen (1981).    (Foto: Stefan Adam)

 

 

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