Kultur

Das Detail aus einer Illustration im goldenen Sakramentar zeigt Heinrich II. Sehen Sie die gesamte Illustration im Artikel. (Foto: Bayerische Staatsbibliothek)

15.01.2021

Wie die Über-Könige regierten

Lesen, was in geschlossenen Museen zu sehen wäre: Eine Ausstellung in Mainz entmystifiziert das Bild vom allmächtigen Kaiser des Mittelalters

Die Ausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ in Mainz betrifft wesentlich Bayerns Geschichte. Ein Museumsausflug ist derzeit nicht möglich, auch nach dem Lockdown ist der Besuch der Schau auf eineinhalb Stunden begrenzt: viel zu kurz für dieses Thema. Umso wichtiger wird die Lektüre des hervorragenden  Ausstellungskatalogs.

Die Kaiserin erschien persönlich auf der Bamberger Baustelle – nicht nur, um den Baufortschritt der neuen Klosterkirche, die dem hl. Michael gewidmet ist, zu inspizieren, sondern um gleich auch selbst die Arbeiter auszuzahlen. Jeder Arbeiter konnte aus der Schale der Bauherrin nur so viel Lohn entnehmen, wie ihm zustand. Ein Wunder – eines von mehreren, die letztlich zur Heiligsprechung Kunigundes führten.

Aber der Vorgang ist nicht nur im Zusammenhang mit einer Heiligenvita interessant: Vielmehr wirft er ein bezeichnendes Bild auf Kunigundes Bedeutung im Reich: Sie war nicht bloß die Frau des Kaisers – sie war ebenfalls vom Papst gekrönte „Mitkaiserin“. Illustrationen zeigen sie geradezu gleichrangig neben ihrem Mann, Kaiser Heinrich II.

Gekrönte Frauen im Mittelalter waren hochgebildete Vermittlerinnen zu den Kaisern, manchmal Regentinnen für minderjährige Söhne, und ihnen oblag die essenziell wichtige Memoria, die Sorge fürs Seelenheil. Zu diesem Zweck stifteten sie zum Beispiel Klöster und Kirchen, wie dies Kunigunde mit St. Michael in Bamberg tat.

Die Frauen waren zweifelsohne wichtige Stützen kaiserlicher Herrscher im Mittelalter und werden in der aktuellen rheinland-pfälzischen Landesausstellung Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht entsprechend gewürdigt – aber sie sind es nicht primär, die das Kuratorenteam als jene Stützen unter die Lupe nimmt, auf die sich die kaiserliche Regentschaft gründete. Erst waren es der Adel und der Klerus, später die Städte und die Bürgerschaften, die gemeinsam mit dem Kaiser einen „Wirkverbund“ und Verantwortungsgemeinschaften bildeten.

Die Wahl macht abhängig

Auch wenn mit dem Kaisertum der Anspruch universeller Herrschaft verbunden wurde, so war der Gesalbte keineswegs allmächtig oder konnte absolutistisch schalten und walten. Allein: Er war ja gewählt!

Die auch mit vielen wertvollen Exponaten aus Bayern ausgestattete Ausstellung und ihr umfangreicher Katalog beschreiben in einem konzentrierten Bogen von Karl dem Großen bis zu Friedrich II., vom 8. bis zum 13. Jahrhundert, wie dieses mittelalterliche Kaisertum funktionierte: nämlich als ein hochkomplexes Gefüge von Abhängigkeiten, von vielen Herrschaften und einer außerordentlichen Vielfalt von Herrschaft, die permanente Konsensbildung erforderte – auf diplomatischem Weg ebenso wie durch Kampf.

So war ein dichtes Netzwerk entstanden, das intensive Kommunikation und hohe Mobilität implizierte. Eine Reichshauptstadt gab es nicht, gleichwohl bildeten sich herausragende Zentren der Herrschaft heraus, die bedeutendsten am Rhein: Die Erzbischöfe in Trier, Mainz und Köln wurden die wichtigsten Königswähler, Frankfurt fungierte ab dem 12. Jahrhundert als Ort der Königswahl, in Aachen wurden schon seit dem 10. Jahrhundert die Könige gekrönt.

Bedeutende Anlässe der Verständigung und permanenten Absicherung von Herrschaft boten Hoftage, die die Großen des Reiches auch nach Forchheim, Regensburg, Augsburg, Bamberg, Nürnberg und Würzburg führten.

Antikes Vorbild erneuert

Als erfolgreichster König im Frankenreich hatte sich Karl der Große (um 747 bis 814) durchgesetzt. (Ihm hatte auch das Stammesherzogtum Bayern das Ende seiner Eigenständigkeit zu „verdanken“.) Der Sohn eines Hausmeiers (königlichen Verwalters) erneuerte das Kaisertum im Sinne eines gesteigerten Königtums nach antikem Vorbild. Am 25. Dezember 800 salbte ihn Papst Leo III. quasi als Gegenleistung: Im Streit mit dem römischen Adel war er über die Alpen zu dem Frankenkönig geflohen, und dieser verhalf ihm zur Rückkehr in die Heilige Stadt und auf den gesicherten Papstthron. Der Kaiser galt in der Folge auch als Schutzherr Roms und Kaiser der Römer.

Leo und Karl begründeten eine bis dahin nicht gekannte Allianz, ein liturgisches Bündnis – das bis zum 16. Jahrhundert praktiziert werden sollte.

Wer hat das größere Sagen?

Der Schulterschluss bedeutete allerdings auch ein neues Konkurrenzverhältnis: Welcher der beiden Herrscher, jeder mit Universalansprüchen und von Gottes Gnaden bedacht (der Kaiser durch die päpstliche Salbung), hatte das größere Sagen? Lange zogen die Päpste den Kürzeren.

Im Verständnis der mittelalterlichen Kaiser von einer imperialen Theokratie waren es nämlich sie selbst, die für eine gottgefällige Gesellschaft sorgten. Karl der Große tat dies mit Eifer. Das Wort Gottes, die Bibel, war ihm das A und O – es wurde weit verbreitet: in einheitlicher, inhaltlich redigierter und strukturierter Form, in verständlicher Sprache und leserlicher Schrift (neu war die karolingische Minuskel). Codices wurden Leitmedien für liturgische Bücher und für einen geregelten Gottesdienstablauf. Die Skriptorien hatten viel zu tun. Vom Gotteswort in Buchform versprach man sich Heilgewinnung – der prächtigen Ausgaben mit Gold und Edelsteinen wurden die allermeisten Menschen jedoch nicht oder nur sehr selten ansichtig.

Denn bei allen Bildungsinitiativen unter Karl dem Großen galt für ihn und noch viele seiner Nachfolger eine vermeintlich im göttlichen Schöpfungsakt eingeschriebene ständische Gesellschaftsordnung: Es gab Beter, Kämpfer und Bauern – später Klerus, Adel und Volk. 90 Prozent der mittelalterlichen Gemeinschaften rangierten zuunterst, waren im System der Grundherrschaft Unfreie und ökonomisch Ausgebeutete.

Der in Regensburg verstorbene Benediktinermönch Honorius Augustodunensis (um 1080 bis 1150/51) beschrieb die Gesellschaft als Kirchengebäude: mit den Bischöfen als tragende Säulen, den Fürsten als verbindende Balken, den Rittern als (auch vor Heiden) schützende Dachziegel – und dem Volk als „Bodenbelag, über den die Füße hinwegtrampelten“, wie es der Mittelalterexperte Bernd Schneidmüller in dem von ihm mit herausgegebenen Ausstellungskatalog zusammenfasst. Honorius folgend war das Volk gleichwohl insofern wichtig, als es mit seiner Arbeit das Christentum erhielt.

Es war aber nicht schuld daran, dass diese behauptete göttliche Ordnung nach dem Tod Karls des Großen gehörige Risse bekam: Das Frankenreich zerfiel in West und Ost, der Kaiserthron blieb vakant – bis zur Kaiserkrönung von Otto I. anno 962 in Rom. Der neue Kaiser regierte das Reich wieder streng gezügelt – auch die Kirche: Der Papst (und erst recht die niedrigeren kirchlichen Würdenträger) wurden wie abhängige Gefolgsleute behandelt.

Doch lange ging das nicht mehr gut. Mitte des 11. Jahrhunderts tobte der Kampf zwischen Papst- und Kaiserherrschaft: Man entmachtete sich gegenseitig, Exkommunikationen folgten, schließlich gab es zwei Päpste.

Die Säulen im Reich, die Herzöge und andere Große, erschütterte das allerdings weniger, als dass es ihre eigene Macht festigte und sie sich zunehmend auch ohne den „Primus inter Pares“ organisierten. Sie setzten Heinrich IV. gar massiv unter Druck, sich binnen Jahresfrist vom Kirchenbann zu befreien, mit dem ihn Papst Gregor VII. 1076 bestraft hatte. Der berühmte Gang nach Canossa mag den Heiligen Vater zufriedengestellt haben – die Fürsten im Reich überzeugte er nicht. Zum Kaiser krönte ihn schließlich nur ein von ihm selbst eingesetzter Gegenpapst.

Sein Sohn Heinrich V. überspannte den Bogen: Er zwang den Papst durch dessen Entführung zur Kaiserkrönung. Ihm schwebte die Entmachtung der Fürsten im Reich vor, um autokratisch herrschen zu können. Doch er hatte die Zeichen der Zeit verkannt und die Rechnung ohne seine Säulen gemacht: Diese drehten den Spieß um und entmachteten ihn geradezu im legendären Würzburger Fürstenspruch von 1121: Heinrich musste zugestehen, dass er Entscheidungen nur noch nach Beschlüssen der Fürsten treffen würde. Eine Chronik nennt nun die Fürsten „Häupter des Staates“.
Auch die Kirche erfuhr Reformen, nicht nur inhaltlich (zum Beispiel in Fragen des Zölibats): Man entnabelte sich von der weltlichen Herrschaftskonkurrenz, straffte die innerkirchliche Hierarchie mit dem Papst an der Spitze.

Der permanente Machtpoker nährte in der Gesellschaft Zweifel am Prinzip einer gottgewollten Herrschaft: Im Ausstellungskatalog wird Max Webers Begriff von der „Entzauberung der Welt“ zitiert für die auch gedankliche Trennung zwischen weltlicher und geistlicher Macht – letztlich von Vernunft und Glaube.

Das Chaos oder gar die Apokalypse, vor der die gesalbten Kaiser ja einst bewahren sollten, war damit aber nicht über die Welt hereingebrochen. Vielmehr führte die wachsende Emanzipation zu einem Erstarken neuer Kräfte im „Wirkverbund“ der Herrschaft: Die Städte und ihre Bürger sollten zunehmend nicht länger diejenigen sein, auf denen „herumgetrampelt“ wurde – sie wurden die neuen und auf Dauer sich festigenden militärisch-wirtschaftlichen Säulen im Herrschaftsgefüge.

1074 stellte ein König des deutschen Reiches erstmals Bürgern eine Urkunde aus: Heinrich IV. bedankte sich für die Hilfe der Wormser mit der Gewährung von Zollfreiheiten. Stadtbürgerliche Rechte und Freiheiten wuchsen explosionsartig. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts wurden Ratsgremien an den Stadtspitzen sichtbar, bald darauf die städtische Beurkundungspraxis und eigene Stadtrechte. Bürgerliche Familien wurden durch Grundbesitz und Handel vermögend und tonangebend, demonstrierten dies zum Beispiel mit Stiftungen. Das Regensburger Schottenkloster war gegen Ende des 11. Jahrhunderts die erste bürgerliche Klostergründung im Reich.

Komplexere Hierarchien

Freilich war damit die Gesellschaftshierarchie nicht einfach auf den Kopf gestellt – sie war aber komplexer und im Wortsinn vielschichtiger geworden. Peu à peu formierte sich der Adel als eigener Stand, der wiederum hierarchisch strukturiert war mit den Rittern – zunächst – am Ende. Das Lehenswesen blühte und band die derart Privilegierten an den Nukleus der Herrschaft.

Die Etikette machte den Rang augenfällig: Je näher man an den König oder Kaiser herankam (zum Beispiel an der Tafel und bei Hoftagen), umso weiter oben man in beurkundeten Zeugenlisten aufgeführt wurde, desto größeren Einfluss hatte man. Zum Prestige gehörte eine Burg – die leisteten sich ab dem 13. Jahrhundert zunehmend auch Ministeriale, die sich in der Verwaltung um den Reichsbesitz verdient gemacht und den Ritterschlag erhalten hatten.

Ausgehend von Frankreich entwickelte sich das Rittertum bald vom Belobigungsmittel für Aufsteiger hin zum ideellen Band einer neuen höfischen Kultur: Die Minne adelte quasi das gepanzerte, schwertschwingende Raubein (das noch das Ideal der zum Kreuzzug vereinten Heerscharen war) zum charmanten Intellektuellen in modischem Gewand. Die Dichtung war Lehrlektüre für den ethischen Verhaltenskodex und für gute Umgangsformen.

Vom Raubein zum Charmeur

Friedrich I. „Barbarossa“ (um 1122 bis 1190) verstand sich noch als erster Ritter und einte die christliche Welt hinter sich in der Verteidigung des Glaubens, die er bei einem Kreuzzug letztlich mit seinem Leben bezahlte. Sein Enkel Friedrich II. (1194 bis 1250) weilte während seiner 30-jährigen Regierungszeit nurmehr drei Jahre im Reich nördlich der Alpen. Das funktionierte nur, weil er seinen – weltlichen wie geistlichen – „Säulen“ dort erhebliche Machtbefugnisse übertrug.

Das Reich formierte sich zunehmend zu einem pluralen Fürstenbund mit starken Städten (1254 wurde der Rheinische Städtebund gegründet). In dieser Selbstorganisation wurde der König oder Kaiser geradezu überflüssig. Der Kaiserthron blieb zwischen 1250 und 1312 tatsächlich vakant.

Ein Zurück zum sakral überhöhten Kaisertum gab es nicht mehr – jedenfalls nicht in der Realpolitik: Die Goldene Bulle von Kaiser Karl IV. (1316 bis 1378) regelte 1356 penibel das Miteinander von Kaiser und Kurfürsten – als „Grundgesetz“ des Reiches hatte dieses Regelwerk Bestand bis 1806, als das Heilige Römische Reich endete.

Danach allerdings beschwor das 19. Jahrhundert – man würde heute urteilen: in politischer Propagandastimmung auf der Suche nach einem neuen Nationenbewusstsein – das Bild eines übermächtigen Kaisers als einigender Heilsbringer. Friedrich Barbarossa galt als Leitfigur, die im Kyffhäuser lediglich ruhe.

„Er hat hinabgenommen / Des Reiches Herrlichkeit, / Und wird einst wiederkommen, / Mit ihr, zu seiner Zeit“, schwärmte der Dichter Friedrich Rückert. Heinrich Heine ließ sich von solcher Romantisiererei nicht anstecken: „Herr Rotbart – rief ich laut – du bist / Ein altes Fabelwesen, / Geh, leg dich schlafen, wir werden uns / Auch ohne dich erlösen.“

Trotzdem wurde das liebgewonnene Bild eines romantisch überhöhten Kaisertums des Mittelalters noch lange gehätschelt – bis heute, wie das Nachleben in Fantasy-Rennern wie Game of Thrones nahelegt.

Da tut die profunde Aufarbeitung in der Ausstellung gut. Und bei aller wissenschaftlichen Nüchternheit entsteht – auch dank der Sprachverständlichkeit – auch hier ein geradezu spannendes Historienpanorama. Der ausführliche, phantastisch bebilderte Ausstellungskatalog gehört unbedingt ins Regal zur Literatur übers Mittelalter. (Karin Dütsch)

Information: Bis 18. April. Nach dem Lockdown ist eine Online-Anmeldung erforderlich. Landesmuseum Mainz, Große Bleiche 49-51, 55116 Mainz. Korrespondenzorte unter:
www.kaiser2020.de
www.landesmuseum-mainz.de

Ausstellungskatalog: Generaldirektion Kulturelles Erbe, Bernd Schneidmüller (Herausgeber), Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht, wbg Theiss, Darmstadt, 560 Seiten, 29 Euro (Museumsausgabe), 48 Euro im Buchhandel. ISBN 978-3-8062-4174-7

Abbildungen:
Augenfällig wird in dieser Miniatur die Vorstellung von einer sakralen Herrscherwürde Heinrichs II. Die Illustration stammt aus seinem goldenen Sakramentar. Es war wohl die erste Prachthandschrift, die der 1002 gekrönte König im Regensburger Kloster St. Emmeram in Auftrag gegeben hatte. Die Handschrift gehört heute zu den Schätzen der Bayerischen Staatsbibliothek. (Foto: Bayerische Staatsbibliothek)

Die Mainzer Adlerfibel (circa 975 bis 1025) war vermutlich Schmuck einer Kaiserin.   (Foto: GDKE Rheinland-Pfalz–Landesmuseum Mainz/Ursula Rudischer)

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