Kultur

Studierende nahmen Anstoß am sogar kritisch inszenierten „Blackfacing“ in "Jonny spielt auf" – und das Münchner Gärtnerplatztheater nahm die Oper aus ihrem Spielplan. In der Mitte Ludwig Mittelhammer in der Titelpartie. (Foto: Christian POGO Zach)

05.01.2023

Wie viel Cancel Culture verträgt die Demokratie?

Zwei Eklats in München sorgen in der Kulturwelt für Schlagzeilen

Es war kein gutes Jahr für die Kultur, jedenfalls in Bayern. Die überstrengen Auflagen der Staatsregierung in der Pandemie haben den Bühnen und Klangkörpern im Freistaat einen teils beträchtlichen Publikumsschwund beschert. Selbst die sonst erfolgsverwöhnte Bayerische Staatsoper ist weit entfernt von den Auslastungszahlen der Vor-Corona-Zeit. Gleichzeitig haben 2022 zwei Ereignisse in München die Kulturwelt aufgewirbelt. Es geht um Cancel Culture.

Im Frühjahr hatte am staatlichen Gärtnerplatztheater die von den Nazis als „entartet“ verbotene Oper Jonny spielt auf von Ernst Krenek Premiere. Der „Neger Jonny“, so die Personenbezeichnung, ist Geiger in einer Jazzband. Die Regie von Peter Lund hatte, wie früher oft üblich, die Titelfigur dunkel schminken lassen – aber am Ende schminkt sich Jonny auf offener Bühne ab. Trotz dieser kritischen Kontextualisierung führte das Blackfacing nach der Premiere zu einem Shitstorm. Letztlich wurde die Produktion abgesetzt.

Vorwurf: Antisemitismus

Im Herbst folgte der nächste Eklat, diesmal am freien Münchner Metropoltheater. Dort hatte Anfang Oktober eine Neuinszenierung des 2017 uraufgeführten, preisgekrönten Stückes Vögel des libanesisch-kanadischen Autors Wajdi Mouawad Premiere. In diesem Nahost-Drama verliebt sich der Sohn einer deutsch-jüdischen Familie in eine Araberin – der Familienkonflikt ist perfekt. Es geht um Herkunft und Identität, um Traumatisierungen durch den Holocaust, um Verfolgungen im Gestern und Heute, um das Ausbrechen aus Teufelskreisen.

In München wurden dem Stück antisemitische Tendenzen vorgeworfen. Auch hier hat die Theaterleitung weitere Aufführungen ausgesetzt.

Protest von Studierenden

Es gibt einige bemerkenswerte Parallelen zwischen diesen beiden Vorfällen. Beide Male kam der Protest von Studierenden: beim Gärtnerplatztheater aus dem Dunstkreis der Otto-Falckenberg-Schule. In diesem Fall haben die Protestierenden die von ihnen kritisierte Produktion der Gärtnerplatzpremiere nicht einmal gesehen. Anders beim Metropol-Eklat: Hier protestierten die Jüdische Studierendenunion Deutschland (JSUD) und der Verband jüdischer Studenten in Bayern (VJSB). Sie stoßen sich an Aussagen einer Hauptfigur des Stückes, nämlich des jüdischen Sohnes Eitan. „Wenn Traumata Spuren in den Genen hinterließen, die wir unseren Kindern vererben, glaubst du, unser Volk ließe dann heute ein anderes die Unterdrückung erleiden, die es selbst erlitten hat?“, fragt er an einer Stelle. „Du kannst nicht ständig alles, was passiert, mit deinem scheiß KZ vergleichen“, brüllt Eitan zudem seinen Großvater an, der Holocaust-Überlebender ist.

Die Protestierenden interpretieren eine Gleichsetzung der Situation von Palästinenser*innen mit der Schoah und eine Relativierung des Holocausts. Ähnlich sieht es die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern. Auch Bayerns Antisemitismusbeauftragter Ludwig Spaenle (CSU) hält die Vorwürfe für „gravierend“, ebenso Teile der Münchner Grünen-Fraktion. Für die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern meinte deren Präsidentin Charlotte Knobloch: „Abwägungen rund um Fragen der Kunstfreiheit sind nie einfach – aber bei Inhalten, die verletzen oder beleidigen, ist eine Grenze überschritten.“

Die Protestierenden hatten gleich auch noch die öffentliche Förderung des Metropoltheaters infrage gestellt.

Wer sagt, was Kunst darf?

Es geht um ziemlich viel. Was darf Kunst, was nicht – und wer bestimmt das? Wenn sich Kunstinstitutionen sogar selber zensieren, um nicht in den Fokus eines Shitstorms zu geraten, wirft das kein gutes Licht auf den Zustand unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung. Der frühere bayerische Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) spricht von „vorauseilendem Gehorsam“. „Auf Druck ein Stück, das seit fünf Jahren auf dem Spielplan verschiedener Theater steht, gleich abzusetzen, finde ich nicht gut.“

Auch Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums, und Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums in München, sehen die Absetzung des Stückes kritisch. Zwar halten sie die Kritik grundsätzlich für legitim, aber „wenn Kultureinrichtungen diese Themen zukünftig meiden, wäre das für eine lebendige Erinnerungskultur, aber auch für die demokratischen Kräfte auf beiden Seiten des Nahostkonflikts ein falsches Signal.“

In einem offenen Brief geht auch der Rechtspolitiker und ehemalige Bundestagsabgeordnete Jerzy Montag (Grüne) aus München auf Distanz und kritisiert seine eigene Partei. Mit dem „Totschlagargument eines angeblichen Antisemitismus“ werde Zensur der Kunst betrieben und gleichzeitig jede Kritik an der Regierungspolitik Israels in die „Ecke einer Judenfeindschaft“ gerückt. Die Familie Montags ist väterlicherseits jüdisch. Viele Mitglieder seiner Familie wurden von den Nazis ermordet.

Vom Staat Israel gefördert

In Israel übrigens, wo das Stück ein großer Erfolg war, wird der Münchner Wirbel um die Vögel kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen. Tatsächlich wurde das Stück seinerzeit durch den Staat Israel gefördert, zumal bei seiner Entwicklung ein arabisch-jüdisches Team beteiligt war. Zudem hatte sich der Autor Mouawad von der renommierten jüdischen Historikerin Natalie Zemon Davis beraten lassen. Besonders brisant: Neben München gab es zuvor nur in Genf 2019 massive Proteste gegen das Stück, allerdings von fragwürdiger Seite. In Genf protestierte die israelfeindliche Bewegung „Boycott, Divestment and Sanc- tions“ (BDS) gegen eine Aufführung des Stückes: wegen der israelischen Förderung. „Preisgekröntes Theaterstück, einst im Fadenkreuz von BDS, wird in Deutschland wegen angeblichen Antisemitimus‘ abgesetzt“, titelt prompt die israelische Tageszeitung Haaretz zu den Protesten in München.

Deutlicher wird der israelisch-deutsche Pädagoge Meron Mendel. Hinter der Antisemitismus-Debatte in München erblickt der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in der Süddeutschen Zeitung ein fragwürdiges Kunstverständnis, und dies in mehrfacher Hinsicht. So bestehe zwischen Aussagen einzelner Figuren und der Aussage von Stücken ein „fundamentaler Unterschied“. „Wenn man diese Differenz nicht versteht und akzeptiert, kann man eigentlich kein Theater mehr machen“, folgert Mendel.

Gleichzeitig beobachtet der Pädagoge in der Art der Debattenführung eine Generationenfrage. Er selbst erlebe bei seinen Studierenden die Tendenz, mögliche Irritationen, Konflikte oder Verletzungen aus der Kultur und der öffentlichen Kommunikation verbannen zu wollen. „Das verkennt eine wesentliche Qualität von Kunst, die natürlich Irritationen schaffen kann und muss“, so Mendel. Genau das wusste schon der bedeutende, 1997 verstorbene Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl. Als Jude hat er wie durch ein Wunder die KZs Theresienstadt und Auschwitz überlebt. „Kunst ist nicht nur nicht lenkbar, sondern sie ist auch nicht ablenkbar – sie lässt sich nicht ablenken von dem, was sie wahrnimmt.“ Das schrieb Frankl 1975. Alles andere sei „Kosmetik und nicht Ästhetik“.

Totalitär auf Linie gebracht

In Deutschland gab es zwei totalitäre Systeme, die die Kunst als eine Art Schönheitssalon der Wirklichkeit gezähmt und auf Linie gebracht haben: der Nationalsozialismus und der Kommunismus. Manche Hitzköpfe müssen sich die Frage gefallen lassen, was sie selber aus der deutschen Geschichte gelernt haben. (Marco Frei)

Abbildung: Die heikle Liebesgeschichte zwischen der Araberin Wahida (Magdalena Laubisch) und dem deutsch-jüdischen Eitan (Leonard Dick), die sich auf der Bühne zum Drama entwickelt, geriet in der Münchner Realität zu einem veritablen Eklat: Das Metropoltheater hat Vögel deshalb abgesetzt. Selbst in Israel wundert man sich darüber.    (Foto: Jean-Marc Turmes)

 

 

Kommentare (1)

  1. Michael de Mattos Biscaia Roseira vor 3 Wochen
    Kunst öffnet den Weg in den Diskurs - das bewegte Gespräch - in Bezug auf gegenwärtige oder als universell empfundene menschliche Themen. Kunst ist die Kunst des Diskurs. Eine Kultur oder Gesellschaft ohne Diskurs, also ohne Kunst, ist unmenschlich oder wenigstens keine spezifisch menschliche.

    Der Pädagoge Mendel bringt in aller Deutlichkeit eine Haltung der Gegenwart (vor allem der Jugend auf allen Seiten) auf den Punkt, die von der Kunst insgesamt erst noch deutlich aufgenommen werden muss (sobald sie sich selbst wieder als solche versteht oder verstehen darf ...) - nämlich die allseitig praktizierte Mode der vermeintlichen Verneinung eines Diskurses. Das Problem der Verneinung einer offenen Gesellschaft und der Kunst. Kunst ohne Diskurs - Mensch ohne Kunst ist aber unmöglich.

    Die beiden historisch bekannten totalitären Systeme nutzten Kunst für die jeweilige Überzeugung und man durfte und konnte mitreden und -machen, solange man diese eine, alleingültige Form der Kunst anerkannte. Also die "Meinung" des jeweiligen Totalitarismus. Insofern passiert gegenwärtig etwas ganz Ähnliches - denn man durchschreitet bekanntermaßen nie den Fluss zweimal an derselben Stelle.
    Diese Art von Totalitarismus braucht vermeintlich keine Kunst, zumindest nicht die "altbackene", aber das ist offensichtlich eine aggressive Form der Abgrenzung. Sie erzeugt "eigene" Kunstformen, wie die des beliebten "sich-an-die Straße-klebens" o.ä.. Und schreit förmlich nach Diskurs!
    Alas ... daher bleibt die Bewegung bislang diskursiven Einflüssen fast wie "natürlich" weitestgehend verschlossen ... weil ihr die diskursive Praxis fehlt. Und Bildung kann Praxis bzw. Lebenserfahrung nur bedingt ausgleichen... Es braucht eine Zeit, bis das Licht die Haut durchscheint. Das ist, was Totalitarismus ausmacht und auch zeitlich beschränkt.
    Alles eine Frage der Zeit also. Und, wie die Geschichte zeigt, im Grunde nichts Neues.

    Ein Generationenkonflikt vielleicht ...?

    Warum das so ist, ist ein Thema für Philosophen und andere Arten von Analytikern und Theoretikern.

    Dass es so ist, ist menschlich.
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