Kultur

Göttin Jupita (Evelyne Gugolz) und der Chor der Fliegen. (Foto: Birgit Hupfeld)

13.10.2023

Wie viel Freiheit verträgt das Klima?

Jean-Paul Sartres „Die Fliegen“ am Münchner Cuvilliéstheater ins Heute geholt

Wenn der Klimawandel naht, ist Thomas Köck nicht weit. Der 1986 geborene Autor aus Oberösterreich ist bekannt für seine zeitaktuellen Texte. In München war zuletzt am Volkstheater sein Klimastück paradies fluten zu sehen, und an den Kammerspielen läuft weiterhin seine Kolonialismus-Debatte eure paläste sind leer. In Ingolstadt stemmen Anfang November das Stadttheater und das Georgische Kammerorchester (GKO) ein besonderes Projekt. Ein Oratorium von Georg Friedrich Händel wird mit dem Köck-Stück und alle Tiere rufen (2021) gekoppelt: ein Aufschrei gegen die Zerstörung der Natur.

Da ist es nur konsequent, dass Köck für Elsa-Sophie Jachs Neuproduktion von Jean-Paul Sartres Die Fliegen am Münchner Cuvilliéstheater einen Pro- und Epilog beigesteuert hat. Damit wollte Jach das Stück von Sartre ins Heute holen, um nicht zuletzt den Klimawandel in den Fokus zu rücken.

Das ist ziemlich gewagt, denn: Das Drama Sartres bearbeitet 1943 den Atriden-Elektra-Mythos, um die Unterdrückung eines ganzen Volkes und seine Befreiung durch den eigenen Freiheitswillen aufzuzeigen.

Mit seinen Fliegen hatte Sartre den Widerstand gegen die Okkupation Frankreichs durch die deutschen Nationalsozialisten beflügelt. Die nervigen Insekten stehen für das Schuldbewusstsein, mit denen das Volk unfrei und kleingehalten wird. Dieses Reue-Terror-Regime von Ägisth (Florian Jahr) und Klytämnestra (Franziska Hackl) arbeitet mit der Göttin Jupita (Evelyne Gugolz) zusammen. Diese verlangt nach schicksalsergebenen Menschen, die sich selbst entmündigen.

Aus diesem Teufelskreis bricht Orest (Vincent zur Linden) aus, um den Tyrannen und seine Mutter zu töten. Die Wutreden seiner Schwester Elektra (Lisa Stiegler) haben ihm zuvor die Augen geöffnet, mit pädagogisch-philosophischer Anleitung (Barbara Horvath).

Wie passt das nun mit dem Klimawandel zusammen? Wenn Sartre für Menschen plädiert, die ihr Schicksal selbstbestimmt und aufgeklärt in die Hand nehmen, so gilt das in der Lesart von Jach und Köck auch für die Überwindung der Klimakatastrophe.

Die neuen Texte von Köck werden hinter der Bühne gestaltet und auf einen Gazevorhang projiziert. Es geht darin viel um den Einklang von Ökologie und Ökonomie, auch um die Verantwortung des Einzelnen.

Eine flachere, beliebigere Erkenntnis lässt sich kaum denken. Eine brisante Frage wird gar nicht gestellt, obwohl sie eng mit dem Text Sartres verknüpft ist: Wie viel persönliche Freiheit verträgt das Klima? Das berührt zum Beispiel die Reisefreiheit. Wer Flugreisen einschränken will, schränkt gleichzeitig dieses fundamentale Recht ein. Zur Erinnerung: Es war auch die Reisefreiheit, für die die Menschen 1989 in der DDR auf die Straße gegangen sind. Das freie Reisen erweitert den Horizont, fördert den interkulturellen Austausch. Es schützt gut gegen Nationalismus und Rechtspopulismus. Es stellt sich also auch die Frage: Wie lässt sich verhindern, dass Klimaschutz und Freiheitsrechte gegeneinander ausgespielt werden?

Der Abend ist am stärksten, wenn das Sartre-Stück beginnt. Hier wird durchwegs fulminant gespielt, in einer entmenschlicht wirkenden Szenerie von Aleksandra Pavlovi(´c). Bitte mehr Theater und weniger hohle Propaganda! (Marco Frei)

 

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