Kultur

Das Ensemble (Johanna Eiworth, Erwin Aljukic, Bernardo Arias Porras, Thomas Hauser) spielt wunderbar – doch es bleibt in dieser Inszenierung über weite Strecken bei einem sperrigen Wortschwall. (Foto: Judith Buss)

16.12.2022

Wie viel Wirklichkeit verträgt Kunst?

Die Münchner Uraufführungen „Die Sieben Irren“ und „Der Entrepreneur“

Manchmal wird die Kunst von der Realität eingeholt. Einen Tag vor der Uraufführung des Projekts von Alejandro Tantanian und Oria Puppo in der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele haben Sicherheitskräfte in einer deutschlandweiten Razzia eine Gruppe von Reichsbürger*innen festgenommen. Sie soll einen Staatsstreich vorbereitet haben: samt Stürmung des Bundestags, Terroraktionen und Hinrichtungen. Auch Mitglieder einer Partei, die im Bundestag vertreten ist und sich eine „Alternative“ nennt, sowie einschlägig bekannte Anhänger*innen von Verschwörungstheorien sollen mitgemischt haben.

Dieses abgründige Horrorszenario passt erschreckend gut zum Projekt L7L – Die Sieben Irren, das die Kammerspiele in Auftrag gegeben haben. Es geht auf den Roman Die Sieben Irren (1929) des argentinischen Autors Roberto Arlt zurück. Hinter den Sieben Irren verbirgt sich die literarische Boedo-Gruppe, die sich gesellschaftskritisch engagiert.

Aus dem Ruder gelaufen

Wie in Die Dämonen von Fjodor Dostojewski ist die soziale Ungerechtigkeit Quelle für den Schmerz der Verstoßenen und Gedemütigten. Einer von ihnen ist Erdosain (Bernardo Arias Porras), die Hauptfigur des Romans. Mit Freunden entwirft er den wirren, realitätsfernen Plan einer revolutionären Verschwörung. Mit terroristischen Methoden soll ein Umsturz herbeigeführt werden. Das Geld dazu fließt aus Erpressungen durch Entführungen und mithilfe einer Bordellkette.

Doch bald gerät dieses Unternehmen total aus dem Ruder. Seine Ängste und Verzweiflung lassen Erdosain eine Geliebte ermorden, am Ende bringt er sich selber um. Mit dieser Figur hat Arlt das frühe Beispiel eines existenzialistischen Charakters geschaffen. Diese Sieben Irren ergänzt das Projekt der Kammerspiele um den Geheimbund L7L.

Wer so viel Wirklichkeit auf der Bühne zulässt, muss sie auch ertragen können. Das zentrale Problem dieses Abends ist die Flucht in eine rein ästhetische Welt. Ihr wird die Wirklichkeit ausgetrieben, um mehr kryptische Assoziationsräume zu schaffen.
Manches ist stark. Da liegt etwa ein Mann aus dem Volk auf einem OP-Tisch, um einer Gehirnwäsche unterzogen zu werden. Am Ende des Abends steckt derselbe Mann in einer riesigen Lufthülle: die eigene, kleine Blase. Hier macht er sich die Welt, wie es ihm gefällt.

Und doch werden dem bitterbösen Roman von Arlt die Zähne gezogen. So wunderbar das siebenköpfige Ensemble auch spielt, allen voran Erwin Aljukic, Jochen Noch, Annette Paulmann und Johanna Eiworth: Über weite Strecken bleibt es bei einem sperrigen Wortschwall.

Das gilt ebenfalls für eine weitere Münchner Uraufführung im Marstall des benachbarten Residenztheaters: Der Entrepreneur von Kevin Rittberger in der Inszenierung von Nora Schlocker. Auch hier spielen sieben Solist*innen, die ein fiktives Unternehmen bilden. Die analysierte Realität dreht sich hier um die Klimakrise. Auf Umwegen schält sich ein Narrativ heraus, wobei die Rollen in der Besetzung stets wechseln. Ein Sohn erbt das Unternehmen seines Vaters, um es den Mitarbeiter*innen als Kollektiv zu überschreiben – und damit auch die Verantwortung. Es folgen Konflikte, auch innerhalb der Familie. Sie spiegeln ihrerseits extreme Wetterphänomene infolge des Klimawandels wider. Der Generationenkonflikt kreist ebenfalls um die Frage nach der Verantwortung.
Teile des Bühnenmaterials basieren übrigens auf echten Pilzen. Sonst aber ist das Thema Klimaschutz und Generationenkonflikt mehr angedeutet als konzis durchgeführt. Allein die einnehmenden Leistungen von Robert Dölle, Christoph Franken, Nicola Kirsch und Delschad Numan Khorschid retten den Abend vor unsinnlichem Denkfieber.

Beide Uraufführungen verbindet letztlich die Frage: Warum greift man auf Aktualität zurück, wenn man ihr offenkundig misstraut? (Marco Frei)

 

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