Kultur

Installationsansicht von Eva Fàbregas’ „Those things that your fingers can tell“. (Foto: Kunstverein München e.V./Eva Fàbregas)

15.03.2019

Wohltuende Unsicherheit

Eva Fàbregas’ Objekte im Münchner Kunstverein wirken unheimlich und saukomisch zugleich

Womöglich gehören die Verbotsschilder zum Konzept. Denn schon wenn man die Treppe zur neuen Schau im Münchner Kunstverein hochsteigt, liest man diesmal den Hinweis: „Bitte das Kunstwerk nicht berühren.“ Dieses Rühr-mich-nicht-an-Gebot wirkt aber, wie dann rasch festzustellen ist, besonders fies angesichts von Exponaten, die sich in ihrer vitalen Sinnlichkeit der Berührung geradezu entgegendrängen. Und zu allem Überfluss trägt die Ausstellung insgesamt auch noch den Titel Those things that your fingers can tell.

Nur gucken, nicht anfassen

Als eine Art Ringelpiez ohne Anfassen ließe sich also im allerweitesten Sinn die Monsterschlange interpretieren, die sich dem Besucher da entgegenkringelt: ein verschlungener Riesenwurm in zartrosa Pastellfarben. Oder ist es eher ein gigantischer Bläh-Darm, der im haushohen Ausstellungssaal herumhängt? Es könnte allerdings auch eine Spiel- und Hops-Landschaft für Kinder sein oder ein Wohlfühl-Wohnambiente für Trendsetter, was die spanische Künstlerin Eva Fàbregas (Jahrgang 1988) hier eingerichtet hat. Zu bestehen scheint das weiche Gewürm aus Kugeln mit kleinen Stachelnoppen, umhüllt von einem hautartigen Stoffschlauch.

Natürlich wecken solche drallen Rundungen, die sich in knallengen Textilhüllen wellen, unweigerlich auch erotische Assoziationen. Zumal sich Lautsprecher wie Saugnäpfe an das Ding schmiegen und es unter Brumm- und Dröhngeräuschen auf fast obszöne Weise erzittern lassen – zusätzlich zur phantastischen Klangwolke, die den Raum erfüllt.

Unheimlich und infantil zugleich wirken diese Objekte, aber auch saukomisch. Denn neben ihrer Kugelschlange hat die Künstlerin noch allerhand Witziges auf Lager. Etwa eine Nasenklemme, wie sie von Wettkampfschwimmern benutzt wird. Allerdings ist dieses atemberaubende Artefakt hier im Maßstab 1:1000 vergrößert und rittlings auf einen Mauervorsprung gesteckt, an dem es nun wirklich nichts zu klemmen gibt. Aber auch die knubbeligen Hartschaumgebilde, die möbelartig in der Gegend herumstehen, changieren in ihrer Anmutung zwischen organisch-fließenden Formen und linkischer Verklemmtheit. Sind es futuristische Sessel? Übungsgeräte aus der Physiotherapie?

Einerseits kommen uns die Objekte von Eva Fàbregas vertraut vor, andererseits wirken sie völlig fremd und unverständlich. Aber genau aus dieser Mischung resultiert die wohltuende Unsicherheit, die sie auslösen – einen kitzligen, fast ins Frivole spielenden Schwebezustand der Empfindung, die sich der vertrauten Rubrizierung unserer Affekte jäh entzieht.

Sicher ist es Zufall, dass diese Ausstellung ins Jahr des Bauhaus-Jubiläums fällt, gleichwohl wirkt es, als würde sie der Ästhetik des rechten Winkels und der Funktionalität eine lange Nase drehen. Funktionsloser, spielerischer als Fàbregas’ anarchische Wülste, Knollen und Würste kann kaum etwas sein. Das merkt man sogar, ohne sie zu berühren. (Alexander Altmann)

Information: Bis 5. Mai. Kunstverein, Galeriestraße 4, 80539 München. Di. bis So. 10-18 Uhr.

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