Kultur

Besondere körperliche Herausforderungen bewältigt Samouil Stoyanov auf einem Tretauto. (Foto: Julian Baumann)

17.07.2020

Wunderbar irrwitzig

Zum Ende der Intendanz Lilienthal gibt es eine „Opening Ceremony“ der Kammerspiele im Olympiastadion

Eine bessere Parodie auf den Sport und seinen Leistungswahn des Schneller, Höher, Weiter kann man sich kaum vorstellen: Da fuhr der wohlbeleibte Schauspieler Samouil Stoyanov auf einem roten Kinder-Kettcar ins Münchner Olympiastadion ein. Klar, dass das für einen Erwachsenen, noch dazu mit seiner Statur, ein ziemlich schwieriges Unterfangen ist, weshalb Stoyanov auch mehrmals nach hinten kippte und sich mühsam wieder aufrappelte. Endlich an der Rasenkante angekommen, stieg er ab, marschierte in die Mitte des Spielfelds und animierte das Publikum (400 Leute auf 70 000 Plätzen) übers Stadionmikrofon zu einigen Gymnastikübungen, bei denen fast alle brav und amüsiert mitmachten.

Wie ein Zeremonienmeister

Aber letztlich galt für dieses Theaterereignis im Stadion sowieso das olympische Prinzip „Dabei sein ist alles“. Denn was dort unter dem halbironischen Titel Opening Ceremony nicht über die Bühne, sondern über den Rasen ging, war das Abschlussprojekt der Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen. Für die – seuchenbedingt – kurzfristige Inszenierung der Großperformance war extra der japanische Starregisseur To-shiki Okada noch einmal nach München gekommen, als Zeremonienmeister quasi. Fast das ganze Kammerspielensemble machte mit bei dieser ulkigen Abschiedseröffnung im pseudoolympischen Stil. Dabei steckten alle in jenen typischen, geschmacklosen Ziviluniformen (Kostüme: Victoria Dietrich), wie sie Olympioniken traditionell bei den Eröffnungszeremonien tragen müssen.

Erst einmal wässerten sie also mit Gießkannen das Gras am Rande, ehe dann alle auf das Spielfeld wanderten, dort mit viel Abstand Purzelbäume schlugen, schlenderten, hopsten, wie tot herumlagen und sonst noch allerlei drolliges Allotria trieben – wie es halt so zugeht, wenn Nichtfußballer*innen einen Fußballrasen entern.

Dafür hatte das einstündige Event aber supersportlich und spektakulär begonnen: mit einer Art Flugschau nämlich. Vermutlich zweifelte zwar ohnehin niemand daran, dass Schauspielerin Julia Riedler eine echte Überfliegerin ist, aber sicherheitshalber stellte die Kammerspieldiva das auch einmal buchstäblich unter Beweis: In einem Klettergurt vertäut, flitzte sie mit wehendem, gelbem Umhang in luftiger Höhe das Stahlseil entlang, das vom Stadiondach quer über die Arena gespannt war. Fast genauso schwindelerregend wirkt es freilich, wenn die vertraute Stimme dieser Schauspielerin nicht im „Kammer-Ton“ eines Spielraums erklingt, sondern im Freien durch die unglaublich kraftvolle Soundanlage des Stadions ins Übermenschliche, ja fast Übernatürliche vergrößert wird – während man die sprechende Person erst einmal suchen muss, ehe man sie als kleines Figürchen am Rand des Stadiondachs entdeckt.

Diese surreale Disproportion zwischen raumfüllender, einhüllender Gegenwart der Stimme einerseits und optischer Winzigkeit der entfernten Sprecherin andererseits ergibt von sich aus einen wuchtigen Verfremdungseffekt. So wie auch die Örtlichkeit selbst: Die bizarre Kombination der gigantischen Spielstätte mit der Intimität schauspielerischen Agierens hat etwas wunderbar Irrwitziges.

Anrührend sinnlos

Vielleicht war es in gewisser Weise ungewollt sogar stimmig, dass die nur fünfjährige Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen aus Infektionsschutzgründen so ungewöhnlich, auch so großdimensioniert und improvisiert zugleich endete. Denn „Performance“ lautete ja das Motto, das sich Lilienthal auf die Theaterfahnen geschrieben hatte – aber die konsequente Weiterführung jeder Performance ist letztlich immer die Zeremonie.

Auch in ihrer grotesken Form: Samouil Stoyanov, der wackere Sportler, stieg nach seiner Gymnastikrede wieder aufs Tretauto und strampelte langsam und umständlich einmal die ganze Aschenbahn um das Fußballfeld herum. Das hatte in seiner anrührenden Sinnlosigkeit fast schon etwas Zen-Buddhistisches. Aber es brachte auch die Absurdität der gegenwärtigen Situation unvergleichlich klar zum Ausdruck. (Alexander Altmann)

Abbildungen:
Julia Riedler als Überfliegerin.   (Foto: Julian Baumann)

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