Kultur

Mirko Roschkowski in der Titelpartie als Tito. (Foto: Jan-Pieter Fuhr)

29.10.2021

Zerrissene Seelen

Szenisch merkwürdige Aufladung: Mozarts „La clemenza di Tito“ am Staatstheater Augsburg

Mozarts Opera seria La clemenza di Tito wurde 1791 in Prag anlässlich der Krönung von Kaiser Leopold II. zum König von Böhmen uraufgeführt. 230 Jahre später bietet es sich an, auch am Staatstheater Augsburg mehr zu zeigen als einen milde gestimmten römischen Kaiser, der um des Volkes Wohl und Liebe willen großmütig Gnade vor Recht ergehen lässt.

„Ich bin nicht Hamlet. Ich spiele keine Rolle mehr. Meine Gedanken saugen den Bildern das Blut aus. Mein Drama findet nicht mehr statt ...“ Spätestens als der in der Titelpartie gastierende Tenor und ausgewiesene Mozart-Spezialist Mirko Roschkowski nach der Pause an die Rampe trat, um Auszüge aus Heiner Müllers Hamletmaschine zu deklamieren, war klar, wie viel – definitiv viel zu viel – Wojtek Klemm als ambitionierter Regisseur in sein Musiktheaterdebüt gepackt hatte.

Was genau war so faul in diesem schwammig auf modern getrimmten Römer-Staat des Tito Vespasiano? Geht es darum, ein geliebter Herrscher zu sein – nach dem Motto „Sein oder nicht sein“? Oder ist es besser, doch nur Mensch zu bleiben und seinem edlen Herzen keine Gewalt anzutun?

Die wonnige Welt scheitert

Bühnenbildnerin Magdalena Gut stellte für die von Machtambitionen und ihren Affekten getriebenen Figuren variierbare Raumfluchten mit raffiniert beleuchteten Türen zur Disposition: Sinnbild für die vorprogrammierte Ausweglosigkeit aus all den inneren Dramen, an denen die wonnige Welt („Welche Wonne fühlt die Seele, sich vom Volk geliebt zu sehen?“, singt Tito zu Beginn) des salopp in Anzug und weißen Sneakers sympathisch auftretenden Kaisers samt dem ihm zuarbeitenden Beraterteam scheitert.

Aus ihrer Position der leidenschaftlich Begehrten hat die auf den Thron versessene Vitellia ein leichtes Spiel mit der auf Rache abzielenden Manipulation ihres Liebhabers Sesto. Sie gerät dann auf ihrem hohen Ross beziehungsweise auf ihren Absätzen ins Wanken, verliert die Balance und den Mordplan aus den Augen. Sie wird zum Spielball wie bald auch Tito, der am Ende an seinen eigenen Idealen und Begehrlichkeiten scheitert und irgendwie „irre“ geworden scheint.

Kann es Sinn des Opernbesuchs sein, als Zuschauerin und Zuschauer lieber die Augen zu schließen und in den konzertanten Modus zu schalten, um sich ungestört dem Genuss von Orchesterpartitur und vokalem Gestaltungsvermögen der Interpretinnen und Interpreten zu widmen? Vielleicht ist es besser, gezielt aus den merkwürdigen szenischen Aufladungen auszusteigen. Da gibt es zum Beispiel diese in Endlosschleife an die Wände projizierten Videobotschaften, die nach dem thematisch noch schlüssigen Filmprolog mit einer Spaghettiorgie, um die Tito-Gespielin Berenice zu integrieren, eher verstören, alles blutig „verhackstücken“ und ablenken. Verstärken sie nicht das Defizit einer komplexen Personenregie? Die könnte besser auf der Bühne – also live – Anbahnung und Konsequenzen emotionaler Konflikte und die Charaktere überzeugender sichtbar machen.

Doch Klemm sucht Antworten auf die politisch universell gestellte Frage nach dem Wesen und der Legitimation „guter“ Herrschaft, beziehungsweise geht es ihm um Argumente für die Bestätigung der These, dass der Eintritt ins Politbusiness unweigerlich korrumpierbar mache. Gefunden hatte er beides in seiner sicher politisch motivierten Lesart der musikalisch reizvoll ausgeleuchteten Mozartoper. Dafür jedoch erntete er nicht zuletzt mit dem reichlich abstrusen Finale (Tito und Vitellia tänzeln sich erst in die Arme und werden dann vom Dauerraucher Annio mit der Pistole getötet) deutliche Buhrufe aus dem Publikum.

Ganz anders durfte sich das mit Natalya Boeva als Sesto traumhaft intensiv, mit Sally du Randt als Vitellia, Jihyun Cecilia Lee (Servilia) sowie Ekaterina Aleksandrova (Annio) hervorragend besetzte Gesangsensemble sowie das sensibel alle dramatischen Wendungen auskostende Orchester unter Leitung von Domonkos Héja über begeisterten Applaus freuen. (Renate Baumiller-Guggenberger)

 

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