Kultur

Ganz schön skurril und grell: Die Digital Natives erscheinen wie animierte Monster. (Foto: Armin Smailovic)

11.11.2022

Zerrissenes Super Mario Land

In „Göttersimulation“ an den Münchner Kammerspielen prallen die Welten des Digitalen und Analogen aufeinander

Dieser Mann ist wahrlich ein großer Schauspieler. Wie Walter Hess mit seinen inzwischen 83 Jahren in unterschiedlichste Rollen schlüpft, mit auch sprachlich virtuoser Agilität: Da kommt so manches junge Theatergemüse nicht mit. Allein die Präsenz des gebürtigen Schweizers trägt ganze Stoffe. Dafür wurde Hess am vergangenen Sonntag mit dem Theaterpreis der Stadt München ausgezeichnet. Er stelle sich „scheinbar mühelos den unterschiedlichsten Herausforderungen des zeitgenössischen Theaters“, so die Jury-Begründung. Das tut er seit 2002 als Mitglied des Ensembles der Münchner Kammerspiele. Es ist oftmals Hess, der so manches Stück vor ideologisch verknöcherter Agitation rettet.

Das offenbarte sich auch am Tag vor der Preisverleihung in der Uraufführung von Emre Akals Göttersimulation. Wie so oft rückt Akal auch in seinem neuesten, von ihm selbst inszenierten Stück die Digitalisierung in den Fokus.

Zu Beginn finden sich zwei alte Männer in einem Seniorenheim wieder: neben Hess auch Akals eigener Vater Erkin Akal. Die beiden Herren haben offenbar den Beginn des digitalen Zeitalters verpasst, irren quasi als analoge Greise durch die Welt. Selbst die eigenen Enkelkinder sind ihnen fremd geworden, seitdem sie in Handys herumtippen. „Are you ready to die?“, fragt ein Pfleger die beiden Alten: Akal ist es, Hess muss erst überredet werden. Als sie bereit sind, den Tod des Analogen zu sterben, setzt ihnen der Pfleger eine VR-Brille auf. Mit ihr erleben sie die Virtual Reality und düsen ins Digitale.

Geniale Bühnenästhetik

Für diese schöne neue Welt haben Paula Wellmann sowie Mehmet & Kazim einen Raum entworfen, der von einem drehbaren Gebilde dominiert wird. Dieses sieht wie ein Turm aus und hat mehrere Eingänge: Höllentor, Liebesnest, alles ist dabei. Virtuelle Landschaften und dreidimensionale Animationen wirken in ihrer Optik dem Videospiel Super Mario Land entlehnt. Mit dieser auf die analoge Bühne übertragenen Digitalästhetik ist dem Team ein echter Coup geglückt.

In dieser digitalen Welt herrschen Digital Natives. Es sind acht Jugendliche aus München, gecastet für diese Produktion. In den Kostümen von Annika Lu Hermann sehen sie wie Avatare aus. Durch dieses Szenario geistern Hess und Akal in nostalgisch und deplatziert wirkenden Vintage-Retro-Tennisklamotten.

Schöne neue Welt eben, aber ist diese Welt auch besser? Die jungen „Digitals“ sind vor allem stark darin, alle möglichen Vorwürfe zu formulieren. Sie meinen, alles besser zu wissen und über das nötige geistige Rüstzeug zu verfügen, um die Welt erklären zu können. Bald schreien sie so laut, als handelte es sich um Propaganda und Agitation. Aus dem Off sind Stimmen ihrer Eltern zu hören. Diese verzweifeln an ihren kleinen Digitalmonstern, die sich wie allwissende, göttliche Wesen gerieren.

Ein projiziertes, virtuelles Auge ist bemüht, dem Dunkel etwas Licht abzuringen. Es bleibt am Ende doch nur bei kryptischen Orakelsprüchen, was anderes ist auch gar nicht möglich. Hier stehen sich nämlich Welten gegenüber, die sich ganz und gar nicht verstehen können. Als Metapher auf eine gespaltene Gesellschaft der Parallelwelten hinterlässt genau das einen bleibenden Eindruck. Der Rest ist ratloses Schweigen. (Marco Frei)

 

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