Landtag

Leopold Herz (68). (Foto: loh)

19.11.2021

Das Unikum

Im Porträt: Leopold Herz (Freie Wähler), Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses

Die Freien Wähler werden oft als heterogene Truppe bezeichnet. Tatsächlich gibt es zum einen die städtischen Akademiker wie Kultusminister Professor Michael Piazolo und auf der anderen Seite Landwirte wie den Vorsitzenden Hubert Aiwanger. Leopold Herz fühlt sich als Vertreter beider Seiten. Seit 2008 sitzt der selbstständige Landwirt und promovierte Agrarwissenschaftler im Landtag. Die Doktorarbeit in den 80er-Jahren sei ein „persönlicher Tick“ gewesen, sagt der heute 68-Jährige und lacht. Beruflich habe ihm das Studium eher weniger genutzt. Obwohl sein Herz am Allgäu hängt, ist die Landeshauptstadt für den gebürtigen Wertacher ein zweites Zuhause. „Meine Frau kommt aus München“, erklärt er. Sie ist Ökotrophologin. Aus der Heimat auszubrechen, eine „neue Welt“ kennenzulernen – das habe ihn schon in jungen Jahren fasziniert.

Herz ist im Landtag ein Unikum. Während vor allem jüngere Abgeordnete ihre Antworten bedächtig abwägen, ist der Vorsitzende des Agrarausschusses schon nach dem ersten Stichwort kaum zu bremsen. In aller Offenheit berichtet der 1953 Geborene über seine zwiespältige Kindheit. Der Vater kam mit 40 Kilogramm aus der Kriegsgefangenschaft und hat dem damals jungen Bub täglich „knackige Ohrfeigen“ verpasst. Seine Mutter versuchte, ihn vor den Schlägen zu schützen und sei liebevoll gewesen. Noch immer träumt Herz regelmäßig von ihr. „Warum bleibst du bei diesem Mann?“, fragte er damals. „Ach, das vergeht schon wieder“, habe seine Mutter geantwortet. Es war eine andere Zeit. Dennoch hegt Herz keinen Groll gegen seinen Vater, im Gegenteil.

„Was ich an ihm schätze, war sein Sinn für Gerechtigkeit“, betont der Abgeordnete. Er habe sich in den 60er-Jahren getraut, vor Ort für eine neue Partei einzutreten, obwohl dort 80 Prozent CSU gewählt haben. Gemeint ist die Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher (AUD) – ein aus heutiger Sicht schwer vorstellbarer Zusammenschluss extrem rechter, aber antifaschistischer Gruppierungen, die ihren Reformansatz mit Umweltschutzforderungen verknüpften und 1979 bei den Grünen aufgingen. Gerade weil Herz junior beim täglichen Eierverkauf im Dorf trotz gegenteiligen Parteiprogramms der AUD als „Kommunistenbübchen“ verschrien war, begann er sich für Politik zu interessieren. „Das Engagement meines Vaters hat mich inspiriert, motiviert und meine politische Laufbahn beflügelt.“

Herz’ politische Karriere begann mit regelmäßigen Leserbriefen in der örtlichen Zeitung. „So wurde ich bekannt“, erzählt er. 1992 wurde er Ortsobmann beim Bayerischen Bauernverband, 1997 Kreisobmann. „Dadurch war ich täglich mit Politikern in Kontakt.“ Herz missfiel, dass die Interessen der klein- und mittelbäuerlichen Landwirtschaft bei den Großkopferten zu kurz kamen. Das kam bei den Menschen vor Ort an. Laut Herz gab es sowohl von der CSU als auch von den Freien Wählern Angebote. Er entschied sich im Jahr 2000 für letztere, weil die CSU eher am Bauernverband orientiert ist, er eher beim Bund Deutscher Milchviehhalter. Für Menschen in der Landwirtschaft ein elementarer Unterschied. 2003 blieben die Freien Wähler bei der Landtagswahl noch unter fünf Prozent, 2008 reichte es dann endlich für den Einzug ins Maximilianeum. Da war Herz 55 Jahre alt.

„Die CSU lähmt uns“

Seit dieser Legislaturperiode sind die Freien Wähler in einer Regierungskoalition mit der CSU, zusätzlich ist Herz Vorsitzender des Agrarausschusses. Ist die politische Arbeit seitdem einfacher geworden? Nein, sagt Herz. Persönlich komme er zwar mit den CSU-Kolleg*innen gut klar. Aber jeder Antrag der Freien Wähler werde von ihnen und anschließend von verschiedenen Ministerien abgeändert. „Am Ende bleibt oft nichts von unseren Zielen übrig, das lähmt uns.“ Zusätzlich habe inzwischen der Wahlkampf für die Landtagswahl 2023 begonnen. Eigentlich will Herz nicht mit denselben Waffen zurückschlagen. „Kürzlich musste ich aber CSU-Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber in einer Pressemeldung angreifen, weil sie uns unsachlich attackiert hat“, klagt Herz. Anscheinend sei die Schonphase jetzt vorbei, weil beide Parteien um dieselben bürgerlichen Wähler kämpften. Außerdem nervt den Abgeordneten, dass teilweise sinnvolle Anträge der AfD in puncto Landwirtschaft grundsätzlich von den anderen Fraktionen abgelehnt werden. „Wir müssen diese Partei politisch bekämpfen – nicht emotional.“

Herz ist generell ein optimistischer Mensch. Um die Landwirtschaft in Bayern macht er sich dennoch Sorgen. 2015 hat er seinen Hof seinem inzwischen 43-jährigen Sohn übergeben – seine drei Töchter (34, 39 und 42 Jahre) hatten kein Interesse. Der Sohn hat nicht zur Begeisterung seines Vaters auf bio umgestellt. Aber Herz ist froh, dass er als gelernter Steuerberater trotz der vielen Vorschriften, Dumpinglöhne und „Verpöntheit in der Gesellschaft“ überhaupt den Hof übernommen hat. In seiner Freizeit unterstützt er ihn. Der Abgeordnete würde sich wünschen, dass es in Bayern wie in Österreich ein Gesetz gegen Niedrigpreise auf bäuerliche Erzeugnisse gibt. Grundsätzlich existiert zwar hierzulande ein Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb. Aber laut Herz fühlt sich in Deutschland keine Behörde dafür verantwortlich. 

Um sich von solchem Ärger abzureagieren, spielt Herz in seiner Freizeit seit seiner Jugend Tischtennis. Als Student ist Herz noch Marathon gelaufen. Er erinnert sich gern daran, wie er mit einem Kommilitonen wegen einer Wette mitten in der Nacht knapp 40 Kilometer von Freising nach Landshut joggte. Im Winter steht zusätzlich Skilanglauf auf dem Programm. Außerdem engagiert er sich in der historischen Trachtengruppe vor Ort. Am liebsten aber sitzt der bekennende 1860-München-Fan mit Freunden und Bekannten am Stammtisch im Wirtshaus. Deren Ansichten seien für ihn eine wichtige Ergänzung zur Landtagsarbeit, viele Themen, die er im Landtag einbringt, kämen von dort. „Es ist doch die Aufgabe der Politik, diesen Meinungen Gehör zu schenken“ – davon ist der Abgeordnete überzeugt. Aktuell könne er aber wegen der 3G-plus-Regel nicht an den Treffen teilnehmen – Herz ist offen ungeimpft. Ob er bei der nächsten Landtagswahl noch mal antritt, ist noch nicht entschieden. „Das“, sagt er ganz entspannt, „entscheide ich nächstes Jahr.“ (David Lohmann)

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