Landtag

Hubert Aiwanger. (Foto: dpa/Matthias Balk)

30.04.2021

Der Multifunktionär

Im Porträt: Hubert Aiwanger (Freie Wähler), stellvertretender Ministerpräsident und Wirtschaftsminister

Sport ist nicht das Erste, was man mit Hubert Aiwanger verbindet. Der Wirtschaftsminister pflegt zwar eine sehr bildreiche Sprache, die in der Politik verbreiteten Fußball-Vergleiche sucht man bei ihm aber vergebens. Dabei war Aiwanger nach eigener Auskunft in jungen Jahren durchaus nicht untalentiert. Bei den Bundesjugendspielen habe er „immer die Goldmedaille abgeräumt“, sprich die seltene und heiß begehrte Ehrenurkunde. Und als Fußballer sei er „schnell, wendig und torgefährlich“ gewesen. Vom „Ausputzer“ bis zum Stürmer habe er alles gespielt, gerannt sei er doppelt so viel wie die anderen. „Ich war vorne und hinten immer alles zugleich“, erinnert er sich.

Daran hat sich im übertragenen Sinn bis heute nichts geändert. Bei den Freien Wählern ist Hubert Aiwanger – seit Kurzem 50 – immer überall zugleich. Er ist Kreisrat, Abgeordneter, Bundes- und Landesvorsitzender, Minister, Vizeregierungschef – und wenn er gedurft hätte, wäre er wohl auch Landtagsfraktionschef geblieben. Überlastung kennt der Multifunktionär offenbar nicht. „Mei“, sagt er mit trotziger Gelassenheit, „da ergibt eines das andere.“ Vier Posten würden ja nicht vierfache Arbeit bedeuten, es gebe schließlich viele Überschneidungen. „Es schaut nach außen schlimmer aus, als es ist.“

Etwas nachdenklicher wird Aiwanger nur, wenn man ihn fragt, ob da noch Zeit für die Familie bleibe. Mit der früheren Landtagskollegin und jetzigen Landrätin von Regensburg, Tanja Schweiger, hat Aiwanger zwei kleine Söhne. „Freilich hätte ich da öfter gerne mehr Zeit“, gibt er zu. Aber ein schlechtes Gewissen plage ihn nicht. „Ich bin ja nicht der Einzige in Bayern, der nicht schon um 16 Uhr Dienstschluss hat.“ Auch dank der Schwiegereltern kriege er die Balance zwischen dem Politiker- und dem Vater-Sein ganz gut hin. Als Konservativer vom Land führt Aiwanger ohnehin ein eher urban anmutendes Familienleben, denn Schweiger und er sind nicht verheiratet.

Bauernbub? Gegen die Bezeichnung wehrt er sich nicht

Auch seine Karriere ist alles andere als gewöhnlich. Gegen die Bezeichnung „Bauernbub“ wehrt er sich nicht. Schon als Jugendlicher hat er am elterlichen Hof in Rottenburg an der Laaber mithelfen müssen, zulasten seiner Fußballer-Laufbahn. Gerne hätten ihn seine Kumpels als Verstärkung im Verein gehabt, doch die Eltern seien dagegen gewesen. „Beim Fußball hauen sie dir nur die Haxn ab, aber wir brauchen dich auf dem Hof“, hätten sie gesagt. So blieb Aiwanger der Landwirtschaft treu, studierte nach dem Abitur Agrarökonomie in Weihenstephan und übernahm den elterlichen Hof.

Schweine und Rinder gab es seinerzeit, verbunden mit viel Arbeit. Inzwischen sind die Tiere weg, sich um sie zu sorgen passt nicht ins Zeitbudget eines Vollblutpolitikers. Den Hof bewirtschaftet Aiwanger noch, aber umgestellt auf nachwachsende Rohstoffe. Angebaut wird die „Durchwachsene Silphie“, eine Energie-Pflanze für Biogasanlagen. Die müsse nur im Frühjahr gedüngt und im Herbst geerntet werden. Dazwischen blühe sie „monatelang bienenfreundlich“, stellt Aiwanger klar. „Es ist alles ökologisch korrekt, was ich mache.“ Das ist ihm genauso wichtig wie der Hinweis auf die Nachhaltigkeit der Jagd, seiner zweiten großen Leidenschaft. Draußen in der Einsamkeit des heimischen Reviers hat der umtriebige Aiwanger sein Rückzugsgebiet.

Seine politische Karriere zündete spät, dafür aber umso heftiger. Erst mit 30 trat er den Freien Wählern bei, weil deren örtliche Vertreter ihm gut gefallen hätten. Ganz im Gegensatz zu denen der CSU. Wenn er von diesen spricht - es war damals die Hochzeit der Stoiber-Ära mit Zweidrittelmehrheit und dem Gefühl der Unbesiegbarkeit –, nutzt Aiwanger das Wort von der „Arroganz der Macht“. Die habe ihn abgestoßen. Er wollte konservative Politik machen, aber ohne die Attitüde der CSU.

„Wenn Söder schon nicht geht, muss ich nach Berlin“

Vom persönlichen Scheitern bei der Stadtratswahl in Rottenburg 2004 ließ sich Aiwanger nicht abschrecken. Im Gegenteil: Der „Bauernbub“ aus Rahstorf begann, schrittweise die große Politik aufzumischen. 2006 wurde er Bezirkschef der Freien Wähler in Niederbayern. Er führte die Gruppierung erstmals zum Politischen Frühschoppen auf dem Gillamoos in Abensberg und hielt dort eine – wie immer und auch heute noch – freie Rede, die ihn über die Grenzen Niederbayerns hinaus bekannt machte. Es war wohl der Grundstein dafür, dass Aiwanger zwei Jahre später im Handstreich und zum Entsetzen des FW-Establishments in einer knappen Stichwahl den Landesverband übernahm. Sein Ziel: die Freien Wähler im dritten Anlauf endlich in den Landtag zu bringen.

Mit einem schier unerschütterlichen Selbstbewusstsein trat Aiwanger vom ersten Tag an im Hohen Haus auf. Schon damals bot er seine FW der CSU als Koalitionspartner an, blitzte aber ab. Die Versuche der angeblich so heimatnahen CSU, ihn wegen seines tief niederbairischen Dialekts als hinterwäldlerisch abzutun, prallten an ihm ab. „Opfelsoft“ lautete sein Spitzname, weil das A in seinem Mund zum O mutiert. Aiwanger steht zu seiner Sprache: „Wer mir das immer noch vorwirft, der disqualifiziert sich und nicht mich.“

Dabei ist der FW-Alleinherrscher Aiwanger auch in den eigenen Reihen nicht unumstritten. Sein Führungsstil sei autoritär, auch wenn sich seine Teamfähigkeit gebessert haben soll, wie man aus der FW-Fraktion im Landtag hört. Stirnrunzeln lösen immer wieder seine kernigen, manchmal verstörend rechtslastigen Aussagen aus, mitunter begleitet vom Vorwurf des Populismus. Der, sagt Aiwanger, lasse ihn kalt. Alles, was er tue, sei, die Stimmung in der Bevölkerung aufzunehmen und diese in sein politisches Handeln einzubauen. Wie man es auch nimmt: In dieser Disziplin ist Aiwanger zweifellos ein Naturtalent.

In der Koalition mit der CSU bekommt Aiwanger darin seit 2018 seine Grenzen aufgezeigt. Regelmäßig arbeitet er gegen die strenge Corona-Marschroute von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) an. Er sieht sich darin durch Volkes Stimme bestätigt, um am Ende im Kabinett doch der Linie Söders folgen zu müssen. Immerhin nimmt er für sich in Anspruch, dabei Korrektiv zu sein und manche lebensnähere Regel durchgesetzt zu haben. Sein Verhältnis zu Söder bezeichnet Aiwanger als ordentlich. Die Zeiten, in denen er Söder zum „Risiko für Bayern“ erklärt hatte, sind vorbei.

Mit der Regierungsbeteiligung sieht sich Aiwanger aber noch nicht am Ende seines politischen Weges. Im Herbst will er die Freien Wähler als Spitzenkandidat in den Bundestag und am besten auch gleich in die Bundesregierung führen. Sollten die FW die Fünfprozenthürde wirklich knacken, würde er seinen Ministerjob in München aufgeben und nach Berlin wechseln. „Wenn der Söder schon nicht geht, dann muss halt ich rauf“, sagt er und lacht sein kehliges Aiwanger-Lachen. Es sollte sich niemand täuschen, dass er das ernst meint. (Jürgen Umlauft)

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