Landtag

Guy Stern mit Schülerinnen des Gymnasiums Max-Joseph-Stift München. (Foto: Landtag, Rolf Poss)

09.05.2019

"Demokratie ist eine zarte Pflanze"

Feierstunde zu Ehren von Guy Stern im Landtag: Mitreißende Worte des Zeitzeugen

"Ich möchte Ihnen, Herr Stern, herzlich dafür danken, dass Sie mitgeholfen haben, Deutschland zu befreien!“ Karl Freller (CSU), Vizepräsident des Bayerischen Landtags und Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, spricht ein großes Wort gelassen aus, als er am 8. Mai bei der Feierstunde zum 74. Jahrestag von Kriegsende und Befreiung im Senatssaal des Maximilianeums den Festredner Guy Stern begrüßt. Guy Stern ist im Januar 1922 in Hildesheim geboren, als einzigem Mitglied seiner jüdischen Familie gelang ihm mit 15 die Flucht in die USA. Als junger Mann war er Mitglied der Ritchie-Boys, einer Spezialtruppe des Military Intelligence Training Centers, bestehend aus deutschsprachigen Juden, die unter anderem für die psychologische Kriegsführung gegen Hitlerdeutschland zuständig war.

Nun ist Guy Stern 97 Jahre alt und hält im Landtag die Festrede zum Jahrestag der Kapitulation. In vielen Ländern wie Frankreich und Russland ist der 8. beziehungsweise 9. Mai seit Jahrzehnten ein Feiertag; in Deutschland dagegen war der 8. Mai lange für viele ein Tag der Trauer. Als Bundespräsident Richard Weizsäcker am 8. Mai 1985 es wagte, erstmals den Satz auszusprechen: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung“, da verließen einzelne CSU-Abgeordnete den Saal.

Nun also, im Jahr 2019, ist es auch im Landtag kein Problem mehr, den 8. Mai als Tag der Befreiung zu begehen. Der Senatssaal ist gut gefüllt, zwei Münchner Gymnasialklassen hören andächtig zu, und Freller zufolge haben immerhin „nahezu 40 Abgeordnete“ (von 205) den Weg in den Senatssaal gefunden, es sind alle sechs Fraktionen vertreten; dennoch bleibt eine ganze Reihe für Abgeordnete reservierter Plätze frei.

„Herr Stern, wir danken Ihnen, dass Sie immer wieder in dieses Land kommen, das für den Tod Ihrer Angehörigen verantwortlich ist.“ Karl Freller deutet das Schicksal von Guy Stern nur an, die Einzelheiten erzählt der Festredner selbst. Der heute 97-Jährige entstammt einer jüdischen Familie aus Hildesheim, die zwar „selbstverständlich an allen jüdischen Veranstaltungen teilnahm“, aber genauso selbstverständlich an allen möglichen allgemeinen. Der Großvater, er trug noch den Vornamen Israel, war Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, bei seiner Beerdigung 1928 hielt der Bürgermeister die Traueransprache. Juden und Christen in Hildesheim, das war in Guy Sterns Kindheit „eine gegenseitige selbstverständliche Unbefangenheit; ich weigere mich, das eine Symbiose zu nennen“.

Kein Funke Hoffnung, sondern ein heller Schein

Wenige Jahre später ist das plötzlich vorbei. 1935 belehrt ein Mitschüler den Musiklehrer, die jüdischen Schüler hätten beim Absingen deutschnationalen Liedguts „gefälligst das Maul zu halten“. Und zwei Jahre später wird Günther Stern, wie er da noch heißt, zu einem Onkel nach Amerika geschickt, nach St. Louis. Diese Entscheidung rettet ihm das Leben. Seine Eltern, seine Schwester Lore und sein Bruder Werner werden deportiert und sterben im Warschauer Ghetto – jenem Ghetto, das als Sammelplatz für die weitere Deportation in die Vernichtungslager dient, das 1943 einen verzweifelten Aufstand gegen die Deutschen unternimmt und vor dessen Denkmal 1970 Willy Brandt auf die Knie sinkt.

Zum ersten Mal betritt Guy Stern wieder deutschen Boden, nachdem er 1944 an der Landung in der Normandie teilgenommen hat. Jahrzehnte später ist er regelmäßig und für längere Zeit hier, da er als Professor für deutsche Literatur- und Kulturgeschichte eine ganze Reihe von Gastprofessuren übernimmt, „last but not least in München an der LMU“. Eines von Sterns Spezialgebieten ist die Exilliteratur, aber er hat auch über Goethe und Wieland geschrieben.

„Die heutige Sachlage“ nennt Stern „bedrohlich“, in den USA genauso wie in Europa stehen für ihn „die Grundlagen der Demokratie“ auf dem Spiel. Die Demokratie sei eine „sehr zarte Pflanze“, die es zu hüten gelte. Was etwa Philip Roth in seinem Roman Verschwörung gegen Amerika (2004) ausmale, könne jederzeit Realität werden: „ein faschistoider Autokrat“ im Weißen Haus. Dennoch ist Stern von Optimismus erfüllt. In leichter Abwandlung eines Gedichts von Hilde Domin plädiert er dafür, „dem Wunder Hoffnung wie einem Vogel die Hand hinzuhalten“, was aber nicht heiße, dass man dabei passiv bleiben solle. Wenn er gefragt werde: Wo bleibt das Positive?, dann antworte er, man müsse einen aufgeklärten Gegenentwurf dagegenhalten – im Gegensatz zu Erich Kästner, der auf diese Frage die Antwort gab: Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt. Nach dem „Sündenfall des Jahrhunderts“ müsse man „zu Vorurteilslosigkeit und Unbefangenheit zurückfinden“; diese „ungetrübte Unbefangenheit“ sei sein Traum. Er sehe aber nicht nur „einen Funken Hoffnung“ wie einst Ernst Bloch, „sondern einen hellen Schein“.

Zeitzeugen wie Guy Stern werden immer weniger, doch Karl Freller macht eine Rechnung auf: Wenn die anwesenden Gymnasiasten 80 sind, schreibt man das Jahr 2100, und dann wird es immerhin noch eine ganze Menge „Zeugen von Zeitzeugen“ geben. Freller ruft zur Teilnahme an der Europawahl auf und bezeichnet das Grundgesetz, das vor 70 Jahren beschlossen wurde, als „wichtiger als alles Gold und Geld“. Der Antisemitismusbeauftragte Ludwig Spaenle (CSU) belässt es bei einem kurzen warnenden Statement: „Wir sehen Ansätze der Geschichtsklitterung. Deshalb: Widersteht den Anfängen!“Zwei Sätze des „Israeli Concertino“ für Geige und Klavier von George Perlman rahmen Sterns Festrede ein, ausgezeichnet gespielt von Schülern; zum Abschluss folgt die Air aus der Suite Nr. 3 in D-Dur von Johann Sebastian Bach, gespielt von einem Streicherquartett mit Kontrabass. (Florian Sendtner)

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