Landtag

Die Zahl der Jugendlichen mit der Diagnose Depression hat sich seit 2005 mehr als verdoppelt. (Foto: dpa/Jens Kalaene)

25.10.2019

Depression: Patienten immer jünger

Psychische Erkrankungen – wie geht man damit um? Auch der Landtag befasst sich damit – im Rahmen einer Ausstellung

Die Zahlen sind traurig. Und: Sie steigen an. Im Jahr 2017 wurde bei 1,23 Prozent der Zehn- bis Vierzehnjährigen in Deutschland die Diagnose Depression gestellt. Bei den Fünfzehn- bis Achtzehnjährigen sind 4,56 Prozent betroffen. 2005 waren es insgesamt nicht mal halb so viele, so eine Hochrechnung der Barmer. Ein Teil des Zuwachses geht darauf zurück, dass die Gesellschaft wachsamer geworden ist für psychische Erkrankungen. Lehrer und Kinderärzte sind besser informiert, Diagnosen werden häufiger gestellt.

Aber dennoch: Mehr denn je sind betroffen. Praktiker wie Franz Joseph Freisleder, ärztlicher Direktor der Heckscher-Klinik in München, versorgen nahezu täglich Kinder und Jugendliche, die nicht mehr weiterwissen. Und nicht mehr weitermachen wollen.

Was man tun kann, damit es gar nicht erst so weit kommt? Dafür sorgen, dass vermeidbare äußere Ursachen eingedämmt werden. Also: überflüssiger Druck, Blaming und Mobbing auf Pausenhöfen und sozialen Plattformen. Darüber hinaus: eine breite Öffentlichkeit sensibilisieren, damit Krankheiten frühzeitig erkannt werden. Und: angemessene Betreuung anbieten.

Letztere wurde in den vergangenen Jahrzehnten in Bayern durchaus ausgebaut. Es gibt ein engmaschiges Netz an Kinder- und Jugendpsychiatern und -therapeuten. Psychiatrische Kliniken für junge Menschen haben in allen sieben Bezirken Tag und Nacht geöffnet. Die flächendeckenden Krisendienste, die seit vergangenem Jahr überall im Freistaat eingerichtet werden, sind ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.

Aber ganz klar: Die Wartezeiten auf Therapieplätze sind viel zu lang. Nicht alle Regionen sind gut versorgt. Es ist viel Luft nach oben. Und das nicht nur im Kinder- und Jugendbereich. Deshalb ist es ein positives Signal, dass das Thema „psychische Erkrankungen“ diese Woche den Weg in den Steinernen Saal des Maximilianeums gefunden hat. Im Kreuzgang vor dem Plenarsaal hängen jetzt lebensgroße Fotografien betroffener Patienten, Pfleger und Ärzte, ununterscheidbar für Laien wie Experten. Ein Konzept, das sich der Unsichtbarkeit psychischer Erkrankungen widmet, entwickelt von einer der bedeutendsten Fotografinnen: Herlinde Koelbl.

Auf dem Podium saßen neben Politikern auch Betroffene und Angehörige, wie die Witwe des Fußballers Robert Enke, Vorstandsvorsitzende der gleichnamigen Stiftung. Auch im Plenarsaal befand sich ein Mann, dessen Mut anrührte. Als junger Mensch war er psychisch erkrankt. Jetzt hob er, von seiner Schwester Doris Rauscher, SPD, öffentlich begrüßt, für alle sichtbar die Hand. Sie sei stolz und froh, ihn hier zu sehen, sagte Rauscher, die als Vorsitzende des Ausschusses für Arbeit, Soziales, Jugend und Familie vorn saß. Das alles ist ein Novum und zeigt: Mit der Enttabuisierung psychischer Krankheiten sind Gesellschaft und Politik ein ganzes Stück weitergekommen.

Für Alexander Spöri, Produzent des engagierten Schülerfilms über Depression, Grau ist keine Farbe, der vorab gezeigt wurde, ist das alles nicht genug. Spöri ist Mitinitiator einer Petition, die fordert, Wissen über psychische Krankheiten im Lehrplan festzuschreiben, angehende Lehrer entsprechend zu schulen, kurz: systematisch und nachhaltig dafür zu sorgen, dass junge Menschen wissen, wie ihnen und ihren Banknachbarn geschieht, wenn die Welt im Grau versinkt.

Erfreulich immerhin: Die Zahl der Suizide sinkt

Der Zehnpunkteplan, den Kultusminister Michael Piazolo (FW) als Antwort auf die Petition verabschiedet hat, reicht Spöri nicht aus. Zwar hatte die Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) in ihren einführenden Worten zugesichert: „Sie haben in der Politik einen verlässlichen Partner.“ Aber auch das war Spöri nicht genug. Er wolle nicht Worte, sondern Taten sehen, sagte er. FDP und Grüne finden ebenfalls: Mehr muss geschehen.

Und natürlich haben sie nicht unrecht. Steigt die Sensibilität für das Krankheitsbild Depression, kann vielen frühzeitig geholfen werden. Allerdings birgt Aufklärung über psychische Krankheiten auch die Gefahr, diese dadurch anzuschieben. Immer wieder wurde in der Vergangenheit der sogenannte Werther-Effekt, die Nachahmung von Suiziden, beobachtet.

Überhaupt: Suizide. Hier zeichnet sich eine erfreuliche Entwicklung ab. Denn so dramatisch die Zahl der Erkrankten auch wächst – die der Suizide sinkt. Seit Beginn der Achtzigerjahre hat sich die Selbstmordrate in ganz Deutschland nahezu halbiert. Auch unter Kindern und Jugendlichen ist sie signifikant zurückgegangen.

„Ich interpretiere das so, dass das Helfersystem recht gut funktioniert“, sagt Freisleder. Seine Klinik hat auch mit der Schulung von Lehrern Erfahrung: Seit Jahren werden hier Fortbildungen für Lehrer und Lehrerinnen durchgeführt. Damit sie erkennen, ob ihre Schüler Unterstützung brauchen. Und tatsächlich: Die Kurse sind immer ausgebucht. Sorgen bereitet ihm und seinen Kollegen allerdings die neue Psychiatriepersonalverordnung, die gerade in Berlin verhandelt wird. Sollte sie durchkommen, würde die Versorgung der Patienten nicht verbessert, sondern verschlechtert. Zudem geht der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Nachwuchs aus. Ärzte sind knapp, vor allem aber fehlt, wie überall: Pflegepersonal.
(Monika Goetsch)

Die Ausstellung „Psychische Erkrankungen im Blick“ ist bis zum 15. November im Kreuzgang des bayerischen Landtags zu besichtigen. Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 9 Uhr bis 16 Uhr, Freitag 9 Uhr bis 13 Uhr.

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