Landtag

Benno Zierer. (Foto: dpa, Andreas Gebert)

17.01.2020

Der Kümmerer

Im Porträt: Der Freie-Wähler-Abgeordnete Benno Zierer

Dass der Landwirt Benno Zierer bei den Freien Wählern gelandet ist, hat ausgerechnet mit dem CSU-Säulenheiligen Otto Wiesheu zu tun. Der spätere Generalsekretär und Minister war Ende der 1970er-Jahre schon wortgewaltiger Landtagsabgeordneter und hatte an einem Sonntag zu einer Veranstaltung im Nachbarort eingeladen. Zierer, damals Anfang 20, fuhr nach dem Kirchgang hin. Er wollte sich live anhören, was sein Stimmkreisabgeordneter zu sagen hat. Als Wiesheu dann – wie sich Zierer erinnert – die CSU-Agrar-politik „in den Himmel ’nauf g’lobt“ und Kritiker als Ignoranten abgekanzelt hatte, fasste sich der Jungbauer ein Herz und hakte nach. Denn Wiesheus Worte und sein tägliches Erleben als Landwirt hätten nicht zusammengepasst, sagt Zierer. Wie einen „kleinen Rotzlöffel“ habe ihn Wiesheu dann vor versammelter Mannschaft „zusammengefaltet“. „Von dem Tag an war mir klar: Eine Partei, die keine Kritik verträgt, wird nie meine Heimat sein.“

Obwohl noch ein junger Kerl, trug Zierer damals schon die Verantwortung für den elterlichen Bauernhof in Kleinbachern, heute ein Ortsteil der Domstadt Freising. 1972, mit gerade mal 16 Jahren, musste er den Hof vom schwer erkrankten Vater übernehmen. „Da wird man schnell erwachsen“, sagt Zierer im Rückblick. Er hielt den Hof am Leben, gründete eine Familie und musste 1990 doch seine Kühe verkaufen. Wie viele Bauern stand er damals vor der Alternative „wachsen oder weichen“. Er hätte gerne weitergemacht, doch die Hofstelle in Kleinbachern war an ihre Grenzen gelangt. Zierer hätte den Betrieb aussiedeln und sich dafür hoch verschulden müssen.

Seine Frau attestiert ihm ein "Helfer-Gen"

Er habe damals den „großen Familienrat“ einberufen, erzählt er, und gemeinsam sei man zu dem Schluss gekommen, den Hof im Vollerwerb aufzugeben. Die Trennung von den Tieren sei ein „schmerzhafter Schritt“ gewesen. In der Folge verdiente Zierer sein Geld im Garten- und Landschaftsbau und mit der Landschaftspflege. Mit den Einnahmen aus dem Verkauf der Kühe baute er den Hof zu einer Einrichtung der Lebenshilfe für körperlich und geistig schwer behinderte Menschen um. Seither lebt die Familie Zierer Tür an Tür mit den Behinderten. Erst kürzlich habe man ganz groß das 25-Jährige gefeiert, berichtet Zierer stolz.

In die Politik ist Zierer fast zeitgleich mit seinem Wiesheu-Erlebnis hineingewachsen. Begonnen hat es im örtlichen Schützenverein, in dessen Vorstand er schon mit 22 gewählt worden war. „Da gehst abends zum Wirt und kommst mit einem Amt heim“, schildert Zierer den auch für ihn überraschenden Ablauf.

Gewehrt hat er sich offenbar nicht. Zierer beschreibt sich selbst als „Kümmerer“, seine Frau habe ihm früh ein „Helfer-Gen“ attestiert. So wurde er das Sprachrohr der Leute im Dorf, die sich nach der Eingemeindung nach Freising darüber geärgert hätten, dass ihre Belange in der großen Stadt keine Beachtung gefunden hätten. Sein erster Erfolg sei die Errichtung eines Wartehäuschens an der Bushaltestelle gewesen. „Du Benno“, habe es danach immer wieder geheißen, „wo jetzt des mit dem Bushaisl geklappt hat, kannst dich net auch um des und des kümmern?“

Trotz seines Engagements und der Förderung durch den seinerzeitigen Freisinger Oberbürgermeister Adolf Schäfer schaffte es Zierer 1990 erst im dritten Anlauf in den Freisinger Stadtrat. Von 2008 bis 2013 fungierte er als Bürgermeister unter dem SPD-OB Dieter Thalhammer. In den Landtag lotste ihn 2013 sein Vorgänger Manfred Pointner. Er habe Bedenken gehabt wegen des Jobs „droben in München“, bekennt Zierer. Doch Pointner habe nicht nachgelassen. „Wir haben so viele Juristen und gscheite Leute im Landtag, wir brauchen Menschen wie dich aus der Praxis“, habe Pointner argumentiert.

Von der Macht des Regierungsapparats ist er noch immer geschockt

Im Landkreis Freising war Zierer damals längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Sein vielfältiges Engagement und seine Redseligkeit hatten ihn bekannt gemacht. Den Turbo zündete letztendlich der Bau des Münchner Flughafens vor den Toren Freisings. Zierer ist ein Airport-Gegner der ersten Stunde. Wenn CSU-Größen in der Stadt gewesen seien, habe er sein „Lärmmobil“ aus er Garage geholt und sei damit durch die Straßen Freisings gefahren. Auf einem Lieferwagen seiner Firma hatte er dazu ein selbst gebasteltes Holzflugzeug montiert, eine Lautsprecheranlage dazu – und damit habe man den Fluglärm simuliert, der den Anwohnern drohe. Verhindern können habe man den Bau des Flughafens mit solchen Aktionen zwar nicht, aber beim Lärmschutz sei doch einiges erreicht worden, zieht Zierer Bilanz.

Der Flughafen, genauer der Plan zum Bau einer dritten Startbahn, beschäftigt Zierer bis heute. Dass in den Koalitionsverhandlungen mit der CSU nur ein Moratorium bis 2023 herausgekommen ist, wertet er wegen des Widerstands des CSU-Wirtschaftsflügels durchaus als Erfolg. Am Anfang der Verhandlungen habe es noch danach ausgesehen, als ob die Startbahn überhaupt nicht Thema werde, um die Koalition nicht als Ganzes zu gefährden, berichtet Zierer.

Dass es anders gekommen ist, schreibt er sich auch auf seine Fahnen: „Ich habe intern klargemacht: Sollte die Startbahnfrage gar nicht verhandelt werden, verlasse ich die Fraktion.“ Aus seiner Sicht ist das Projekt eines Moratoriums beerdigt, da die planungsrechtlichen Grundlagen mit der weiteren Verzögerung obsolet seien. „Für mich ist die dritte Startbahn tot, man muss nur noch den Deckel draufmachen und zuschrauben.“ In weiten Teilen der CSU sieht man das noch anders.

"Rettet die Bienen" fand er nicht gut

Ohne ernsthafte Gefahr für den Fraktions- oder Koalitionsfrieden ist Zierer bei seiner ablehnenden Haltung zum Artenschutz-Volksbegehren „Rettet die Bienen“ und dem begleitenden Versöhnungsgesetz geblieben. Dass am Ende eine Handvoll Freie Wähler im Landtag gegen die Vorlagen gestimmt hatte, war auf seine Initiative zurückgegangen. Zierer fehlte der von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) versprochene Gesellschaftsvertrag. Alle Auflagen beträfen nur die Landwirte, während Verbrauchern und Handel keine Pflichten auferlegt würden. Als gelernter Landwirt habe er das nicht mittragen können. Und wie lässt sich das mit seiner Rolle als umweltpolitischer Sprecher der Freien Wähler verbinden? Zierer glaubt, das passte gut zusammen, weil er aus der Praxis heraus argumentierte. „Ich stehe nicht für Wunschdenken als Politik. Politik muss praktikabel sein und akzeptiert werden.“

Ernüchtert zeigt sich Zierer aber über seine Möglichkeiten als Abgeordneter einer Regierungsfraktion. Vor allem mit den Ministerien habe er sich ein kooperativeres Miteinander vorgestellt – wobei das Problem nicht die Minister seien, wie er betont. „Es ist schon befremdlich, wenn man sich als Abgeordneter einer Regierungsfraktion Informationen aus den Ministerien erkämpfen muss“, zürnt Zierer.

Nicht besser mache es das Ganze, dass die Freien Wähler da in einer „Schicksalsgemeinschaft mit der CSU“ lebten. Er sei davon ausgegangen, in der Regierung schneller Fehlentwicklungen korrigieren zu können. Doch gegen die Macht des Apparats sei nur schwer anzukommen. „Das ist oft so ernüchternd, da könnte man fast Depressionen bekommen“, stöhnt Zierer. Bevor es aber so weit sei, würde er eher aus dem Landtag ausscheiden. Ob er 2023 mit dann 67 Jahren noch einmal antritt, hat Benno Zierer noch nicht entschieden. (Jürgen Umlauft)

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