Landtag

Bauministerin Kerstin Schreyer (CSU). (Foto: BSZ)

03.07.2020

Die Robuste

Im Porträt: Kerstin Schreyer (CSU), Ministerin für Wohnen, Bau und Verkehr

„Kerstin, du wirst nie Karriere machen!“ Ausgerechnet von ihrer CSU-Kollegin Ursula Männle, die sich als Abgeordnete und Ministerin stets für mehr Frauen in der Politik eingesetzt hatte, musste sich Kerstin Schreyer einst diesen Satz anhören. Männles Begründung damals: „Weil du immer an das Gute im Menschen glaubst.“

Männle irrte sich mit dieser Prognose bekanntermaßen gewaltig. Kerstin Schreyer zog 2008 erstmals in den Landtag ein, wurde 2013 Vize der CSU-Fraktion, 2017 Integrationsbeauftragte und 2018 Sozialministerin. Seit Februar 2020 verantwortet die 49-jährige Unterhachingerin eines der größten Ministerien – das für Wohnen, Bau und Verkehr. „Nach Ilse Aigner bin ich die zweite Frau in der Geschichte des Freistaats, die so ein großes Ministerium führen darf“, erklärt Schreyer stolz und betont: „Offenbar kann man also doch auch mit einer Grundhaltung, wie ich sie vertrete, Karriere machen.“

Ihren besonderen Blick auf die Menschen bringt Schreyer aus der Sozialpädagogik mit. So lange suchen, bis man in einem Menschen etwas Gutes findet – das lerne man in der therapeutischen Ausbildung, erklärt die Oberbayerin, die viele Jahre in der Jugendhilfe sowie Erwachsenenpsychiatrie und -bildung gearbeitet hat. „Und ich schaffe es, in jedem Menschen etwas Gutes zu finden“, sagt Schreyer. „Auch, wenn ich bei manchem vielleicht länger suchen muss.“

Eine hemdsärmelige Sozialpädagogin nennt sich Schreyer selbst

Ran an die Menschen, um zu sehen, was sie bewegt: Für Schreyer ist das ein unverzichtbarer Bestandteil ihrer politischen Arbeit. Bitter war für sie deshalb, dass ihre Einarbeitungszeit im Bauministerium ausgerechnet mit der Corona-Krise zusammenfiel. „16 bis 17 Stunden an einem Schreibtisch zu sitzen“ sei für sie, „die hemdsärmelige Sozialpädagogin“, wie sie sich selbst bezeichnet, eine ganz große Herausforderung gewesen. Jetzt aber kann sie wieder in ganz Bayern unterwegs sein.

Durchsetzungsstark, diszipliniert und fleißig – das sind die Attribute, mit denen Schreyer am häufigsten bedacht wird, hört man sich bei ihren CSU-Kollegen um. In ihrer kurzen Amtszeit als Sozialministerin hat sie viel bewegt. Die Einführung des bayerischen Familiengelds 2018 gehörte zu den Maßnahmen, die ihr besonders wichtig waren. Eltern bekommen seither 250 Euro pro Monat und Kind im zweiten und dritten Lebensjahr – egal, ob sie die Kinder selbst betreuen oder nicht.

Auch für eine Ausweitung der Gewaltprävention und für eine höhere Förderung von Frauenhäusern und Hilfsangeboten in Bayern hat Schreyer gesorgt – nach jahrelangem Stillstand. Das rechnen ihr auch die Wohlfahrtsverbände in Bayern hoch an. Sie bedauerten es, als Schreyer das Sozialministerium verließ. Auch weil sie ihre Art der Kommunikation schätzten. Schreyer machte nie falsche Versprechungen, heißt es selbst von Verbänden, die der CSU eher kritisch gegenüberstehen. Sie sei immer sehr verlässlich darin gewesen, Zusagen einzuhalten.

Schreyer hat sich den Respekt, den sie heute genießt, hart erarbeitet. Und hat in ihrer Karriere einiges einstecken müssen. 2008 war sie im Stimmkreis München-Land-Süd bereits als Direktkandidatin für die Landtagswahl aufgestellt, da machte ihr der damalige Finanzstaatssekretär Georg Fahrenschon die Kandidatur unerwartet wieder streitig. Nur auf massiven Druck aus der Parteibasis, vor allem vonseiten der Frauenunion, wurde die bereits angesetzte Wiederholung der Nominierungswahl wieder abgeblasen. 2015 unterlag sie dann in einer Kampfabstimmung um den CSU-Kreisvorsitz München-Land dem Bundestagsabgeordneten Florian Hahn.

Für manche anstrengend: Schreyers große Ungeduld

Jetzt aber ist es Schreyer, die auf einem Ministersessel sitzt. Was viele Ministeriumsmitarbeiter*innen an ihr schätzen: Sie macht auch dort klare Ansagen, „schwurbelt nicht herum“. Was sie manchmal aber weniger goutieren, ist Schreyers große Ungeduld. Was die 49-Jährige gar nicht hören kann: „Das geht nicht.“ Oder: „Das haben wir noch nie so gemacht.“ „Ich bin ein Schrecken für Menschen, die in der Verwaltung das Verwalten gelernt haben“, sagt Schreyer und fügt selbstbewusst an: „Für diejenigen, die in der Verwaltung gestalten gelernt haben, bin ich aber durchaus eine große Freude. Denn mit mir kann man gestalten.“

So selbstbewusst war Schreyer nicht immer. Als sie 1988 in die Junge Union eintreten wollte, lud sie der damalige JU-Chef zu einem Grillfest in den Ortspark Unterhaching ein. Weil dort nur junge Männer waren, kehrte sie wieder um. So schüchtern war sie damals. Beim nächsten Treffen aber klappte es dann.

1996 wurde Schreyer in den Gemeinde- und Kreistag gewählt, in letzterem sitzt sie bis heute. Und doch sagt sie erstaunlicherweise: „Es gibt heute noch Situationen, in denen ich zurückfalle und wieder sehr verunsichert bin.“ Zum Beispiel in Situationen, in denen sie keinen Menschen kenne.

Das Sozialministerium abzugeben, ist Schreyer nicht leichtgefallen. Selbst im neuen Ressort sei sie aber „nach wie vor Sozialpolitikerin mit Leib und Seele“, sagt sie. Wie gut die Sozialpolitik auch zu den Bereichen Wohnen, Bau und Verkehr passe, habe schließlich Corona noch einmal stark gezeigt. „Wenn nur ein Drittel der Wohnungen in München einen Balkon oder Garten haben, ist das eine zutiefst sozialpolitische Frage“, sagt sie. Menschen müssten sich in ihren Wohnungen wohlfühlen und sich Wohnraum leisten können – überall in Bayern. Und auch als Bauministerin will Schreyer mit den Leuten möglichst selbst reden, mit eigenen Augen sehen, wo es hakt und wie es wo läuft. Zum Beispiel bei Baustellenbesichtigungen, wo sie mit ihrer bodenständigen und robusten Art gut ankommt. Schreyer ist keine Frau, die ein Problem damit hat, wenn es dort auch mal Dreck von der Decke regnet.

Für Hobbys allerdings bleibt Schreyer heute kaum mehr Zeit. Schwimmen, Tanzen, Skifahren, Lesen – das geht nur noch selten. Ihre wenige Freizeit investiert sie vor allem in Familie und Freunde. Schreyer ist geschieden und hat eine 14-jährige Tochter.

Was Schreyer total nervt, ist die Frage, wie sie das mit der Betreuung organisiert. Dann antwortet sie schon mal flapsig: „Ich hänge meine Tochter in den Wandschrank und hole sie abends wieder raus.“ Weil immer nur Frauen das gefragt werden. „Als ich das erste Mal für den Landtag kandidiert habe, war meine Tochter zweieinhalb und mein Gegenkandidat hatte zwei kleine Kinder“, sagt Schreyer und fügt an: „Ihm wurde diese Frage nie gestellt.“
(Angelika Kahl)

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