Landtag

Harald Meußgeier. (Foto: BSZ)

12.04.2024

Ein Mann aus dem Volk

Der AfD-Abgeordnete Harald Meußgeier im Porträt

Im Grunde ist Harald Meußgeier ein Volksvertreter wie aus dem Lehrbuch. Ein Vertreter zumindest jenes Teiles des Volks, der sich „von denen da oben“ unverstanden und irgendwie hintergangen fühlt, der Bauchgefühl und Stammtischwahrheiten eher traut als Fakten. Und der einen etwas verklärten Blick auf vergangene Zeiten hat. Aber auch eines Volkes, das Tag für Tag in die Arbeit geht und dort anpackt, wo nach seinem Verständnis Hilfe gebraucht wird. 19,9 Prozent der Erststimmen hat Meußgeier (62) als AfD-Kandidat im Stimmkreis Kronach-Lichtenfels geholt, Platz zwei hinter dem CSU-Mandatsträger. Im Landtag ist er jetzt einer, der seines Volkes Stimme ungefiltert, aber oft auch ungeprüft ins Parlament trägt.

Nach dem Hauptschulabschluss absolvierte Meußgeier eine Lehre als Maschinenschlosser. Dem Wehrdienst bei der Bundeswehr folgte für drei Jahre der Job bei einer Firma, die Panzerglasschleusen und schusssichere Scheiben in Banken installierte. Meußgeier treten noch heute fast die Schweißperlen auf die Stirn, wenn er vom Schuften mit den schweren Scheiben erzählt. Danach heuerte er wieder in der Maschinenfabrik seiner Lehrzeit an, wo er bis zu seiner Wahl in den Landtag blieb. Nebenbei bildete sich Meußgeier zur IT-Fachkraft weiter und gründete seine eigene Firma. Bis zu 350 Kund*innen betreute er in Fragen rund um Computer-Software und Netzwerkeinrichtung.

Seinen Tagesablauf damals schildert Meußgeier so: Früh umvier in die Maschinenfabrik, nachmittags und abends den IT-Zweitjob erledigt. 16-Stunden-Tage seien keine Seltenheit gewesen, doch er habe überall seine Leistung erbracht, sagt er nicht ohne Stolz. Stolz ist er auch auf die Auszeichnung „Kavalier der Straße“, die er als junger Mann für seinen lebensrettenden Einsatz bei einem Verkehrsunfall erhalten hatte. „Wenn ich etwas mache, dann mache ich es gscheit – so habe ich das immer in meinem Leben gehalten.“ Genauso sei es auch gewesen, als er 2017 in die AfD eingetreten sei. 2019 war er schon Kreisvorsitzender, ein Jahr später Stadt- und Kreisrat in Kronach, zuletzt Mitarbeiter beim heutigen Landtagsfraktionsvize Martin Böhm.

Dabei habe er sich lange gar nicht für Politik interessiert, erzählt Meußgeier. Es sei ihm da gegangen wie vielen: Als Einzelner könne man doch eh nichts ändern. Doch er habe gelernt, dass dieser Ansatz falsch sei. „Man muss sich engagieren und für seine Ziele Mehrheiten organisieren. So funktioniert Demokratie.“ In die AfD hat es ihn letztlich gezogen, weil die sein Empfinden ansprach mit ihrer Kritik an der „unkontrollierten Massenmigration“ und den Euro-Rettungsschirmen. Denn es sei ja so, führt Meußgeier nun aus: Seit der Euro-Einführung gehe es wirtschaftlich bergab, die Leute hätten immer weniger Geld in der Tasche. Deutschland sei heute das „Lohndumpingland in Europa“.

Aussagen, die mehr Gefühl als Fakten sind. Denn nach den Daten der Statistikämter sind die Wirtschaft und die Reallöhne gerade in Bayern seit der Jahrtausendwende fast ständig gewachsen. Auch in Sachen Windkraft stellt Meußgeier Behauptungen auf, die einer Überprüfung nicht standhalten. So führe der Mikro-plastik-Abrieb an den Rotoren dazu, dass in der Nähe der Anlagen Trinkwasserbrunnen geschlossen und Äcker für den Anbau gesperrt worden seien, behauptet Meußgeier.

Einige Behauptungen halten der Überprüfung nicht stand

Doch weder im Umwelt- noch im Agrarministerium sind solche Fälle bekannt. Und bei den Kosten, sagt Meußgeier, werde die Bevölkerung „belogen“. Die millionenteuren Windräder würden sich doch nur rentieren, weil deren Bau mit bis zu 80 Prozent gefördert werde. Tatsächlich aber gibt es außer der Einspeisevergütung nur staatliche Hilfen für Planung und Genehmigung von maximal 200 000 Euro, und das nur für Bürgerenergieprojekte.

Dabei wirkt Meußgeier nicht so, als würde er Fake News und Verschwörungsmythen bewusst und mit Absicht verbreiten. Es scheint eher so, als ob die vom Bürger Meußgeier gefühlten Wahrheiten vom Abgeordneten Meußgeier einfach weitererzählt werden, weil sie ins eigene Weltbild passen. So könnte es auch gewesen sein mit seinem 2017 verbreiteten Satz über den Islam, der keine Religion sei, weder Frieden noch Barmherzigkeit kenne, sondern nur „Frauenverachtung, Mord und Terror“. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (VGH) stützte seinen Beschluss, die Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz zuzulassen, auch auf diese islamfeindliche Aussage. Meußgeier selbst fühlt sich missverstanden, er habe nur den radikalen politischen Islam gemeint. Eine Erklärung, die der VGH für nachgeschoben und deshalb unglaubwürdig hält. Meußgeier betont dennoch, nichts gegen muslimische Menschen zu haben, „die ihren Glauben friedlich leben“.

Im Landtag, wo er im Umwelt- und im Agrarausschuss sitzt, ist Meußgeier bislang nicht mit extremen Äußerungen aufgefallen. Mit der Unterteilung der AfD in die Anhänger des Thüringer Extremisten Björn Höcke und in andere Strömungen kann er nach eigener Aussage nichts anfangen. „Ich bin AfDler“, sagt er schlicht. Allerdings habe er mit Höcke keine Probleme. Er habe diesen öfter live reden gehört, „da gab es keinen Punkt, wo ich sage, ich könnte nicht dahinterstehen“.

Sein Blick auf die nach rechts gerückte AfD-Fraktion im Landtag scheint ambivalent. Einerseits verteidigt Meußgeier das Festhalten am umstrittenen Burschenschafter Daniel Halemba, solange die gegen diesen erhobenen Vorwürfe in Sachen Volksverhetzung nicht bewiesen seien, zum anderen wirkt es so, als fremdle er mit den Auftritten der streng gescheitelten Jungspunde. Er sei nicht mit allem einverstanden und sage das auch in der Fraktion. Trotzdem zeigt er Nachsicht: „Wir sind doch alle einmal jung gewesen.“

Als Ausgleich zu Beruf und jetzt Abgeordnetentätigkeit hat Meußgeier vor wenigen Jahren seine Leidenschaft fürs Motorradfahren wiederentdeckt. Als junger Mann ist er Motocross gefahren, inzwischen genießt er Ausfahrten auf seiner neuen Maschine. Zweimal pro Woche betreibt er zudem Kraftsport, um fit zu bleiben. (Jürgen Umlauft)
 

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